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Nach Erdbeben in Neuseeland: Die doppelte Rettung von Ann(e)

Wenige Minuten nach dem Beben im neuseeländischen Christchurch klingelte bei Rob Voss in Australien das Telefon. Seine Mutter, eingeklemmt unter den Trümmern, rief an. Stundenlang hielten sie Kontakt. Gerettet wurde jedoch eine andere Frau mit dem gleichen Vornamen. Anne Voss blieb verschollen - zunächst.

Von Swantje Dake

Die Australierin Anne Voss arbeitete im dritten Stock des Pyne Gould Guinness-Gebäude im Zentrum von Christchurch als die Erde bebte. Sie ging unter ihrem Schreibtisch in Deckung und verharrte dort während das Gebäude um sie herum mit Getöse ineinander fiel. Als sich der Staub gelegt, der Lärm der krachenden Trümmerteile verzogen hatte, kramte Anne nach ihrem Handy, fand es und wählte die Nummer ihrer Familie.

Sie beschrieb, wo sie eingeklemmt liegt. Glas, Beton und Stahl türmten sich über ihr. Anschließend telefonierte sie sogar mit dem australischen Fernsehen und berichtete von ihrer misslichen Lage. "Ich bin eingequetscht, konnte mich bislang nicht bewegen." Ob es ihr gut gehe, fragte die Moderatorin von Seven Network. "Nein, ich bin nicht sicher. Ich blute", sagte Voss. Sie könne ihre Hand nicht sehen, nur einen nassen Boden fühlen. "Ich weiß nicht, was passiert ist."

"Es ist dunkel und schrecklich"

Im Zentrum von Christchurch begannen unterdessen die Rettungsarbeiten. Feuerwehrleute löschten Brände, schweres Gerät rollte heran, um Gesteins- und Betonbrocken beiseite zu räumen.

Auch am Pyne Gould Guinness-Gebäude wurde nach Überlebenden gesucht. Bis zu 30 Menschen wurden unter den Trümmern vermutet. Auch Anne Voss hörte weitere Verschüttete. "Ich sehe sie nicht, ich bin hier gefangen. Ich habe keine Ahnung, was um mich herum passiert", erzählte Voss im Interview. Trotz der dramatischen Lage bemühte sich Voss, entspannt zu klingen. Sie hielt mit ihrem Sohn Rob in Australien telefonisch Kontakt. "Er macht mir Hoffnung. Ich hoffe, sie holen mich hier schnell raus. Ich bin hier schon so lange. Es ist dunkel und schrecklich." Die Reporterin versicherte Anne Voss, dass Dutzende Retter versuchen, sie zu finden. "Oh, das ist gut. Gott sei Dank", war ihre Antwort. Wenig später schwand die Hoffnung der Eingeklemmten. "Ich werde es wohl nicht schaffen", sagte sie in ihrem letzten Telefonat. Dann war der Akku ihres Handys leer.

Doch die Retter suchen weiter - und können nach 22 Stunden jubeln. Sie finden eine Frau mit dem Namen Anne. Wie beschrieben, hatte sie unter einem Schreibtisch ausgeharrt, konnte sich nicht selbst aus ihrer Lage befreien. Allerdings ist es nicht Anne Voss, diese Anne heißt Bodkin mit Nachnamen und schrieb sich ohne "e". In die Freude mischt sich Bestürzung. Von Anne Voss fehlte dagegen jede Spur.

Ein Kichern nach der Rettung

Ann Bodkin begrüßte ihren Mann, der mehr als 20 Stunden vor dem Gebäude ausgeharrt hatte, nach ihrer Rettung mit einem Kichern. "Sie konnte nichts sagen, weil sie eine Sauerstoffmaske aufhatte. Aber ein Kichern war drin", so Graham Richardson. Sie wurde umgehend ins Krankenhaus gebracht - nur eine Schulter hatte einen Kratzer abbekommen.

Aber die Helfer wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Sie suchen weiterhin in den Trümmern, nach Überlebenden, nach der Australierin Anne. Und wenige Stunden später werden sie für ihre Hartnäckigkeit belohnt. Sie finden Anne Voss. Ein Wunder in all dem Unglück. Mit gebrochenen Rippen und Kratzern wird Anne ins Krankenhaus gebracht.

Es sind diese kleinen Geschichten von Geretteten, die hunderten Helfern Mut machen. Die sie weitersuchen lassen. Auch wenn einen Tag nach dem Erdbeben im neuseeländischen Christchurch die Hoffnung schwindet, viele der mehr als 300 Vermissten noch lebend zu finden. Mittlerweile haben Australien, die USA, Großbritannien, Japan, Singapur und Taiwan Rettungsteams in die verwüstete Stadt entsandt. Dutzende Nachbeben erschütterten die Stadt, viele Menschen hatten weder Strom noch Wasser.

75 Leichen wurden mittlerweile aus den Schutthaufen geborgen. Polizeikommissar Russell Gibson rechnete mit mehr Toten, da Schätzungen zufolge noch mindestens hundert Menschen vergraben lagen. "Die Straßen sind von Leichen gesäumt, sie waren in Autos eingeschlossen oder von Trümmern erschlagen", sagte er am Mittwoch dem Sender Radio New Zealand. Derzeit konzentrierten sich die Helfer darauf, Rufe in den Trümmern ausfindig zu machen.

mit DPA/AFP / AFP
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