HOME

Tsunami-Opfer: Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen

Mit leerem Blick starren sie aufs Meer, das ihre Liebsten und ihre Existenz nahm. Die Überlebenden der Flutwelle haben Furchtbares erlebt. Nach den ersten Selbstmorden sind Psychiater und Psychologen alarmiert.

Seit Sujeewa Amarasena von den ersten Selbstmorden nach der Katastrophe in Sri Lanka gehört hat, schellen bei dem Arzt die Alarmglocken. "Wir müssen sofort mit psychologischer Betreuung beginnen", sagt der Leiter der Kinderabteilung im Krankenhaus in Karapitiya. Gemeinsam mit Psychiatern und Psychologen organisiert er die Schulung von jungen Medizinern, die Freiwilligen sollen im Süden Sri Lankas psychologische Notfallhilfe für die Überlebenden leisten. Sie wird dringend gebraucht: Die ganze Nation, so Gesundheitsminister Nimal Siripala de Silva, ist seit den Flutwellen traumatisiert.

Die Überlebenden haben Furchtbares durchgemacht. Mehr als 50 Mediziner aus verschiedenen Gegenden haben sich in Karapitiya versammelt, um zu helfen; es sind viel mehr gekommen, als Amarasena nach den Aufrufen erwartet hat. Das Land steht in der Not zusammen, die Solidarität ist überwältigend - ebenso wie das Elend.

Bilder, die haften bleiben

Eine Psychiaterin, die die erste Freiwilligengruppe einen Tag lang schult, erzählt von einem Mädchen, das für tot gehalten und zwischen die Toten gelegt wurde. Erst als das Massenbegräbnis beginnen sollte, merkte jemand, dass das Kind noch lebte. Seitdem hat es kein Wort mehr gesprochen. Traumatisiert ist auch ein Junge. Er wird das Bild des Freundes nicht mehr los, der ihm seine Hand hinstreckte, die er nicht greifen konnte. Der Junge wurde von den Fluten fortgespült. Nun hat das überlebende Kind ein schlechtes Gewissen, weil es überlebte. Es isst nichts mehr.

Den Erwachsenen geht es oft nicht besser. Noch Tage nach der Katastrophe hocken manche schockiert auf den Trümmern, die ihr Zuhause waren. Mit leerem Blick starren sie aufs Meer, das einst ihren Lebensunterhalt sicherte und ihnen dann ihre Liebsten und ihre Existenz nahm. Die Leichen, die noch immer geborgen werden, sind verwest. Es sind oft blutjunge Soldaten und Polizisten, die die Verwüstung aufräumen und dabei die Toten finden. Manche der freiwilligen Helfer, die Leichen bergen, sind fast noch Kinder. Einigen zittern die Hände. Niemand weiß, was sie nachts träumen.

Das Ausmaß der psychologischen Katastrophe wird noch lange nicht absehbar sein. "Traumatisierte Menschen begehen auch nach 30 Jahre noch Selbstmord", sagt Amarasena. "Wir müssen die Folgen von Beginn an so gering wie möglich halten, wir müssen psychologische Unterstützung anbieten." Drei Teams mit je 50 Medizinern sollen in die verwüsteten Küstengegenden der Süd-Provinz Sri Lankas ausschwärmen. Amarasena und die Trainer machen sich keine Illusionen darüber, was die Freiwilligen leisten können.

Viel Arbeit für Psychiater und Psychologen

Traumata könnten nur von Fachleuten behandelt werden, sagt die Psychiaterin, die die meist frisch gebackenen Mediziner schult. "Ihr sollt nach dem Tag heute erkennen können, ob der Mensch vor Euch mit der Hilfe, die ihr ihm geboten habt, okay ist. Ihr müsst aber auch erkennen, wer einen Psychiater braucht", betont sie. "Wir wissen noch nicht, wer sich auch mit wenig Unterstützung von seinem Schock erholen kann." Die Flut sei noch nicht lange her - "und es dauert, bis sich ein posttraumatisches Stress-Syndrom entwickelt." Die Psychiater und Psychologen Sri Lankas werden in den nächsten Jahren viel zu tun haben. Ihre Zahl wird kaum ausreichen, um die vielen traumatisierten Überlebenden zu betreuen - die so sehr auf ihre Hilfe angewiesen sind.

Can Merey/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel