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stern-Kolumne Winnemuth: Auf hoher See

Unsere Kolumnistin hätte nie gedacht, dass sie mal auf Kreuzfahrt gehen würde. Doch auf einer Passage entlang der amerikanischen Ostküste erlebte sie herrliche Momente zwischen lull und lall.

Von Meike Winnemuth

Ein befreundeter Arzt hat sich den SÜK als Formel für ein gelungenes Leben ausgedacht: den Selbstüberraschungs- Koeffizienten – die Anzahl der Situationen pro Jahr, in denen man "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal …" denkt, geteilt durch Monate mal Lebensjahre oder so, ich habe die genaue Formel vergessen. Es ging jedenfalls um die Frage, ob man ein sauber gezimmertes Selbstbild wieder ins Wanken bringen kann, was nach Überzeugung meines Freundes mindestens so lebensverlängernd wirkt wie das tägliche Glas Rotwein. Das hoffentlich jeder trinkt. (Sagt er, nicht ich. Ach was: ich auch.)

Also: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Kreuzfahrt machen würde. #link;http://www.vormirdiewelt.de/;Auf einem Containerfrachter bin ich mal für zwölf Tage mitgefahren#, das war erwartungsgemäß großartig, besonders bei Sturm in der Biskaya. Aber so ein Vergnügungsdampfer mit einem Alleinunterhalter namens Eddy B. und sechs Mahlzeiten am Tag, inklusive Vormittagsbouillon, aber nur an Seetagen? Ich doch nicht. Also wirklich nicht.

Jetzt aber doch. Eigentlich nur, weil mich die Strecke reizte: Montreal, Quebec, Halifax, Boston, Newport, New York, Charleston, Savannah, Nassau. Wale gucken, absurd billige Hummerbrötchen essen, bisschen den "großen Gatsby" und "Vom Winde verweht" spielen, endlich das 9/11-Mahnmal sehen (und heulen), die "Amateur Night" im Apollo Theater gucken (und jubeln) und mit meiner besten Freundin über all das kichern, worüber man auf Kreuzfahrtschiffen halt kichern kann.

18 Uhr. Wodka-Bingo!

Tja, es wurde blöderweise richtig gut. Wir standen morgens um sechs an der Reling und fuhren an der Freiheitsstatue vorbei. Seit ich weiß, dass es Schiffe gibt, und seit ich weiß, dass es die Freiheitsstatue gibt, wollte ich genau das tun. Es war genau so großartig, wie ich immer gedacht habe. Noch besser aber waren die unerwarteten Momente. Was da so an Lebensgeschichten mit mir herumschipperte, sowohl bei Passagieren wie bei der Mannschaft, lässt jede "Traumschiff"-Folge blass erscheinen. Als wir erst mal die Standardthemen Geld/Krankheiten/Auf-welchen-anderen- Schiffen-wir-schon-waren abgehakt hatten, kamen die dollsten Romanstoffe ans Licht, ich hätte mitstenografieren müssen.

Am allerbesten aber war, dass einem so ein Schiff die Genehmigung erteilt, völlig lull und lall zu werden. Man liegt in Decken gepackt, starrt den Horizont an (nein, starren ist schon zu aktiv – man hat unter Mühen die Augen auf und lässt das Meer in sich hineintröpfeln) und regrediert lustvoll zum Wickelkind, geschaukelt und gefüttert. Und wen das noch nicht runterpegelt, für den gibt es um 18 Uhr Wodka- Bingo mit Wiebke.

Lebensfreie Zone Schreibtisch

Ich habe an dieser Stelle schon öfter dafür plädiert, sich gelegentlich aus der Zurechnungsfähigkeit zu entlassen, aus dem ständigen Funktionieren-Müssen, aus den stets gespitzten Öhrchen einer Dauerpräsenz, die uns in den vergangenen Jahren unter dem sanft diktatorischen Begriff der Achtsamkeit abverlangt wird. Ein Hoch auf die Unachtsamkeit, die Halbanwesenheit, die Ablenkung und das Abschweifen, das Unkonkrete und das Wabernde.

Ich bin inzwischen gut darin, mich in Zustände zu versetzen, in denen ich durchlässig werde für dumme Ideen und Gedankenblitze. Ich schätze mal, dass ich 80 Prozent meiner Arbeit unter der Dusche oder beim Betrachten meines schlafenden Hundes erledige, meine wichtigsten Lebensentscheidungen habe ich beim Spazierengehen am Meer getroffen. Der Schreibtisch ist kein Ort, an dem je etwas von Bedeutung passiert wäre. Aber oh, zu was ich in der Lage wäre, wenn ich an Bord eines Schiffes duschend auf meinen Hund gucken dürfte!

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 50.