HOME

Massaker von Virginia: "Die Uni hat Blut an ihren Händen"

Studenten und Uni-Personal der Virginia Tech gedenken den Opfern des Massakers, bei dem 33 Menschen ums Leben gekommen sind. Langsam sickern erste Hintergründe der Tat durch. So könnte das Blutbad mit einem Beziehungsstreit begonnen haben.

Mehrere hundert Studenten haben nach dem Massaker am Montagabend dortiger Zeit an der Technischen Universität in Blacksburg, Virginia auf dem Campus der Opfer gedacht. "Ich weiß nicht, was ich überhaupt noch sagen soll", sagte der 22 Jahre alte Jesse, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte. Er hatte aus unmittelbarer Nähe beobachtet, wie die Verletzten und Toten mit Notarztwagen abtransportiert wurden. Alles was er tun könne, sei Blut zu spenden.

Am Schwarzen Brett der Universität hing eine Botschaft, die die Gefühle der Studenten nach der Bluttat dokumentiert: "Unsere Gedanken und Gebete sind bei der Technischen Universität von Virginia und bei allen, die von den Ereignissen am 16. April betroffen sind."

Ein bislang noch nicht identifizierter Amokläufer hatte 33 Studenten und Lehrkräfte erschossen sowie 15 Menschen verletzt. Beim Eintreffen der Polizei habe sich der Täter das Leben genommen, sagte der Polizeichef der Universität, Wendell Flinchum. Es gebe noch keine Hinweise auf das Motiv für die Bluttat. Unter den Opfern sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin keine Deutschen. In Virginia studieren mindestens sechs Austauschstudenten der TU Dortmund. Sie haben den Amoklauf offenbar unversehrt überlebt. "So viel wir wissen, geht es allen gut. Die Studenten haben sich teilweise per E-Mail bei uns gemeldet", sagte TUD-Sprecher Jörg Feuck.

Mit Kopfschuss schwer entstellt

Die Polizei benötigte Stunden, um die Identität des Täters festzustellen. Nach Berichten von Augenzeugen hatte sich der sehr jung aussehende Amokläufer mit einem Kopfschuss schwer entstellt. Seine Identität solle vorerst nicht bekannt gegeben werden. Eine Augenzeugin sagte, es handele sich um einen jungen Mann asiatischer Abstammung, unbestätigten Berichten zufolge stamme er aus China, "Er war wie ein Pfadfinder gekleidet", sagte sie dem US-Sender CNN.

Der Amoklauf begann einem Mitstudenten zufolge nach einem Streit des Täters mit seiner Freundin. Der Schütze habe im Studentenwohnheim mit seiner Freundin gestritten und diese plötzlich niedergeschossen, berichtete der taiwanesische Student Chen Chia Hao in einem Telefoninterview des taiwanesischen Kabelfernsehkanals CTI aus den USA. Nach dem Amoklauf habe er sich umgebracht: "Er schoss sich von hinten in den Kopf und sein Gesicht flog weg. Das macht es so schwer, ihn zu identifizieren."

Nach dem Blutbad sehen sich Polizei und Universität nun kritischen Fragen ausgesetzt. Bemängelt wird vor allem, dass die 11.000 Studenten und Dozenten erst zwei Stunden nach den ersten Schüssen vor dem Amokläufer gewarnt wurden. "Die Universität hat Blut an ihren Händen, weil sie nach dem ersten Zwischenfall nichts unternommen hat", so der 18-jährige Billy Bason, der in dem Wohnheim lebt, in dem die Schießerei begann.

Der Präsident der Hochschule Virginia Tech in Blacksburg, Charles Steger, verweist dazu auf die Einschätzung der Polizei, dass es sich bei den ersten Schüssen im Wohnheim West Ambler Johnston gegen 7.15 Uhr, 13.15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, um einen häuslichen Streit gehandelt hat. Das Wohnheim wurde danach abgeriegelt, nicht aber die Unterrichtsräume der Universität. "Man kann Entscheidungen nur auf der Grundlage von Informationen treffen, die man gerade zur Verfügung hat", sagte Steger. Erst um 9.26 Uhr erhielten die Studenten eine E-Mail-Warnung mit der Aufforderung, nach einem "Schusswaffen-Zwischenfall" vorsichtig zu sein.

Verschlossene Türen verhinderten Flucht

Der Dozent Edmund Henneke sagte, er habe gerade mit Kollegen über diese E-Mail gesprochen, als er Schüsse gehört habe. Kurz darauf seien sie von Polizisten einer SWAT-Einheit nach unten geschickt worden. Dort sei ihnen die weitere Flucht aber zunächst von verschlossenen Türen versperrt gewesen. Einige Studenten sprangen in Panik aus dem Fenster.

Auf einer Pressekonferenz wollte Polizeichef Wendell Flinchum nicht ausschließen, dass ein Mitverschwörer oder ein zweiter Täter an dem Massaker beteiligt war. Die Polizei habe "eine Person von Interesse" vernommen, die eines der Opfer gekannt habe. Nähere Einzelheiten wollte er nicht sagen.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters