New Orleans Die Eingeschlossenen warten auf Hilfe


Die Situation in New Orleans spitzt sich zu. Die Versorgung der Eingeschlossenen ist nicht gewährleistet, weswegen es zu Plünderungen kommt. Weil die Polizei die Lage nicht in den Griff bekommt, wird die Kritik am Krisenmanagement der Regierung immer lauter.

Auch vier Tage nach Hurrikan "Katrina" zeichnet sich kein Ende des Flüchtlingsdramas im Südosten der USA ab. Der amerikanische Nachrichtensender CNN zeigte Bilder, die an Flüchtlingstragödien in der 3. Welt erinnern: Ströme von verzweifelten Menschen, notdürftig bedeckte Leichen, Überlebende, die hüfthoch in braunem Schmutzwasser stehen. US-Präsident George W. Bush wurde am Nachmittag (MESZ) in der Katastrophenregion erwartet. Unterdessen wird die Kritik am Krisenmanagement der Behörden immer lauter. Bei der größten Naturkatastrophe in der jüngeren US- Geschichte sind vermutlich tausende Menschen ums Leben gekommen. Das Hurrikangebiet ist fast so groß wie Großbritannien.

Überlebende aus dem überfluteten New Orleans (Louisiana), die in Bus-Konvois ins gut 500 Kilometer entfernte Houston (Texas) gebracht wurden, finden auch dort im Astrodome keine Zuflucht mehr, wie es heißt. In der Anlage sollten 25.000 Flüchtlinge unterkommen. Das Stadion sei bereits voll, erschöpfte Flüchtlinge aus dem gut 500 Kilometer entfernten, überfluteten New Orleans seien deshalb am späten Donnerstagabend (Ortszeit) aus Sicherheitsgründen abgewiesen worden, berichtete CNN unter Berufung auf Behördensprecher. Sie sollten in die texanische Stadt San Antonio, etwa 800 Kilometer von New Orleans entfernt, gebracht werden. Unterdessen warteten in New Orleans noch immer Zehntausende darauf, einen Platz in einem Bus oder sonstigen Verkehrsmittel zu den hunderte Kilometer entfernten Sammelstellen zu bekommen.

In den verwüsteten Regionen fehlen vor allem Nahrungsmittel, sauberes Trinkwasser, Medikamente und Transportmittel für zehntausende Flüchtlinge. Leichen verwesen in den Straßen oder treiben im Wasser. Hinzu kommen die ausufernde Gewalt, die die Rettungseinsätze behindert, und Plünderungen. Der Direktor der Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA), Michael Brown, sagte nach CNN-Angaben, seine Behörde versuche in New Orleans unter Kriegsbedingungen zu arbeiten.

Chaos und Anarchie in New Orleans

In der Südstaatenmetropole, wo viele Gestrandete seit Tagen vergeblich auf Hilfe warten, herrschte weiter Chaos und Anarchie. "Die Menschen sind nicht mehr sie selbst", sagt Michael Bevis. Wie die meisten in New Orleans Zurückgebliebenen kann er beängstigende Geschichten über Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen in den Straßen erzählen. Die Menschen würden immer rücksichtsloser - sei es aus Hunger, mangelndem Schuldbewusstsein oder purer Gier. Plünderungen von Supermärkten sind an der Tagesordnung, mittlerweile toleriert die Polizei Beobachtern zufolge sogar den Diebstahl von Lebensmitteln oder anderen lebenswichtigen Waren. Aber die Räuber wollen mehr, verlassen die Geschäfte zum Beispiel mit Einkaufswagen voller Kleidung. Immer wieder eskaliert die Gewalt in Schießereien zwischen Gesetzesbrechern und Polizisten sowie Nationalgardisten.

Erschüttert sind die Menschen auch von Berichten über die Vergewaltigung eines 13 Jahre alten Mädchens im Convention Center. Eine Frau erzählte dem Nachrichtensender CNN, dem Mädchen seien beide Fußgelenke gebrochen worden. "Wir gingen zur Polizei und dort wurde uns gesagt, wir hätten die Stadt nun einmal vor dem Sturm verlassen sollen - jetzt müssen wir damit leben". Aus Hotels, in denen noch hunderte Touristen festsaßen, traue sich niemand auf die Straße, berichtete eine Touristin. Die Angestellten bewachten das Gebäude mit gezogenen Pistolen. Auf dem Flughafen in New Orleans kamen unterdessen in strömendem Regen Patienten an, die die Armee mit Hubschraubern aus Krankenhäusern geholt hatte. Notdürftig mit Decken geschützt wurden sie zunächst zur Notversorgung in einen Hangar gebracht. An der Küste von Mississippi durchsuchten verzweifelte Kinder Abfalltüten nach Essensresten. Der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, sandte einen "verzweifelten SOS-Ruf" aus. Für 15.000 bis 20.000 Menschen am Kongresszentrum gebe es keine Vorräte mehr. Aus Hotels flehten gestrandete Touristen Fernsehstationen um Hilfe an, ebenso ein Arzt aus dem Charity-Krankenhaus, der für seine 250 Patienten kein Wasser und kein Essen mehr hatte.

