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Krieg in der Ukraine 220 Kilometer, vorbei an Leichen und Massengräbern: Mann flieht mit Hund zu Fuß aus Mariupol

Ukraine: Hund vor einem zerstörten Haus in Mariupol
Ein Hund vor einem zerstörten Haus in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol (Symbolbild)
© Leon Klein / Picture Alliance
Ein Mann aus Mariupol machte sich zu Fuß auf den Weg, als die russischen Truppen seinen Teil der Stadt erreichten. Sein Ziel: die 220 Kilometer entfernte Stadt Saporischschja.

Wie kaum eine andere ukrainische Stadt leidet Mariupol unter dem Angriffskrieg Russlands. Die russische Armee hatte die Hafenstadt komplett eingeschlossen, viele Menschen starben im Bombenhagel, der auch zivile Ziele traf. Nur nach und nach konnten über humanitäre Korridore Bewohner:innen der Stadt evakuiert werden. Igor Pedin entschloss sich aber dazu, Mariupol auf eigene Faust zu verlassen.

Am 23. April, als die russische Armee in seinen Teil der Stadt vorgerückt war, machte sich der 61-Jährige zu Fuß auf den Weg, berichtet die englische Tageszeitung "Guardian". Im Gepäck hatte er einen kleinen Rollkoffer mit Essensvorräten – und seinen Hund Zhu-Zhu, einen neun Jahre alten Mischlings-Terrier, den er nicht in der vom Krieg gebeutelten Stadt zurücklassen wollte. Das Ziel war Saporischschja in der südlichen Ukraine, 220 Kilometer von Mariupol entfernt.

Ukraine: Flucht voller Gefahren aus Mariupol

Dort hoffte Pedin zumindest mehr Sicherheit zu finden als in seiner Heimat. Tatsächlich gelang es ihm, wohlbehalten dort anzukommen, mittlerweile befindet er sich in der Hauptstadt Kiew. Doch auf der langen Flucht war der ehemalige Schiffskoch großen Gefahren ausgesetzt. 45 Stunden gibt Google Maps für den Fußweg zwischen beiden Städten an, in Deutschland würde das ungefähr der Strecke zwischen Stuttgart und München entsprechen. 

Krieg in der Ukraine: 220 Kilometer, vorbei an Leichen und Massengräbern: Mann flieht mit Hund zu Fuß aus Mariupol

Er habe versucht, "unsichtbar" zu bleiben, erzählte Pedin dem "Guardian", um die unberechenbaren russischen Soldaten nicht auf sich aufmerksam zu machen. Welche Konsequenzen es haben könnte, sollte ihm das nicht gelingen, wurde Pedin auf seinem Weg ständig vor Augen geführt: Immer wieder passierte er Leichen auf den Straßen oder Massengräber. Als besonders eindrucksvoll beschreibt er ein Zusammentreffen mit einem Mann, der ihn zum Trinken einlud – er hatte gerade seinen Sohn begraben, der von Bombensplittern tödlich verletzt wurde. "Ich will sterben, ich werde mich umbringen", habe der Mann zu ihm gesagt.

Mariupol: Ukrainische Kämpfer im Stahlwerk eingeschlossen

Pedin begegnete auf seinem Weg tschetschenischen Soldaten an einem Checkpoint, die ihm einen Passierschein ausstellten. Das machte seine Reise deutlich einfacher. Auch organisierten die Soldaten ihm einen Fahrer, der ihn im Auto in die nächstgelegene Stadt mitnahm. Auch an anderen Stationen ergaben sich Mitfahrgelegenheiten für den Ukrainer. Schließlich schaffte er es nach Saporischschja, wo er von Freiwilligen empfangen und versorgt wurde. Als er einer Frau erzählt habe, dass er aus Mariupol gekommen sei, habe diese laut gerufen: "Dieser Mann ist zu Fuß aus Mariupol gekommen!" "Daraufhin sind alle verstummt", erinnert sich Pedin.

Mariupol wird seit mehr als zwei Monaten von russischen Truppen belagert. Die letzte Bastion ukrainischer Kämpfer in der Stadt ist das Stahlwerk Azovstal, wo sich neben Marineinfanteristen auch Einheiten des nationalistischen Asow-Regiments verschanzen. In den vergangenen Wochen wurden etwa 500 Zivilisten, die sich ebenfalls in dem Stahlwerk aufhielten, über Flüchtlingskorridore gerettet.

Quelle: "Guardian"

epp

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