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Treibgut auf La Réunion angeschwemmt: Gehörte dieser Koffer einem Opfer von Flug MH370?

Das mysteriöse Verschwinden von MH370 hält die Welt seit anderthalb Jahren in Atem. Auf der Insel La Réunion wurden nun ein Wrackteil und ein Koffer entdeckt. Geben sie Hinweise auf den Unglücksflug?

Ein Mitglied eines Strandreinigungsteams hält einen zerschlissenen Koffer in der Hand, der möglicherweise vom vermissten Flug MH370 stammen könnte

Ein Mitglied eines Strandreinigungsteams hält einen zerschlissenen Koffer in der Hand, der möglicherweise vom vermissten Flug MH370 stammen könnte

Einen Tag nach dem Fund eines Flugzeugwrackteils auf der Insel La Réunion ist auch ein Teil eines Koffers entdeckt worden. Es sei an der selben Stelle aufgetaucht, wo das Wrackteil angeschwemmt wurde, berichtete die Regionalzeitung "Le Journal de l'Île de la Réunion" am Donnerstag auf ihrer Internetseite. Ein Journalist der Zeitung veröffentlichte ein Foto auf Twitter, das die zerrissenen Überreste des Koffers zeigen soll.

Die Gendarmerie habe das Fundstück mitgenommen, meldete die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Zeugen. "Das Kofferstück war seit gestern dort, aber niemand hat darauf geachtet", sagte Johnny Bègue, der das Flugzeugwrackteil entdeckt hatte. Die Herkunft des Wrackteils ist nach Angaben der Präfektur noch nicht geklärt. Es könnte die erste heiße Spur zum verschollenen sein.

Eine Pfefferschote führt zum Wrackteil

Beim Auffinden des Wrackteils spielte eine Pfefferschote eine entscheidende Rolle. Denn Johnny Bègue, der den Gegenstand entdeckte, wollte eigentlich am Strand nach einem Stein suchen, um eine Peperoni zu zerreiben - und sah dann ein "merkwürdiges Ding" am Ufer.

 Bègue leitet ein Team, das im Auftrag eines Vereins den Strand der Gemeinde Saint-André im Osten von Le Réunion säubert. "Wir haben um sieben Uhr angefangen zu arbeiten" erzählt er. "Gegen neun Uhr haben wir eine Pause eingelegt. Ich wollte am Strand einen runden Kieselstein suchen, um ihn als Stößel zu benutzen. Da habe ich am Ufer so ein merkwürdiges Ding gesehen."

"Ich habe gleich gesehen, dass das ein Flugzeugteil ist", versichert Cédric Gobalsoumy, der zu dem Reinigungsteam gehört. Mit seinen Kollegen habe er das Teil weiter an Land gezogen, um zu verhindern, dass es von den Wellen fortgeschwemmt wird.

"Ein Flugzeugteil im Meer ist ja nicht normal"

Zuerst hätten sie das Wrackteil einfach liegen lassen wollen. "Doch dann habe ich mir gesagt, das können wir nicht tun", sagt Gobalsoumy. "Ein Flugzeugteil im Meer ist ja nicht normal. Wir haben uns gesagt, in diesem Flugzeug sind vielleicht Menschen gestorben, und die Familien würden wissen wollen, was geschehen ist." Das Team benachrichtigte daraufhin die Polizei.

Die Nachricht von dem Wrackteil ging rasch um die Welt - und entfachte prompt neue Spekulationen über die vermisste der Malaysia-Airlines, die im März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden war. Die Bewohner der Insel La Réunion im Indischen Ozean reagieren eher amüsiert auf den Medienrummel. "Sogar CNN in den USA spricht von uns und zeigt die Insel auf einer Karte", freut sich Jean-Marc Alagama, ein 43 Jahre alter Familienvater.

Australiens Vize-Premierminister Warren Truss hält es für eine "realistische Möglichkeit", dass das etwa zwei Meter lange, mit Muscheln besetzte Teil von dem mit insgesamt 239 Menschen verschwundenen Flugzeug stammt. Australien koordiniert die Suche nach MH370 im südlichen Indischen Ozean. Dort, etwa 4000 Kilometer von der Fundstelle entfernt, soll MH370 der Theorie zufolge vor 16 Monaten abgestürzt sein. Winde und Strömungen könnten schwimmende Teile so weit bringen, sagen Meeresforscher.

