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Opfer des Todesflugs AF 447 (Teil 2): "Air France stiehlt sich aus der Verantwortung"

Sie arbeitete viel und gönnte sich nur selten einen Urlaub. Deshalb freute sich Ines Gans so auf die Reise nach Rio. In Brasilien feierte sie ihren 31. Geburtstag. Doch für den Rückflug bestieg sie den Todesflieger AF 447. Nun bleiben die Eltern voller Fragen zurück.

Von Georg Wedemeyer

Ute Gans hatte am Pfingstmontag gerade ein Konzert im Radio gehört. Da wurde in den 12-Uhr-Nachrichten gemeldet, eine Maschine der Air France sei auf dem Weg von Rio nach Paris "plötzlich vom Radarschirm verschwunden". Rio? Air France? Ihre Tochter Ines Gans war am 15. Mai zu ihrem jüngeren Bruder Elmar und dessen brasilianischer Frau Priscila nach Rio geflogen. Sie musste gerade auf dem Rückweg sein, sollte am Nachmittag von Paris kommend in München landen. Ihr Mann, Bernd Gans, rief bei der Air-France-Vertretung in München an. "Die sagten uns, sie hätten keine Informationen und würden auch keine am Telefon geben; wir sollten zum Flughafen kommen."

Die Eltern klingelten den Sohn in Rio aus dem Schlaf. Er wusste noch nichts. Sie riefen beim Flughafen München an. Fehlanzeige. Bernd Gans suchte im Internet, was er fand, ließ ihn das Schlimmste befürchten: "Vom Radar verschwunden, mitten über dem Atlantik, mir war klar, was das bedeutete." Er ließ sich seiner Frau gegenüber nichts anmerken.

Der Vater des Opfers ist Lobbyist in Sachen Fliegen

Bernd Gans versteht eine Menge von Flugzeugen. Er ist Präsident einer Vereinigung zur Förderung der Interessen des nichtplanmäßigen Geschäftsflugverkehrs (GBAA). Ein Lobbyist in Sachen Fliegen. Schon als Angestellter bei Daimler war er ständig geschäftlich in der Luft.

Schweigend fuhren Ute und Bernd Gans im Auto zum Münchner Flughafen. Das Flugzeug aus Paris landete. Doch ihre Tochter Ines kam nicht durch das Gate. Die beiden netten Damen am Schalter der Air France wussten nichts Neues, führten die Eltern in die Abfertigungslounge, notierten sich Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und versprachen anzurufen, sobald man etwas Neues wisse. Da wurden Ute und Bernd Gans von einer Flughafen-Seelsorgerin angesprochen. Ob sie ihnen ein Glas Wasser anbieten dürfe? Ob sie sie zur Flughafenkapelle begleiten wollten. Sie wissen nicht, ob es Zufall war, dass die Seelsorgerin beim Schalter der Air France stand.

Vor dem Flug feierte die Tochter ihren 31. Geburtstag

In der Kapelle verlas die Pfarrerin Psalm 102: "Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! / Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not; neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald! / Mein Herz ist geschlagen und verdorret wie Gras, dass ich auch vergesse, mein Brot zu essen." Dann sprach sie den Segen: "Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig."

Die Eltern fanden Trost in diesen Worten. Sie sagten ihnen aber auch: Das Unfassbare ist eingetreten. Sie ahnten in diesem Moment, sie würden ihre Tochter wohl nie mehr wieder sehen.

Noch am Tag zuvor hatten sie Ines am Telefon zu ihrem 31. Geburtstag alles Gute gewünscht. "Leider haben diese Wünsche nur eine kurze Haltbarkeit gehabt", sagt Bernd Gans. Es klingt lakonisch und hätte nicht bitterer sein können.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Air France mit Ines' Eltern umging.

Ines hatte ihnen am Telefon von dem Kult-Restaurant erzählt, in dem sie gefeiert hatten. Über vier Stockwerke kann man dort in altem Mobiliar essen, wie vom Trödel, im Erdgeschoss wurde getanzt. Hier hatte man schon vor einem Jahr vor der Hochzeit ihres Bruders gefeiert. Es war ein wunderbares, lange ersehntes Wiedersehen der Geschwister.

Ines gönnte sich selten Urlaub

Direkt von ihrer Arbeit als Verkaufsmanagerin im Münchner Hotel "Bayerischer Hof" ist Ines am 15. Mai zum Flughafen gefahren. Die groß gewachsene junge Frau gönnte sich selten Urlaub. Sie war ehrgeizig. "Morgens vor dem Zwölf-Stunden-Arbeitstag ging sie joggen", erzählt der Vater, "abends ins Fitnesscenter und in der Freizeit Fahrradfahren."

In Rio hat sie endlich mal ausgespannt. "Wir haben oft mit Ines telefoniert", erzählt die Mutter. "Sie war so glücklich dort. Es muss ein unbeschwerter Urlaub für sie gewesen sein." Die Wohnung des Bruders liegt nur zehn Fußminuten vom Rio-Strand Leblon entfernt. Dort war sie baden und joggen, meist begleitet vom Hund des Bruders.

Nur mit Medikamenten finden die Eltern Schlaf

In der Nacht von Montag auf Dienstag haben die Eltern viel geweint. Ohne starke Medikamente hätten sie keinen Schlaf gefunden.

Am Dienstag, einen Tag nach der Katastrophe, erfuhr Bruder Elmar in Rio offiziell, dass seine Schwester tatsächlich auf der Passagierliste der Unglücksmaschine stand. Doch die Eltern in Vaterstetten warteten vergeblich auf einen Anruf von Air France. Auch das Auswärtige Amt hat sich nicht bei ihnen gemeldet.

Hoffen auf eine Entführung

Die Mutter hoffte, es könnte vielleicht "nur" eine Entführung sein. Aber der Vater ahnte: Entführer verschwinden nicht vom Radarschirm. Er selbst dachte auch einen Moment an einen Terroranschlag: "Airbus ist halb staatlich, Air France ist halb staatlich, da geht keine Meldung raus, die nicht politisch abgesegnet ist. Da ist der kleine Passagier nur Verfügungsmasse."

Wieder und wieder versuchen die Eltern die Hotline anzurufen, die Air France in Frankreich eingerichtet hat. Vergeblich, sie kommen nicht durch. "Ich würde es für sehr normal erachten", sagt Bernd Gans, "wenn Air France zumindest in solchen Momenten in seinen Passagieren und den Angehörigen nicht nur registrierte Kunden sähe, sondern auch Menschen."

Die Mutter wird deutlicher: "Es ist haarsträubend, die sagen nichts zu uns, stehlen sich aus der Verantwortung, damit hinterher nichts gegen sie verwendet werden kann." Ute Gans wirkt heute sehr gefasst. Nur dass sie ständig rastlos durch die Wohnung läuft, mal hier ein Glas abspült, dort einen Teppich zurechtzupft und schließlich den Rasen mäht, verrät ihre Verzweiflung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Bernd Gans von Fluglinien und Behörden fordert.

Bernd Gans will "seine fünf Sinne zusammenhalten", und deshalb spricht er auch mit der Presse. Er findet es richtig, dass "eine solche Katastrophe ein Gesicht bekommt". Als Ex-Manager sind ihm wirtschaftliche Interessen und Machtstrukturen nicht fremd. Er weiß, dass viel öffentlicher Druck erzeugt werden muss, "damit in der Luftfahrt weiter der Grundsatz gilt: Safety first. Zuerst der Mensch und die Sicherheit".

Die Eltern wollen wissen, was genau passiert ist

Der Vater glaubt, "dass das Unglück Folge einer technischen Unzulänglichkeit der Maschine oder eines unzureichenden Flugmanövers war. Das Flugzeug wurde letztlich über dem Limit beansprucht und dürfte bereits in der Luft zerbrochen sein." Er fordert, dass "der gesamte Hergang schonungslos untersucht wird".

Die anfängliche Blitzschlag-Erklärung der Air France nennt er "lächerlich, eine Nebelkerze, eine Beruhigungspille, ein Ablenkungsmanöver". Er verlangt, dass nach entsprechenden Untersuchungen "von den Fluglinien und Herstellern Betriebsverfahren festgelegt werden, die erheblich höhere Sicherheitsmargen enthalten". Weder Gerät noch Besatzungen dürften auch nur in die Nähe bekannter Grenzbelastungen herangeführt werden. Außerdem müssten Extremsituationen konstruktiv berücksichtigt und in Simulatoren eingeübt werden.

Die Bürokratie läuft, aber das sei gut, das gibt ein Gerüst

Und er fordert, "dass internationale Standards entwickelt werden, die Flugsicherungsbehörden in eine aktivere Rolle zwingt, indem sie bei entsprechenden Wettermeldungen temporäre Startverbote erteilen, Flugzeuge umleiten oder gar zurück beordern". Er weiß, dass das schwer ist, "denn zum Beispiel die Unglücksroute wird auch für Flüge von Südamerika nach New York benutzt. Sie ist stark frequentiert, die sperrt man ungern".

