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Schwere Panne bei der Bahn Horrortrip im Regionalexpress


Pannen bei der Bahn: Ohne Heizung und ohne Licht blieb ein Regionalexpress vier Stunden auf offener Strecke liegen - 350 Fahrgäste waren eingesperrt. Die Reisenden des nachfolgenden Zugs mussten bei Eiseskälte draußen auf die Ersatzbusse warten.
Von Kerstin Herrnkind und Niels Kruse

Es war ein Horrortrip, der 350 Bahnpassagieren noch lange im Gedächtnis bleiben wird: Vier Stunden mussten sie zwischen Hamburg und Lübeck in einem Zug verharren - ohne Heizung und ohne Licht.

Um 16.33 Uhr ging das Drama los, der Regionalexpress blieb auf offener Strecke stehen. Der Notfallakku sprang an, hielt aber nur 90 Minuten. Dann fiel erst die Heizung aus und danach das Licht. Die Bahn unternahm vier Stunden lang nichts Erkennbares. "Um kurz vor 19 Uhr hat eine Lehrerin, die mit drei Schulklassen unterwegs war, dann die Polizei angerufen", sagt NDR-Reporter Renato Ferreirar, der vor Ort in Tremsbüttel war, einem kleinen Ort zwischen Bad Oldesloe und Hamburg.

Die Passagiere wurden bis dahin schlicht eingesperrt. Wegen des "unebenen Geländes" und weil die Züge auf dem Nachbargleis planmäßig weiterrollten, durfte der Lokführer die Gäste nicht aussteigen lassen, sagt ein Bahnsprecher. Die Zugbesatzung war mit der Situation offenbar überfordert. Zwar haben die Schaffner versucht, die Gäste zu beruhigen, richtig gelungen ist ihnen das offenbar nicht. Augenzeugen zufolge sind Passagiere in Panik ausgebrochen. "Wir wollen hier raus", haben die Passagiere laut NDR-Mann Ferreirar geschrien. Einige Reisende rissen gar die Türen auf, um aus dem Regionalexpress herauszukommen, berichtete der Bahnsprecher.

Notfallmanager brauchte zwei Stunden für 40 Kilometer

Kurz danach, gegen 19.30 Uhr, also drei Stunden nach dem Stromausfall, erreichten Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste den Unglückszug Der Notfallmanager der Bahn, der sich um solche Pannen kümmert, brauchte wegen der verschneiten Straßen zwei Stunden, um aus dem 40 Kilometer entfernten Lübeck anzureisen. Mehr als 200 Fahrgäste wurden von Helfern anschließend in das Gerätehaus von Tremsbüttel gebracht, das einige hundert Meter entfernt vom Regionalexpress lag. Dort wurden die frierenden und verstörten Passagiere erstversorgt. Ernsthaft verletzt wurde niemand, einige Reisende mussten mit Kreislaufbeschwerden und Unterkühlungen behandelt werden.

Grund des Zugausfalls ist laut der Bahn ein Kurzschluss in der Oberleitung auf der Strecke Hamburg - Lübeck gewesen. Weil der Regionalexpress aus eigener Kraft nicht mehr vorankam, wurde aus Hamburg eine Diesellok geordert, die den Zug hätte abschleppen sollen. Wegen eines Weichenschadens aber konnte sie die Hansestadt nicht verlassen, weswegen eine zweite Lok aus Bargteheide angefordert werden musste. Auch ein zweiter Zug war betroffen, doch der blieb durch Zufall im Bahnhof Kupfermühle bei Tremsbüttel stehen, die Gäste mussten hier nur eine Stunde auf den nächsten Zug warten.

Gesponsorter Ausflug für die Schulkinder

Die Gäste des ersten Zuges mussten weit länger ausharrren: Es war schon weit nach 20 Uhr, als vier Busse Tremsbüttel erreichten, um die rund 200 Reisenden zu den nächsten Bahnhöfen zu bringen. Der Regionalexpress mit den restlichen 150 Fahrgästen wurde nach Lübeck abgeschleppt. Die Bahn selbst glaubt, dass das ganze Chaos durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ausgelöst worden sei. "Aber natürlich hat alles viel zu lange gedauert, und wir müssen nun aufarbeiten, woran genau es gelegen hat", sagt der Sprecher. Das Unternehmen will die Gäste bald entschädigen: 250 Euro sollen die Betroffenen bekommen, für die Schulkinder lässt die Bahn einen Ausflug springen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: stern-Redakteurin Kerstin Herrnkind saß im nachfolgenden Zug. Weil dessen Lok die Unglücksbahn abschleppen sollte, musste sie mit 300 anderen Passagieren mehr als eine halbe Stunde lang bei klirrender Kälte auf die Ersatzbusse warten.

"Bitte steigen Sie aus"

17.43 - der Zug Richtung Kiel ist fast pünktlich. So ein Glück, dass ich diesen Zug noch erwische, denke ich. Nichtahnend, dass zu dieser Zeit in Tremsbüttel schon ein Regionalzug liegengeblieben ist und die Strecke eigentlich gesperrt ist. Vor Bargteheide bleibt der Zug plötzlich stehen. Der Zugchef meldet sich: Auf der Strecke seien zwei Züge liegengeblieben. Wir würden nun nach Bargteheide fahren. Dort werde die Lok unseres Zuges abgekoppelt, um den liegengebliebenen Zug abzuschleppen. "Wir wissen nicht wie lange das dauert. Aber wir beeilen uns, damit Sie schnell in Ihren wohlverdienten Feierabend kommen", sagt der Zugchef noch.

Der Zug steht. Und steht. Die Fahrgäste telefonieren. Lesen. Doch irgendwann springt die Notbeleuchtung an, es wird kalt. Nach knapp zwei Stunden knackt die Lautsprecheranlage. Der Zugchef. "Bitte steigen Sie aus, die Deutsche Bahn hat Busse bestellt." Etwa 350 Pendler drängen in die Kälte. Vor dem Bahnhofsvorplatz steht ein einziger Reisebus. Er ist ratzfatz überfüllt und fährt auch nur nach Bad Oldesloe.

300 Leute warten. Und warten. Nichts geschieht. Und es ist bitter kalt. Nach einer halben Stunde hält plötzlich ein Mietwagen am Straßenrand. Eine Fahrerin steigt aus. "Braucht hier jemand ein Taxi?" Schnell finden sich sechs Leute, die nach Lübeck wollen. Eine Schauspielerin ist darunter, die um 20 Uhr in Lübeck auf der Bühne stehen muss. Die Fahrerin verlangt nur den regulären Preis von 70 Euro. Geteilt durch sechs, ein wahres Schnäppchen. Und die Autobahn ist zum Glück geräumt.

Kerstin Herrnkind


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