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Integration: Wie aus Flüchtlingen Lehrer an deutschen Schulen werden

Lehrern aus Syrien oder dem Iran erscheint vieles fremd am deutschen Unterricht. Eine Schulung ebnet ihnen den Weg in die hiesigen Klassenzimmer.

Von Martin Theis

Im Mai unterrichtete Ali Alhalabieh noch als Hospitant an der Theodor-König-Gesamtschule in Duisburg. Nach den Sommerferien wird er dort als Vertretungslehrer anfangen.

Im Mai unterrichtete Ali Alhalabieh noch als Hospitant an der Theodor-König-Gesamtschule in Duisburg. Nach den Sommerferien wird er dort als Vertretungslehrer anfangen.

Da, wo der Lehrer Ali Alhalabieh herkommt, gehen Mädchen und Jungen getrennt zur Schule. Sie tragen Uniform, müssen zweimal in der Woche der Flagge salutieren und Parolen skandieren. An den Wänden hängen Porträts der Assad-Familie, die das Land seit Jahrzehnten im Würgegriff hält. Lehrer gelten als unfehlbare Autoritäten und herrschen oft mit militärischem Ton und Rohrstock. Wer sich eine kritische Meinung erlaubt, lebt gefährlich: "Als Kind hatte ich in der Schule immer Angst", sagt Ali Alhalabieh.

Da, wo Alhalabieh heute unterrichtet, sind es manchmal die Lehrer, die Angst haben in der Schule. Viele Jugendliche in Deutschland sind weder willens noch in der Lage, eine Stunde lang still zu sitzen. Sie ziehen an, was sie wollen, und manchmal ist das wenig. Alles in allem ist das Unterrichten ein kräftezehrender Job, für den es viel zu wenig Leute gibt. Und genau deshalb steht der syrische Lehrer Ali Alhalabieh jetzt als Hospitant in einem Klassenzimmer der Duisburger Theodor-König-Gesamtschule und erklärt 13-Jährigen, wie man die Fläche einer Pyramide berechnet

Qualifizierungsprojekts "Lehrkräfte plus"

Alhalabieh, 28, ist Teilnehmer des Qualifizierungsprojekts "Lehrkräfte plus", das aus ihrer Heimat geflohenen Lehrern den Weg in deutsche Schulen ebnen soll. Die Universitäten Bochum und Bielefeld kooperieren dabei mit dem Schulministerium Nordrhein-Westfalen und der Landesweiten Koordinierungsstelle für Kommunale Integrationszentren. Finanziert und entwickelt wird das Projekt von der Bertelsmann Stiftung und der Stiftung Mercator.

Für den ersten Jahrgang, der im Frühjahr zu Ende ging, hatten sich allein an der Ruhruniversität Bochum 450 geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Deutschland beworben. 25 von ihnen wurden nach Bewerbungsgesprächen und Sprachtests ausgewählt – Frauen und Männer aus Syrien, dem Irak, dem Iran und der Türkei. Vom Nachwuchslehrer bis zur ehemaligen Schulleiterin. Ein Jahr lang lernten sie in Vollzeit Deutsch, besuchten pädagogische Schulungen und hospitierten in Klassenzimmern.

Ob das reicht, um Lehrer aus völlig anderen Kulturräumen in den deutschen Schuldienst zu integrieren, wird sich zeigen, wenn die Ersten von ihnen vom nächsten Schuljahr an regelmäßig unterrichten. "Ich bin so was wie eine Versuchsperson", sagt Ali Alhalabieh und lacht.

Alhalabieh stammt aus Hama, einer Stadt im Westen Syriens. Weil die Muslimbruderschaft sie in den 70er Jahren zum Zentrum ihres Aufstands gegen das Regime von Hafis al-Assad gemacht hatte, rückten dessen Truppen 1982 mit Panzern an, zerschossen die Altstadt und massakrierten mehr als 20.000 Menschen. Das Misstrauen der Regierung hält bis heute an. Alhalabieh möchte aus Angst um seine Familie nicht darüber sprechen – doch andere Flüchtlinge aus Hama erzählen, dass Soldaten willkürlich in ihre Häuser eindrangen, sie verhörten und Computer beschlagnahmten.

