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Letzter Tag der Wiesn: Sag mir, wo die Schiffschaukeln sind

Waren das Zeiten, als man sein Mädchen mit Überschlägen auf der Schiffschaukel beeindrucken konnte. Auf dem Oktoberfest scheint aber kein Platz mehr dafür zu sein. stern-Autor Felix Hutt am letzten Wiesn-Tag mit dem Abgesang auf eine Volksfest-Institution.

Fortschritt auf dem Oktoberfest heißt: mehr Bier, krassere Fahrge-schäfte. Für so etwas Romantisches wie die Schiffschaukel scheint da kein Platz mehr zu sein.

Fortschritt auf dem Oktoberfest heißt: mehr Bier, krassere Fahrge-schäfte. Für so etwas Romantisches wie die Schiffschaukel scheint da kein Platz mehr zu sein.

Nostalgie ist ein Gefühl für die, die Schönes erleben durften. Wie der Halbstarke, der schon mit 16 Jahren wusste, dass nur die Idioten ihre Mädchen auf dem Oktoberfest mit zum Autoscooter nahmen. Die Coolen führten sie zur Schiffschaukel. Die mit dem Überschlag. Ließen die Angebetete mit einer Zuckerwatte in der Hand zuschauen. Einsteigen, die Füße fixieren, Huftgurt anlegen, Schwung holen, aufrecht stehen beim Überdrehen, in die Hocke bei der Abfahrt, einen Punkt fixieren, damit einem nicht schwindlig wird, die brennenden Arme und Oberschenkel ignorieren, lässig grinsen im Fahrtwind, ein paar Zuschauer johlen, alles egal, wenn sie bloß lächelte, als man ausstieg.

Für Heldentum ist auf der Wiesn nicht mehr viel Platz. Heute beeindruckt man mit einer Reservierung in einem angesagten Zelt, wo man dann schon mal das Weihnachtsgeld in einen Rausch aus Bier und Gegrilltem anlegt. Am besten bei Käfer am Fuße der Bavaria, direkt hinter der letzten Schiffschaukel, die dem Oktoberfest noch geblieben ist. Sechs normale Schaukeln für die, die gemütlich zu zweit gondeln, und zwei mit Überschlag, für die, die etwas zu beweisen haben. Wie der Chef eines sehr bekannten Unternehmens, der seine Belegschaft erst zu Käfer einlud und dann zum Schaukeln. Er vorneweg. Die Fliehkräfte zogen ihm die Lederhose aus, seitdem haben seine Mitarbeiter Fotos auf ihren Handys, die ihn wenig heldenhaft aussehen lassen. 

Bei den Schotten wirbeln nicht nur die Röcke

Josef Otto Steininger, 48, kann viele solcher Geschichten erzählen. Von den Schotten zum Beispiel, von denen er dachte, dass sie sich so blöd anstellen würden wie die Italiener und Amerikaner, die die Technik nicht beherrschen und es nie zum Überschlag bringen. Die nicht verstehen, dass schaukeln wie tanzen ist, man einen Rhythmus braucht, keine Angst haben darf, wenn man in den Genuss der Schwerelosigkeit kommen will. Aber diese Schotten, die konnten das, und dann schaute er blöd, der Steininger, und die Zuschauer auch, als die da oben rum wirbelten, und dazu alles was unter ihren Röcken mitwirbeln konnte.

Steininger ist ein feinsinniger, zurückhaltender Mann, der das Fahrgeschäft seit 25 Jahren betreibt. Seine Eltern brachten die Schiffschaukel 1958 auf die Wiesn. Wenn kein Wunder passiert, dann wird dieses Jahr sein letztes sein. Draufzahlen kann er nicht, mehr verlangen will er nicht. Zwei Euro für die Kleinen, fünf Euro für die Helden. "Das Oktoberfest soll ein Fest fürs Volk sein, jeder muss es sich leisten können", sagt er.

Nur noch Fünfer-Loopings und Gesaufe 

Von elf Uhr vormmitags bis kurz vor Mitternacht sitzt er abwechselnd mit seiner Frau jeden der 16 Oktoberfest-Tage in der kleinen Kabine neben der Schaukel. Er vertröstet die, deren betrunkener Zustand einen Überschlag nicht mehr ratsam erscheinen lässt, und freut sich über die, die den Zuschauern eine tolle Show bieten. Die mit vier, fünf Schwüngen oben sind, die Hunderte von Umdrehungen schaffen ohne dass sie sich von den Fliehkräften, die mit 2,5 G auf sie wirken, beeindrucken lassen. Die lässt er dann auch mal länger als die drei Minuten schaukeln, die eigentlich vorgesehen sind. Auch Steininger ist ein idealistischer Nostalgiker, der nicht glauben mag, dass die Zeit von so etwas Romantischem wie seinen Schaukeln vorbei sein könnte. Dass es auf dem Oktoberfest wirklich nur noch um Fünfer-Looping und Gesaufe gehen soll. 

Früher sind seine Schiffschaukeln auf Tournee gewesen, von Volksfest zu Volksfest, und zum Höhepunkt auf die Theresienwiese. Heute lagern sie das ganze Jahr ein. Er restauriert sie selbst, baut sie mit seinem kleinen Team auf, anders könnte er sich den Betrieb nicht mehr leisten. Viele seiner Stammkunden sind Trachtler aus dem Münchner Umland. Sie kommen extra angefahren, mit ihren Söhnen, damit die auch einen Überschlag lernen, einen gescheiten, weil man das als echter Kerl können muss. Aber die Halbstarken von morgen werden sich bald etwas anderes suchen müssen, wenn sie ihre Mädchen beeindrucken wollen. Bleibt für sie zu hoffen, dass es sich wieder so schön anfühlt, wie beim Steininger. Wie fliegen.

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