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Tankerunfall Zittern am Great Barrier Reef

Ein vor der australischen Ostküste auf Grund gelaufener Kohlefrachter bedroht das sensible Ökosystem des größten Korallenriffs der Welt. Die Umweltstiftung WWF in Australien spricht von einer "tickenden Zeitbombe".
Von Manuela Pfohl

Die Meldung schlug ein wie eine Bombe: Ausgerechnet am Great Barrier Reef, einem der sieben Unesco-Weltnaturwunder, ist am Samstag ein chinesischer Kohlefrachter auf Grund gelaufen. An der Ostküste Australiens, wo das größte Korallenriff der Erde liegt, droht nun eine Ölpest. Denn die "Shen Neng 1", die mit 65.000 Tonnen Kohle und 975 Tonnen Treibstoff beladen war, könnte auseinanderbrechen. Eine tickende ökologische Zeitbombe, wie nicht nur Gilly Llewellyn vom World Wide Fund of Nature (WWF) fürchtet.

Das Barrier Reef gibt rund 14 000 Arten von Meerestieren Lebensraum. Es erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 200 000 Quadratkilometern - und ist damit fast dreimal so groß wie Bayern. Das Riff besteht aus mehr als 2900 Einzelriffen und 71 Koralleninseln - ein Ölteppich könnte zur tödlichen Falle für unzählige Tiere und Pflanzen werden. Schon jetzt sind mehrere Tonnen Treibstoff aus einem Leck ausgelaufen und haben einen mehrere Kilometer langen Ölfilm gebildet.

Warum lief das Schiff auf Grund?

Während Umweltschützer und Bergungsteams sich Sorgen um die Zukunft des berühmten 2300 Kilometer langen Great Barrier Reef und seiner unzähligen Lebewesen machen, tauchen erste Fragen zur Ursache des Unglücks auf. So gibt es bislang noch keine Informationen darüber, warum das 230 Meter lange Schiff, das zuvor im Hafen von Gladstone Kohle geladen hatte und nun auf dem Weg nach China war, bei voller Fahrt auf das Riff lief.

Anna Bligh, Regierungschefin des zuständigen Bundesstaates Queensland, war außer sich, als sie erfuhr, dass die "Shen Neng 1" mehr als 15 Kilometer von der regulären Route abgewichen war. Sie meinte, es sei unerklärlich, wie ein Frachter derart vom Kurs abkommen könne und warf dem Kapitän vor, illegal in die geschützte Meereszone eingedrungen zu sein. In australischen Medien werden erste Gerüchte diskutiert: Wollte der Kapitän mit einer kürzeren Route Geld sparen? Die Reederei der "Sheng Neng I" muss nach Blighs Angaben mit bis zu 920.000 Dollar Geldstrafe rechnen, wenn sich herausstellen sollte, dass der Kapitän sich schuldhaft nicht an die üblichen Routen gehalten hatte.

Strenge Schutzvorschriften nötig

Nach Regierungsangaben gehört das Schiff der Shenzhen Energy Group, einer Tochter der unter dem Namen Cosco bekannten China Ocean Shipping Company. Die wiederum sei seines Wissens bislang nicht negativ aufgefallen, sagt Christian Bussau, Schifffahrtsexperte von Greenpeace Deutschland. Auch das 17 Jahre alte Schiff sei nach den allgemeinen Sicherheitskriterien kein Problemfall.

Greenpeace-Experte Bussau hält ebenso wie seine Kollegen anderer Umweltverbände strengere Schutzvorschriften zum Schutz des Riffs für dringend nötig. "Unglücke wie dieses könnten verhindert werden, wenn es beispielsweise eine Lotsenpflicht für das besonders gefährdete Gebiet gäbe", meint Bussau. Denn immer wieder komme es vor, dass Kapitäne die vorgeschriebenen Routen zwar kennen, sich aber in unbekanntem Gewässer dennoch nicht zurecht finden. "Ein Lotse, der in einem sensiblen Bereich wie dem Riff das Schiff führt, wäre ebenso eine Hilfe wie Schlepper, die vor Ort sind und im Ernstfall ein Schiff, das auf falschem Kurs ist, wieder in die regulären Bahnen schleppen könnten", ist Bussau überzeugt. Chris Smyth von der australischen Umweltstiftung brachte sogar ein komplettes Schifffahrtsverbot für die Umgebung des Riffs ins Gespräch.

"Tickende Zeitbombe"

Unterdessen sind Bergungsmannschaften fieberhaft bemüht, ein Auseinanderbrechen des Schiffes zu verhindern. Auch Schlepper sind im Einsatz, um den Frachter zu stabilisieren, der wegen Beschädigungen an Maschine und Ruderanlage nicht selbstständig operieren kann. Die 975 Tonnen Treibstoff an Bord sind nach Angaben von Umweltschützern besonders gefährlich für die ökologisch sensiblen Meeresorganismen im gut 2300 Kilometer langen Riff. Der Direktor der Umweltstiftung WWF in Australien sprach von einer "tickenden Zeitbombe", doch zeigte sich der Leiter der Behörde zuversichtlich, dass ein größeres Leck verhindert werden kann. Zum Vergleich: Bei großen Ölkatastrophen laufen zehntausende Tonnen Öl ins Meer. Die Exxon Valdez verlor 1989 mehr als 35.000 Tonnen Öl vor Alaska.

Bussau: "Zwar ist nach den ersten Einschätzungen eher von einer lokalen Schädigung des Barrier Riffs auszugehen, aber auch das kann schon enorme Auswirkungen auf das Ökosystem haben." In trauriger Erinnerung sei noch das "Pallas"-Unglück vor der Nordseeinsel Amrum im Jahr 1998. Damals verendeten mehr als 16.000 Vögel im Ölschlick, nachdem der unter maltesischer Flagge fahrende Frachter "Pallas" havarierte. Er hatte dabei rund 756 Tonnen Öl verloren.

Riff schon lange bedroht

Sorge um das Barrier Reef machen sich Umweltschützer allerdings nicht erst seit dem Unglück der "Shen Neng 1". Der Klimawandel bedroht das Überleben des Riffs seit Jahren. Im immer wärmer werdenden Meerwasser bleichen die Korallen langsam aus und sterben - was katastrophale Folgen für zahlreiche Lebewesen hat, die auf die Korallen als Lebensraum angewiesen sind. Nach Ansicht von Forschern könnten die Korallen des Great Barrier Reefs in 50 Jahren - oder sogar deutlich früher - zerstört sein, wenn die Wassertemperaturen infolge der Erderwärmung weiter ansteigen. Auch der wachsende Tourismus schadet dem Riff. Unachtsame Taucher sollen bereits zahllose Korallenbänke zerstört haben.


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