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Trauerfeier Ludwigshafen: Abschied von den Brandopfern

In einer bewegenden Trauerfeier haben Tausende Abschied von den Opfern der Ludwigshafener Brandkatastrophe genommen. Die Särge wurden auf dem Platz vor dem zerstörten Haus aufgebahrt. Nach der Trauerfeier wurden die Toten in die Türkei überführt.

Von Katrin Weisenburger, Ludwigshafen

Mehr als 4000 Menschen stehen Schulter an Schulter vor dem abgebrannten Wohnhaus in der Ludwigshafener Innenstadt und beten gemeinsam ein muslimisches Totengebet. So endete die Trauerfeier für die neun Todesopfer, die die Brandkatastrophe am vergangenen Sonntag gefordert hatte. Die teils aggressive und radikalisierte Stimmung innerhalb der türkischen Bevölkerung der Stadt, die besonders zur Wochenmitte hin deutlich zu spüren war, ist der stillen Trauer und Anteilnahme gewichen, die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei seinem Besuch am Donnerstag gefordert hatte.

"Die Angehörigen sind in ihrer Trauer nicht allein", bekräftigte Oberbürgermeisterin Eva Lohse in ihrer Ansprache. Auch der rheinland-pfälzische Innenminister Karl-Peter Bruch und die Integrationbeauftragte Maria Böhmer sprachen den Hinterbliebenen ihr tiefes Mitgefühl aus. Von türkischer Seite waren der Staatsminister für die im Ausland lebenden Türken Mustafa Sait Yazicioglu anwesend sowie der türkische Oppositionsführer Deniz Baykal. Er hoffe, dass es sich bei dem verheerenden Brand um einen Unfall handle und die Sorgen und Bedenken seiner Landsleute bald aus dem Weg geräumt werden könnten, sagte Baykal. Mölln und Solingen seien nicht vergessen und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland beschäftige das türkische Parlament. Er wünsche sich, so Baykal, dass es der deutschen Regierung gelänge, fremdenfeindliche Tendenzen in ihrem Land wirksam zu bekämpfen. Seine türkischen Landsleute ermutigte er zur Integration: "Erlernt die deutsche Sprache und erlernt die deutsche Kultur."

Trauer und Schmerz einen die Konfessionen

Mustafa Sait sprach den Angehörigen der Opfer sowie der türkisch-stämmigen Bevölkerung in Ludwigshafen Mut zu: "Die Türkei lässt Sie nicht allein!" Fremdenfeindlichkeit habe in diesem Land keinen Raum, sagte der pfälzische Innenminister Bruch. "Ganz Rheinland-Pfalz trauert mit den Hinterbliebenen." Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer übermittelte noch einmal die Anteilnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zusammen mit Ministerpräsident Rezep Tayyip Erdogan in einer Schweigeminute im Bundeskanzleramt den Toten von Ludwigshafen gedacht hatte.

Neben deutschen und türkischen Politikern nahmen auch Vertreter der beiden christlichen Kirchen, sowie ein Vertreter der jüdischen Kirche an der Trauerfeier teil. Es ist außergewöhnlich, bemerkte ein türkischer Journalist, dass sogar ein Vertreter der jüdischen Kirche an einem muslimischen Trauerzeremoniell teilnimmt. Alle Redner bekräftigten, dass die Trauer und der Schmerz überkonfessionell seien. So sah man heute Menschen, die mit der muslimischen Gebetskette Tesbik in der Hand in ihr Gebet vertieft waren. Auch die Christen in der Stadt nahmen Anteil: In allen Kirchen der Stadt wurde heute während der Gottesdienste den vier Kindern und fünf Frauen gedacht, die bei dem Brand ihr Leben verloren haben. "Die Stunde der Trauer führt uns zusammen. Möge Ludwigshafen die Botschaft des Brückenbauens ausgehen. Die Botschaft eines friedlichen Miteinanders", sagte Maria Böhmer.

Erste Ermittlungsergebnisse für Montag erwartet

Besonders bewegend war die Ansprache von Kamil Kaplan, einem der Angehörigen. Er dankte allen Anwesenden und den Rettungskräften für ihren Einsatz. "Wir sind Türken, aber wir leben hier. In dieser Stadt haben wir unsere Kinder zur Welt gebracht. Unser Leben findet hier statt und wir wünschen uns Freundschaft zwischen Deutschen und Türken."

Bislang ist noch immer unklar, was den Brand in dem Altbau ausgelöst haben könnte. Die Polizei rechnet Montag mit den ersten Ermittlungsergebnissen. "Der Verdacht eines fremdenfeindlichen Anschlags steht im Raum, deshalb müssen wir bei den Ermittlungen besonders gründlich und sorgsam vorgehen", sagt Polizeisprecher Michael Lindner. Seit dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan hat sich die Stimmung in der Stadt deutlich beruhigt. "Wir sind Herrn Erdogan wirklich dankbar für seinen Besuch und seine Worte. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Emotionen in der Bevölkerung nicht weiter überschäumen", so Lindner. Die vierköpfige Ermittlungskommission, die eigens aus der Türkei entsandt wurde, wird in der nächsten Woche in ihre Heimat zurückkehren.