Der Fund auf der französischen Insel La Réunion, Hunderte Kilometer vor der Ostküste Afrikas, sei eine bedeutende Spur, sagte Truss. An dem Wrackteil, das eine Flügelklappe zu sein scheine, sei die aufgedruckte Nummer BB670 gefunden worden. Das sei keine Serien- oder Registrierungsnummer, aber vielleicht eine Wartungsnummer. Auch diese könne helfen, die Herkunft des Flugzeugteils zu bestimmen.

Die Piloten schlugen keinen Alarm

Das Flugzeug war am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur in Malaysia nach Peking vom Radar verschwunden. Es flog den Ermittlungen zufolge noch sieben Stunden nach dem letzten Radarkontakt Richtung Süden, wie automatische Satellitensignale nahelegten.

Ermittler gehen bislang davon aus, dass die Maschine abstürzte, als der Treibstoff ausging. Niemand weiß, was an Bord passiert ist. Die Piloten hatten nie Probleme gemeldet oder Alarm geschlagen.


Experten untersuchen das Wrackteil derzeit, um herauszubekommen, von welchem Flugzeugtyp es stammt. MH370 war eine Boeing 777 – die einzige Maschine dieser Art, die derzeit vermisst wird. Die französische Flugunfall-Untersuchungsbehörde Bea hat Experten nach La Réunion geschickt, um die Ermittlungen zu koordinieren.

"Wir haben bislang keine eindeutige Verbindung nachgewiesen zum Flug MH370", sagte ein Sprecher der Gendarmerie. Auch die Präfektur der Insel erklärte, das Fundstück sei noch nicht identifiziert. "Keine Hypothese kann ausgeschlossen werden, einschließlich der Herkunft von einer Boeing 777."

Forscher erwarteten Wrackteile in Madagaskar

Australische Meeresforscher stützten die MH370-Theorie. "Wir hatten erwartet, dass 12 bis 18 Monate nach dem Absturz Teile in Madagaskar oder Umgebung auftauchen", sagte Küsten-Ozeanograph Charitha Pattiaratchi von der Universität Westaustraliens. Er hoffe, dass noch weitere Wrackteile gefunden werden. Der Rumpf des Flugzeugs liege aber wohl auf dem Meeresgrund. Auch Jochen Kämpf von der Flinders-Universität in Adelaide meint, schwimmende Teile könnten den Indischen Ozean durchqueren. In einem Jahr schafften sie dort 6000 Kilometer.

Die Forscher dämpfen aber Erwartungen, vom Fundort eines Treibgut-Stücks Rückschlüsse auf die Absturzstelle ziehen zu können. "Wir wüssten höchstens: Sie ist im östlichen Teil des Ozeans, südlich des Äquators und nicht zu nah an der australischen Küste", sagte Kämpf.

Das sei ungenauer als das 120.000 Quadratkilometer große Gebiet, das mit Hilfe von Satellitensignalen ermittelt wurde. Dort suchen derzeit Schiffe mit Unterwasser- und Sonargeräten. Es ist eine der abgelegendsten Meeresregionen der Welt. Das Wasser ist dort teils 6000 Meter tief.

Sicherheitskräfte stehen an dem Strandabschnitt auf der Insel La Réunion, an dem das Wrackteil und der Koffer gefunden wurden

Sicherheitskräfte stehen an dem Strandabschnitt auf der Insel La Réunion, an dem das Wrackteil und der Koffer gefunden wurden


Der Luftfahrtforscher Peter Marosszeky von der Universität von New South Wales sagte dem australischen Rundfunksender ABC, die Bestimmung des Wrackteils müsste eigentlich schnell gehen. Jedes Teil trage normalerweise eine sicher befestigte Edelstahlplatte mit Nummern. Das gefundene Tragflügelteil sehe nicht so aus, als sei es durch eine Explosion vom Rumpf getrennt worden, sagte John Cox, Chef der Luftfahrt-Consultingfirma Safety Operating Systems, dem US-Sender NBC. Sollte das Teil zu der vermissten Boeing gehören, deute dies auf eine "sanfte Landung" hin, wahrscheinlich auf dem Wasser.

Malaysia Airlines wollte sich an Spekulationen über den Fund zunächst nicht beteiligen. "Im Moment wäre es für die Airline zu früh, über die Herkunft des Objekts zu spekulieren", teilte Malaysia Airlines in Kuala Lumpur mit. Auch die malaysische Regierung warnte davor, voreilige Schlüsse zu ziehen, ehe es nicht eindeutige Beweise gebe.


mka / DPA / AFP