Verschollener Air-France-Airbus Schockstarre in Paris

228 Menschen sind an Bord des Air-France-Airbus AF 447 aus Rio de Janeiro über dem Atlantik verschollen. In Frankreich zweifeln Experten und Laien an der offiziellen Version vom Stromausfall im Unglücksflieger. Doch zuverlässige Nachrichten und Analysen bleiben Mangelware.
Von Jörg Zipprick, Paris

Es war ruhig in Paris am Montagabend. Beängstigend ruhig. Kaum ein Mensch vor den Kinos des Boulevard des Italiens, eine einzige Touristengruppe vor der Opéra Garnier. Selbst auf dem Boulevard Péripherique, der Stadtautobahn, herrscht efreie Fahrt. Ungewöhnlich für einen Pfingstmontag, normalerweise müssen sich die Hauptstädter nach solchen langen Wochenenden durch Dutzende Kilometer Stau quälen. Am Montag jedoch saß Paris, nein, ganz Frankreich, gebannt vor dem Fernseher, lediglich in den Straßencafés in Montmartre und Saint-Germain wurde heftig, aber leise diskutiert.

Der Flug AF 447 aus Rio de Janeiro war als verschollen gemeldet, ein Airbus A 330. Am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle nördlich der Hauptstadt agierten die Behörden schnell. Angehörige der vermissten Fluggäste wurden schon vor der geplanten Ankunft um 11.10 Uhr von Polizeibeamten zur Krisenzelle im Terminal 2E geführt. Trotz dutzender Fotografen und Kameraleuten im Gang behielten die meisten Betroffenen die Fassung, schließlich war AF 447 bis etwa 13 Uhr lediglich als "verspätet" angeschlagen.

Am frühen Nachmittag gab Air France eine dürre Pressemeldung mit den üblichen statistischen Daten heraus: Der Airbus A 330 war erst am 18. April 2005 in Betrieb genommen worden, die letzten Wartungsarbeiten fanden am 16. April 2009 statt. Gegen 4 Uhr MESZ hätte der Pilot von Turbulenzen berichtet, 14 Minuten später sendete der Bordcomputer des Airbus eine automatische Nachricht, es gäbe eine "Panne im elektrischen Kreislauf".

Kurz nach 17 Uhr dann trat Staatspräsident Nicolas Sarkozy vor die Kameras und erklärte, die Chancen, Überlebende zu finden seien verschwindend gering, er verfüge über "keine präzisen Angaben zu den Geschehnissen". Zuvor hatte ein Air-France-Sprecher schon erläutert, wahrscheinlich sei die vermisste Maschine "vom Blitz getroffen worden".

Während viele internationale Medien den Blitzschlag als Unfallursache kommentarlos übernommen hatten, kamen in Frankreich Zweifel auf. Piloten und Luftfahrtexperten wie Pierre Sparaco erklärten, dass ein Blitzschlag normalerweise nicht zum Totalverlust eines Flugzeugs führt. Das Flugzeug selbst funktioniere als "Faraday'scher Käfig". Obendrein gäbe es an Bord gleich fünf Energiequellen. Für einen Totalausfall des elektrischen Systems müssten alle fünf gleichzeitig ausfallen. Starke Turbulenzen seien zwischen der brasilianischen und der afrikanischen Küste ohnehin an der Tagesordnung.

Gérard Felzer, Direktor des Luftfahrtmuseums in Le Bourget, erklärte dem Nachrichtensender LCI, dass eine Kollision und ein Attentat ebenfalls als Unfallursache in Betracht kämen. Die Kollision scheidet jedoch aus: Zum fraglichen Zeitpunkt war im benachbarten Luftraum kein weiterer Flieger unterwegs. Gegen das Attentat wiederum spricht, dass sich bisher keine terroristische Gruppe mit der Sprengung des betreffenden Fliegers brüstet.

Laut Pierre-Henry Gourgeon, Generaldirektor von Air France, war der Unglücksort am frühen Abend auf "ein paar Dutzend Seemeilen" genau lokalisiert. Eine Seemeile entspricht 1,85 Kilometern. Von der Maschine jedoch fehlt jede Spur, Wrackteile wurden bislang nicht gesichtet.

Die genaue Unfallursache ist derzeit unbekannt, sie könnte wochen- oder gar monatelang rätselhaft bleiben. Für die raren Franzosen in den Pariser Straßencafés war die fehlende Erklärung das Erschreckendste am Verschwinden von AF 447. Zwölf Besatzungsmitglieder und 216 Passagiere sind als verschollen gemeldet - und selbst im 21. Jahrhundert kann kein Experte den Vorfall überzeugend analysieren.

Wenn es nichts zu berichten gibt, wird selbst Nebensächliches zur Nachricht. Ein französisches Paar sei dem Unglück "durch ein Mirakel" entkommen. Claude Jaffiol, Medizinprofessor aus Montpellier, und seine Ehefrau waren zwar nicht fest auf den Unglücksflug gebucht. Jaffiol hätte sich aber "kräftig bemüht, zwei Plätze zu bekommen" und sogar "einen Freund mit Beziehungen zu Air France angerufen". Der Flug war jedoch ausgebucht. Während die Air France das größte Flugzeugunglück ihrer Geschichte beklagte, wurde die missglückte Umbuchung des Mediziners zum Wunder erklärt.

Das Freundschaftsspiel "Frankreich-Nigeria" am heutigen Dienstag beginnt mit einer Schweigeminute, meldeten die Nachrichtenagenturen kurz nach Mitternacht. Vom vermissten Flieger sprachen sie nicht.

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