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Verunglückter Forscher im Riesending-Schacht Die Hoffnung wartet ganz unten


Seit Sonntag ist Johann W. in 1000 Metern Tiefe gefangen. Die Retter sind optimistisch, den Forscher aus der Riesending-Höhle zu befreien. Doch ihr Einsatz ist riskant und der Aufwand gewaltig.
Von Felix Hutt, Marktschellenberg

Die Sonne knallt so unerbittlich auf die Postkartenidylle der Berg- und Hüttenwelt rund um Berchtesgaden, dass man sich durchaus ein paar Stunden in einer kühlen Höhle wünschen würde, wäre es nicht genau eine Höhle, die so viel Ärger macht. Seit Sonntagmorgen hält die "Riesending"-Schachthöhle Johann W. gefangen. Ein Steinschlag erwischte den Höhlenforscher aus Baden-Württemberg und verletzte ihn am Kopf und Oberkörper so schwer, dass der 52-Jährige nicht mehr aus eigenen Kräften zurückkehren und aufsteigen konnte. Seitdem liegt er 1000 Meter unter dem Untersberg, in den Abgründen einer riesigen Höhlenwelt, die nur wenige so gut kennen wie er.

Dominierte in den Stunden nach Bekanntwerden seines Unfalls noch die Vermutung, dass seine Verletzungen und die widrigen Umstände – es ist vier Grad kalt, der Unfallort sehr schwer zugänglich – wenig Hoffnung auf eine Rettung zulassen, kann man seit heute davon ausgehen, dass dies doch gelingt. Ein Rettungsteam aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist bei W., ein weiterer erfahrener Arzt auf dem Weg zu ihm. W. ist ansprechbar und kann sogar mit Unterstützung gehen, er hat eine schwere Gehirnerschütterung und Platzwunden erlitten. Sollte sich sein Gesundheitszustand in den nächsten Stunden und Tagen nicht verschlechtern, kann er wohl bis Ende der Woche aus der Höhle geborgen werden. Momentan versuchen die Helfer ihn so weit zu stabilisieren, dass W. in Etappen aus der Höhle geholfen werden kann.

Textnachrichten in die Tiefe

Parallel läuft die Rettungslogistik auf Hochtouren, rund 200 Personen sind an der Aktion beteiligt. Das Haus der Freiwilligen Feuerwehr am Ortsrand von Berchtesgaden wird von Journalisten belagert, auf Bierbänken im Schatten sitzen an diesem Dienstagmittag 16 auf Höhlenbergung spezialisierte Einsatzkräfte aus Triest, die mit Karten und auf ihren Laptops die Bergung planen. Laut Bergwacht steht mittlerweile auch das Höhlen-Kommunikationssystem "Cavelink", eine auf Langwellen basierende Funktechnik, die Textnachrichten zwischen Höhleneingang und dem Unfallort ermöglicht.

Mit Bussen der Bergwacht werden die Helfer dann auf eine große Wiese gebracht, die an der Bundesstraße zwischen Berchtesgaden und Marktschellenberg liegt. Dort wurde ein erstes großes Basislager errichtet, ein zweites gibt es oben auf dem Untersberg neben dem Einstieg. Mit Hubschraubern der Polizei oder der Bundespolizei werden die Einsatzkräfte dann auf den Untersberg geflogen, wo mittlerweile ein kleiner Landeplatz für Hubschrauber geschaffen wurde. Aufgrund der komplexen Geländelage arbeiten die Retter in Vierer-Teams, die sich bereits im Einstiegsbereich über steinschlaggefährdete Passagen rund 350 Meter abseilen müssen. Dann warten auf sie die Stollen, die sich kilometerweit durch Schächte, Bäche, Engstellen und Siphons fortsetzen.

Rettungsplan steht bis ins Detail

Das Ziel ist es, Johann W. über mehrere Etappen an kleine Lager, genannt Biwaks, zu bringen, wo mittlerweile Decken, Lebensmittel und Schlafsäcke bereit liegen. Viel wird in den nächsten Tagen davon abhängen, ob er es zu den jeweiligen Biwaks schafft, denn die Geländelage in der Höhle lässt nicht zu, dass man ihn ausschließlich trägt. Seine beiden Begleiter haben sich so weit erholt, dass sie heute den Heimweg antreten konnten. Für W.s Familie steht ein Kriseninterventionsteam bereit, dass sie über die aktuelle Lage informiert und betreut. Gelingt es W. aus der Höhle zu holen, wird er vom Untersberg in eine Spezialklinik geflogen, wo man sich dann um seine Verletzungen kümmern wird, die nicht lebensbedrohlich zu sein scheinen. Es ist davon auszugehen, dass der Mann, der die Höhle liebt, froh sein wird, bald wieder die Sonne zu sehen.


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