Schließlich meldete sich am Dienstagvormittag die Münchner Kriminalpolizei bei der Familie. Ja, ihre Tochter stehe auf der Passagierliste und gelte nun als vermisst. Der Vater versteht: "Nun beginnt die Bürokratie zu laufen. Aber das hat auch sein Gutes. Das gibt mir ein Gerüst, an dem ich mich festhalten kann."

Am Nachmittag um 15 Uhr müssen die Eltern der Kriminalpolizei Zutritt zur Wohnung ihrer Tochter in Schwabing verschaffen. Die Beamten gehen höflich und rücksichtsvoll zu Werke. Sie suchen nach Fingerabdrücken von Ines und die Eltern müssen auf Wattestäbchen DNA-Proben "für die Identifizierung" hinterlassen.

Der leitende Kriminalbeamte klärt die Eltern auf, dass es bis zu drei Jahre dauern könne, bis für Ines ein Totenschein ausgestellt werde. Er rät ihnen, beim Amtsgericht eine "Abwesenheitspflegschaft" zu beantragen. Sonst könne man weder "den Handyvertrag noch die Wohnung kündigen". Das will Bernd Gans nun machen, "denn wenn man untätig herumsitzt, muss man nur ständig heulen".

Fliegen war für das Opfer alltäglich

Ein bloßer Schreibtischjob kam für Ines Gans nie in Frage, das Hotel-Business war ihr Traumberuf. Sie studierte auf einer Hotelmanagementschule in Paris. Danach startete sie bei Arabella-Sheraton und war schließlich im Bayerischen Hof zuständig für die Kundenwerbung in Amerika. Fliegen war für sie alltäglich.

Blond und hübsch wie sie war, hatte sie "viele Verehrer und flirtete gern", erzählt die Mutter. Aber der Richtige war bislang nicht dabei. "Ines hatte viel Power, sie wollte keinen Mann, der sich von ihr abhängig macht." Wenn einer ihrer vielen Freundinnen und Freunde Liebeskummer hatte, "saß sie nächtelang bei denen und hat sie getröstet".

Ute Gans kann mit dem nüchtern fragenden Journalisten in ihrem Wohnzimmer wenig anfangen. Aber ihre Augen glühen vor Stolz, wenn sie erzählt, dass Ines "trotz ihrer Größe immer aufrecht ging, immer nach vorne blickte und nicht die Schultern fallen ließ und nach unten schaute, wie viele andere groß gewachsene Mädchen das machen". Selbstlos, lebendig und humorvoll sei sie gewesen, eine, auf deren Hilfe andere immer zählen konnten. Die Mutter sagt nicht: Sie war eine tolle Tochter. Sie sagt: "Ines war eine tolle Frau." Dann geht sie wieder hinaus in den Garten zum Rasenmähen.

Vier Tage nach dem Absturz meldet sich Air France

Am Mittwochvormittag kommt eine E-Mail aus Rio von Bruder Elmar mit den letzten Bildern von Ines, aufgenommen an ihrem Geburtstag, einen Tag vor dem Unglück. "Sie war sehr glücklich an diesem Tag und über die ganzen zwei Wochen", schreibt der Bruder. Lange, lange schauen die Eltern am Computer in das fröhliche und lebenslustige Gesicht ihrer Tochter. Die Gedenkfeier in der Pariser Kirche Notre Dame am Mittwoch nach dem Unglück müssen die Eltern von Ines Gans am Fernseher verfolgen. Die Air France hatte sie dazu nicht eingeladen. Doch Freunde von Ines haben daran teilgenommen und wollen Gedenkkerzen schicken. Für St. Michael in München, deren Orgel renoviert wird, wollen Ute und Bernd Gans nun ein paar Orgelpfeifen stiften, "die uns dann immer an Ines erinnern".

Erst am Donnerstagabend um 18.05 Uhr, vier Tage nach dem Absturz, meldet sich Air France telefonisch bei der Familie. Die Fluggesellschaft teilen eine Mailadresse und eine kostenlose Telefonnummer mit, unter der man "Hilfe und alle Auskünfte" erhalte. Zwischenzeitlich haben die Eltern von Ines Besuch von ihrem Sohn Elmar und seiner Frau Priscila bekommen. Sie kamen aus Rio, um ihnen beizustehen. Geflogen sind sie mit Air France.