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Tote bei Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Horrorcrash in Hordorf

Zehn Tote, gut 20 Verletzte: Das Zugunglück in Hordorf in Sachsen-Anhalt ist eines der schwersten seit Jahren. Wieso rasten der Güter- und der Regionalzug ungebremst ineinander?

Die Wucht des Aufpralls ist unbeschreiblich: Noch in kilometerweiter Entfernung hören die Menschen in der Nacht zum Sonntag einen unheimlichen Knall, als gegen 22.30 Uhr ein Güterzug und eine Regionalbahn in Hordorf bei Oschersleben auf eingleisiger Strecke ungebremst ineinander rasen. Mit katastrophalen Folgen: Zehn Menschen sterben, 23 weitere werden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich.

Den Helfern bietet sich ein Bild des Grauens: Der Güterzug hat den Harz-Elbe-Express (HEX) komplett von der Schiene gefegt. Der zertrümmerte Regionalzug liegt auf schneebedecktem Feld, der Güterzug steht dagegen wie unbeschadet auf dem Gleis.

Es ist bitterkalt und neblig, als die ersten Retter am Unglücksort eintreffen. Aus der gesamten Region Magdeburg kommen alle verfügbaren Rettungskräfte zum Einsatz. Fieberhaft kämpfen sie sich in dem zerstörten Zugwrack voran, um Verletzte zu retten und die Toten zu bergen. Das Feld neben dem Gleis ist mit grellem Scheinwerferlicht ausgeleuchtet. Doch der Nebel ist so dicht, dass keine Rettungshubschrauber fliegen können. So müssen die Verletzten mit Krankenwagen in die umliegenden Kliniken gebracht werden.

Leichen inmitten der Wrackteile

Bis 2 Uhr haben die Einsatzkräfte acht Leichen geborgen, sie liegen mit Folien bedeckt neben dem Zugwrack. Um den Überblick nicht zu verlieren, haben die Sanitäter Nummern aus Pappe auf die leblosen Körper gestellt. Zwei weitere Leichen müssen noch geborgen werden. Doch nicht nur wegen der psychischen Belastung müssen die Bergungskräfte an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen: Die Leichen liegen inmitten der Wrackteile. Ob es noch weitere Opfer gibt, soll mit Hilfe von Spürhunden geklärt werden, die auf dem Unglücksgelände im Einsatz sind. Rund 30 Fahrgäste sollen an Bord des Zuges gewesen sein.

Es ist ein schwacher Trost, doch der Einsatz von Polizei und Rettungskräften ist laut Einsatzstab gut gelaufen. "Das hat aus meiner Sicht hervorragend geklappt", sagt der sichtlich bewegte Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben, als er den Ort der Katastrophe mitten in der Nacht verlässt. Viele Helfer des Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerk stehen noch erschüttert an dem Gleis, können aber nichts mehr tun. Sie blicken ratlos auf die Leichen, den zerstörten Harz-Elbe-Express und den Güterzug, der mit unfassbarer Wucht seinen Platz auf dem Bahngleis behauptet hat.

Wie konnte das passieren?

Nun stellt sich die unweigerliche Frage: Wie konnte das passieren? "Wir ermitteln in alle Richtungen", versichert der Einsatzleiter der Bundespolizei vor Ort, Ralph Krüger, am Sonntagvormittag. Noch gebe es aber keine Hinweise, die allein auf technisches oder auf menschliches Versagen hindeuten. Mehr Klarheit erhoffen sich die Ermittler von der Auswertung der Fahrtenschreiber der Züge.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) vermutet menschliches Versagen als Unglücksursache. Es sei wahrscheinlich ein Haltesignal überfahren worden, sagte der Politiker, normalerweise seien schließlich nicht zwei Züge gleichzeitig auf der Strecke unterwegs.

Thomas Struk, DPA / DPA