HOME

Opfer des Todesflugs AF 447: Sie sang von einem Leben ohne Sorgen

Juliana Ferreira Braga de Aquino ging es gut. Gerade hatte sie in Europa ihren Durchbruch als Musical-Sängerin geschafft, besuchte ihre Familie in Brasilien. Auch ihrer Agentin berichtete sie enthusiastisch, wie zufrieden sie sei. Am 1. Juni war Juliana an Bord des Air-France-Flugs 447.

Von Kety Quadrino

Der Brief ist erst ein paar Tage alt, aber das Unglück lässt ihn wie eine Nachricht aus einer anderen Zeit erscheinen, aus einer anderen Welt. "Ich könnte nicht glücklicher sein" schreibt Juliana Ferreira Braga de Aquino ihrer Agentin Janet Tyler in München. Für sie gab es allen Grund zum Feiern: Die junge brasilianische Sängerin hatte den Zuschlag für die heiß ersehnte Rolle bekommen: Sie sollte Madame Akabar im Musical "Wicked" in Stuttgart singen und spielen - als erste schwarze Frau. Juliana war eine glückliche Frau.

Aber es war nicht allein der Job, der ihre Stimmung hob. Endlich hatte sie auch wieder einmal Zeit gefunden, nach Hause nach Brasilia zu fliegen, in die Hauptstadt Brasiliens, zu den Eltern, zu den beiden Brüdern. Seit dem 11. Mai war sie dort, drei Wochen sollte der Urlaub dauern. Ihre Mutter hatte die 29-Jährige zuvor zwei Jahre lang nicht mehr gesehen gehabt. Wegen ihrer Engagements, aber auch wegen ihrer Flugangst.

Mit 15 debütierte sie als Sängerin

Ihrer Agentin schwärmte Juliana Ferreira Braga de Aquino noch über das Internettelefon vor: "Oh, ich habe so viel Spaß, es ist alles so schön hier!" Und Tyler, die die Sängerin in Amerika zum Star machen wollte, antwortete: "Das ist toll, leg' dich etwas in die Sonne."

Mit vier Jahren hatte Juliana schon Klavier spielen können, mit 15 debütierte sie als Solosängerin. Doch dann kehrte sie der Musik zunächst den Rücken, studierte Medizin, wollte Ärztin werden. Bald merkte sie, dass dies nicht die richtige Entscheidung gewesen war. Nach einem Jahr brach sie das Medizinstudium ab und konzentrierte sich an der Universität in Brasilien auf Musical-Gesang und klassischen Gesang. 2001 gab sie eine CD heraus - "Primeira Vez", das erste Mal.

Juliana hing sehr an ihrer Familie. Deshalb war ihr der Karriereschritt nach Europa schwer gefallen. 2003 ging sie dennoch nach Deutschland. Die Rolle im Musical "König der Löwen" in Hamburg war die Chance, auf die sie gewartet hatte. Sie hatte Talent, so großes Talent, dass die Opernsängerin Felicia Weathers sie zwischenzeitlich sogar zu überreden versuchte, doch lieber Oper zu singen. Doch Juliana liebte das Musical - und blieb dem Genre treu. Bis 2007 spielte sie in Hamburg im "König der Löwen".

"Sie hatte eine ganz klare Vorstellung davon, wie ihr Leben verlaufen sollte", sagt ihre Agentin. Wenn sie berühmt würde, wollte sie mit dem verdienten Geld ein Waisenhaus für Straßenkinder in Brasilien aufbauen. Und davor wollte sie ein kleines Mädchen adoptieren. Sogar einen Namen hatte sie für das Kind schon ausgesucht: Sophia.

Gott, da war sie sicher, würde ihr helfen

Die Agentin berichtet davon, wie hart Juliana für ihren Erfolg arbeitete. Sie selbst habe die Brasilianerin 2005 bei einem Workshop in München kennengelernt. Juliana sang damals zwar schon auf Deutsch, doch der heimatliche Akzent war noch zu stark. "Du musst noch an Dir arbeiten", mahnte Tyler. Und Juliana arbeitete an sich, arbeitete, bis man ihren Akzent nicht mehr hörte. "Sie war so zielstrebig", erinnert sich Tyler an die fröhliche Juliana. "Es ist wirklich schwierig, einen Künstler zu treffen, der so entschlossen ist, wie sie es war", sagt sie. Den Satz "Ich kann nicht", diesen Satz habe es für sie nie gegeben. Dabei war Juliana gläubig. Gott, da war sie sich sicher, würde ihr helfen.

Der Absturz des Air-France-Flugs 447 hat das Leben von Juliana Ferreira Braga de Aquino jäh beendet. Sie war einer von insgesamt 228 Menschen an Bord. Vermutlich hat keiner davon das Unglück überlebt.

Am Dienstag vergangener Woche, einen Tag nach dem Unglück, legten die Kollegen Julianas, die Mitarbeiter des Palladium Theaters in Stuttgart, während der Vorstellung des Muscials "We will rock you" eine Gedenkminute für die Sängerin ein. Im Theaterfoyer haben sie ein Foto von Juliana aufgestellt, auf der Bühne liegen weiße Rosen. "Juliana hat uns immer zum Lachen gebracht", sagt die künstlerische Leiterin Frances Chiappetta.

Ein Lied, das Juliana selbst geschrieben hat, heißt: "If you could". Ihre Agentin Janet Tyler singt mit ihrer souligen Stimme die letzte Strophe des Liedes. "It's gonna be allright, you gonna be fine throughout your life, no trouble and no fight …". Übersetzt heißt das: Es wird alles in Ordnung sein, Dir wird es das ganze Leben lang gut ergehen, ohne Schwierigkeiten und Kämpfe. So hatte Juliana das Leben gesehen.