Zeichen der Menschlichkeit

Doch es gibt auch ermutigende Zeichen von Menschlichkeit unter der Bevölkerung. Um sich vor Verbrechern zu schützen, schließen sich Wildfremde zu Gruppen zusammen und teilen ihre spärlichen Essens- und Wasservorräte. "Es gibt ja nirgendwo sonst Hilfe", sagt John Fulton, der als Tourist in New Orleans gestrandet ist. Auf seiner Suche nach einem Weg aus der Stadt hat er viele neue Freunde gefunden. Gemeinsam sind sie stärker, hoffen sie. Auch die Wut gegen die Verantwortlichen trägt ein wenig zur Verbundenheit bei. Der Staat habe zu langsam reagiert und es seien zu wenig Polizisten dort, um die obdachlosen Menschenmassen in der Stadt zu kontrollieren, lautet die überwiegende Meinung.

Die Behörden verteidigten sich gegen den Vorwurf unzureichender Planung. "Dies ist anders als jedes andere Desaster, das die USA je getroffen hat", sagte Brown. "Die Hilfe kommt." Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, forderte 40.000 Nationalgardisten an, um für Ordnung zu sorgen. Bis heute sollten 12.000 davon in New Orleans im Einsatz sein. Die Reservisten, zum Teil erst vor kurzem aus dem Irak zurückgekehrt, "wissen wie man schießt und tötet, sie sind mehr als bereit, das zu tun, und ich denke, dass werden sie auch." Der Kongress in Washington wurde aus der Sommerpause zurückgerufen. Der US-Senat bewilligte am Donnerstagabend 10,5 Milliarden Dollar Soforthilfe für die Hurrikan-Opfer. Nach der Verabschiedung durch das Abgeordnetenhaus wollte Präsident George W. Bush das Geld umgehend freigeben.

Hilfsangebote aus aller Welt

UN-Generalsekretär Kofi Annan bot den USA die Hilfe der Vereinten Nationen an. "Die amerikanische Bevölkerung, die immer großzügig auf Katastrophen in anderen Teilen der Welt reagiert hat, ist nun von einem schweren Schlag getroffen worden", sagte Annan. Die japanische Regierung sagte den USA Unterstützung in Höhe von 500.000 Dollar zu. 200.000 Dollar sollten an das Rote Kreuz fließen. Zudem würden Zelte, Planen und Stromgeneratoren geliefert, teilte Kabinettsminister Hiroyuki Hosoda mit. Die US-Regierung will die Hilfsangebote aus aller Welt ohne Ausnahme annehmen. Das sagte der Sprecher des Außenministeriums, Sean McCormack, am Donnerstag in Washington. "Es sollte uns ermutigen, dass die Welt den Amerikanern in Notzeiten die Hand reicht." Dutzende Länder und internationale Organisationen hätten sich bereits gemeldet, und die Liste werde stündlich länger, sagte McCormack. Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und Care International riefen zu Spenden auf.

Der von "Katrina" an der Golfküste angerichtete Gesamtschaden könnte nach jüngsten Schätzungen 50 Milliarden Dollar (40 Milliarden Euro) betragen. Nach einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Rating-Agentur Standard & Poor’s sind in dieser Berechnung auch die Schäden an der Infrastruktur enthalten. Der Agentur zufolge wird das Bruttoinlandsprodukt der USA im dritten Quartal dieses Jahres infolge des Hurrikans vermutlich um 0,5 Prozent zurückgehen. Der republikanische Sprecher des Abgeordnetenhauses stellte unterdessen die Zukunft von New Orleans in Frage. Es mache keinen Sinn, Milliarden Dollar in den Wiederaufbau einer unter dem Meeresspiegel liegenden Stadt zu stecken, sagte Dennis Hastert der Zeitung "Herald of Arlington Heights".

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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