"Wir sagen die Dinge lieber durch die Blume"

Zwei Jahre lang hat der junge Mann an einer syrischen Schule gearbeitet. Nebenbei unterrichtete er für Unicef Kinder, die aus den Kriegsgebieten um Homs, Aleppo und Idlib geflohen waren. Pädagogik und Didaktik haben in seiner Ausbildung kaum eine Rolle gespielt. Schule in Syrien heißt in der Regel: Frontalunterricht nach Lehrbuch. Zwar habe er von den europäischen Methoden wie selbstständiger Gruppen- und Partnerarbeit damals schon gehört, doch ein Versuch, sie im Unterricht zu nutzen, sei gescheitert. "Die syrischen Jugendlichen hatten nie gelernt, selbst Verantwortung zu übernehmen."

Alhalabieh möchte nicht, dass seine Schüler Angst vor ihm haben. Es gefällt ihm, wenn sie Fragen stellen und ihre eigenen Rechenwege finden. Wer ihn in der Theodor-König-Gesamtschule in T-Shirt, Jeans und Sneakern durch die Reihen gehen sieht, wer dabei ist, wenn er Einzelnen geduldig bei den Aufgaben hilft, der ahnt, dass er im deutschen System wesentlich besser aufgehoben ist als im syrischen. "Ich habe mich hier methodisch schon rasant verbessert", sagt er.

Deutsche Schule funktioniert anders als syrische. Ali Alhalabieh sagt, er habe sich "methodisch rasant verbessert"

Deutsche Schule funktioniert anders als syrische. Ali Alhalabieh sagt, er habe sich "methodisch rasant verbessert"

Trotzdem brauchte er eine Weile, um sich an das andere Miteinander von Schülern und Lehrern zu gewöhnen. Daran, dass die Jugendlichen ihn schon fast triumphierend korrigieren, wenn er bei der Berechnung von Fläche und Volumen wieder das Wort "Körper" falsch ausspricht oder wenn er sich mal verrechnet. In Syrien sei das undenkbar, sagt er. Überhaupt seien die Syrer sehr viel weniger direkt als die Deutschen. Die Redewendung, die den kulturellen Unterschied auf den Punkt bringt, hat er schnell gelernt: "Wir sagen die Dinge lieber durch die Blume."

Die Disziplinierung deutscher Teenager ist für den höflichen jungen Mann die größte Herausforderung. Selbst der aufmüpfigste syrische Schüler gebe klein bei, wenn der Lehrer ihm damit drohe, die Eltern anzurufen. "In Deutschland würden die Schüler nur darüber lachen", sagt er. "Manche haben nicht mal Respekt vor dem Rektor, und die Eltern sind wie Rechtsanwälte. Sie finden selbst die Ausreden dafür, dass ihre Kinder schlecht in der Schule sind."

Übersetzer und Vermittler

Der 14-jährige Elias aus der 8b kennt die Welt, aus der Alhalabieh stammt. Er selbst ist mit seiner Familie vor drei Jahren aus Syrien geflohen und musste in sein neues, deutsches Leben finden. "Ich bin stolz darauf, dass ein syrischer Lehrer jetzt deutsche Schüler unterrichtet", sagt er. "Das heißt, wir können hier etwas erreichen." Dass er sowohl die Armut in seiner Heimat als auch den Reichtum in Deutschland gesehen hat, habe seinen Ehrgeiz entfacht. Sein Zukunftsplan steht: Er will Informatik studieren und gemeinsam mit einem Freund in die Tech-Branche einsteigen. "Ich möchte Deutschland zeigen, was ich kann."

Ali Alhalabieh kann für Schüler wie Elias eine Brücke zur deutschen Gesellschaft bilden. In Deutschland hat zwar jeder dritte Schüler einen Migrationshintergrund, aber nur jede 13. Lehrkraft. Auch in der Kommunikation mit Eltern kommt es deshalb häufig zu Missverständnissen. Alhalabieh fungiert also auch als Übersetzer und Vermittler. Als er einmal die Eltern eines auffälligen Jungen anrief und das Problem auf Arabisch erklären konnte, war der Vater so dankbar, dass er Alhalabieh gleich zum Essen einlud.

Der stellvertretende Schulleiter Bruno Güths, selbst Mathelehrer, wollte Ali Alhalabieh unbedingt an die Theodor-König-Gesamtschule holen und hat ihn als Mentor begleitet. Ihn ermutigte die Freundschaft zu einem syrischen Arzt in seinem Heimatdorf in Nordrhein-Westfalen, der ebenfalls darum kämpft, hier in seinem Beruf Fuß zu fassen. Es sei zwar ein bisschen mehr Aufwand für die Lehrer, ihren neuen Kollegen einzuarbeiten, sagt Güths, doch Verstärkung sei dringend nötig. Vor allem in Mathe, Physik, Chemie und Englisch."

Ganz leicht gemacht wird es Schulleitern wie Güths allerdings nicht. Das größte Problem neben der deutschen Sprache: Hierzulande müssen Lehramtsstudenten zwei Fächer studieren, die geflüchteten Lehrkräfte unterrichten in der Regel nur eins. Ein weiteres Studium samt Referendariat würde sie aber rund sieben Jahre kosten. Bruno Güths drängt auf eine Lösung: "Die Landesregierungen sollten unbedingt Ausnahmeregelungen finden, um qualifizierten Lehrkräften den Einstieg in unser System zu erleichtern."

Die Schulleitung hat Alhalabieh für das neue Schuljahr jetzt erst einmal befristet als Vertretungslehrer eingestellt, eine Notlösung. Niemand weiß, was danach geschieht. Doch Wege entstehen, wenn man sie geht. Und die Absolventen des "Lehrkräfte plus"-Programms sind glücklich, überhaupt eine Chance zu haben.

Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben zwar inzwischen mehr als ein Drittel der Geflüchteten in Deutschland eine Arbeitsstelle – doch die meisten müssen auf der Karriereleiter ganz unten anfangen. Rund 20 Prozent sind qualifiziert für eine komplexe Spezialistentätigkeit oder für die Wissensvermittlung. Aber nur fünf Prozent haben tatsächlich eine Arbeit auf diesem Niveau.

"Ich habe keine Angst mehr, in die Hölle zu kommen"

Als die iranische Physiklehrerin Forough Khastkhodaie 2015 in Niedersprockhövel ankam, einer kleinen Gemeinde zwischen Wuppertal und Dortmund, musste sie dort erst mal dreieinhalb Jahre auf ihren Asylbescheid warten. Nachdem sie endlich die Gewissheit hatte, bleiben zu dürfen, rieten ihr Bekannte, sich eine Stelle als Putzkraft zu suchen.

Die iranische Lehrerin Forough Khastkhodaie (2. v. r., vorn) im Seminar an der Universität Bochum Kasten

Die iranische Lehrerin Forough Khastkhodaie (2. v. r., vorn) im Seminar an der Universität Bochum Kasten

Auch sie hatte in einem streng autoritären Regime unterrichtet. "Make-up war verboten, die Fingernägel mussten kurz sein und zwischen das Kopftuch und unser Kinn durfte kein Daumen passen," erzählt die 36-Jährige, die jetzt mit dem zweiten Jahrgang das "Lehrkräfte plus"-Programm absolvieren wird. Je mehr sie über Physik gelesen habe, sagt sie, desto mehr sei sie von dem strengen Glauben abgefallen, der ihr Heimatland beherrscht.

Heute trägt Forough Khastkhodaie ihre Haare offen. "Ich habe keine Angst mehr, in die Hölle zu kommen", sagt sie. Doch noch immer zuckt sie zusammen, wenn sie ein Polizeiauto sieht. Sie entkam in ihrer Heimat knapp der Todesstrafe.

Das deutsche Schulsystem lernte sie erstmals in einem selbst organisierten Praktikum an einer Grundschule kennen. Sie findet es zwar seltsam, dass die Deutschen so viel arbeiten und ihre kleinen Kinder teils den ganzen Tag in die Schule schicken – doch die offene Atmosphäre hat sie beeindruckt. "Die Kinder können dort einfach Kinder sein", sagt sie. An ihrer Praktikumsschule durften sie Noten geben und diese diskutieren, die Lehrerin hat sich daran orientiert. "Im Iran dürfen Kinder nicht mitreden. Sie sollen nur gehorchen."

Dass sie selbst in Deutschland eine Zukunft als Lehrerin haben könnte, hätte Forough Khastkhodaie sich nicht wirklich träumen lassen. "In meinem eigenen Land konnte ich nicht mehr überleben", sagt sie. "Was sollte ich da von einem fremden Land erwarten?" Beworben hat sie sich trotzdem.

Und bekam schließlich die Zusage von "Lehrkräfte plus". "Ich habe den Brief geöffnet und sehr lange gleichzeitig geweint und gelacht", erinnert sich Khastkhodaie. Wenn alles gut geht, wird sie in einem Jahr an einer deutschen Schule anfangen.