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stern-Kolumne Winnemuth: Ende ohne Schrecken

Mit dem Vergangenen haben wir unsere Probleme – ist eh vorbei, weg damit zum Vergessen. Dabei sollten wir feiern, was wir geschafft oder versucht haben. Deshalb: ein Tusch auf 2014 !

Von Meike Winnemuth

Nicht nur Erfolge, sondern auch Fehltritte aus der Vergangenheit sollten gebührend gewürdigt werden. Ein Tusch darauf, dass wir es überhaupt versucht haben.

Nicht nur Erfolge, sondern auch Fehltritte aus der Vergangenheit sollten gebührend gewürdigt werden. Ein Tusch darauf, dass wir es überhaupt versucht haben.

Wenn es grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen Volksmund und Goethe gibt, sollte man sich tunlichst an den Alten halten, der weiß es meist besser. Also: Aller Anfang ist nicht etwa schwer, sondern „Aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten bestiegen.“ Anfangen ist was für Anfänger, Dinge aber zu beenden – und vor allem gut zu beenden –, das ist was für wahre Könner. Das wissen wir nicht erst seit der letzten Ausgabe von „Wetten, dass ..?“, die so lieblos und uninspiriert heruntergegurkt wurde wie eine x-beliebige Sommersendung von 2009, bei der man sich schon von vornherein vom Grillwetter geschlagen gab und einfach irgendwen auf die Couch setzte, Kati Witt, Otto, Elton, Liefers, Schweiger – eh wurscht, versendet sich. Statt einen Abgang mit Pauken und Trompeten hinzulegen und noch mal die ganz große Oper auf die Bühne zu bringen, ließ man die Sendung lieber nach langem Siechtum röchelnd verrecken. Eine Beerdigung im Pappsarg, mit Markus Söder in der ersten Reihe.

"Alle Dinge unter dem Himmel gehen zu Ende ..."

Seltsam eigentlich, wie schwer wir uns mit dem Schlussmachen tun und vor dem Ende immer so erschrecken, dass wir es am liebsten gleich überspringen würden. Wenn es schon aus ist, soll es bitte schnell vorbei sein. Und dann die Augen starr nach vorn! Selbst an Silvester, eigentlich doch eine Jahresendfeier, steht alles auf Anfang. Geböllert wird, um die bösen Geister zu vertreiben, die vor uns lauern, und auch sonst geht es mit Bleigießen, guten Vorsätzen und Jahreshoroskopen stets um das Bevorstehende. Das Vergangene dagegen, das Abgelaufene, Beendete, das kriegt meist nur einen Fußtritt verpasst. Verflossene Lieben, gekündigte Jobs und damit ganze Lebensabschnitte werden mit dürren Lügenworten bedacht: in aller Freundschaft, in gegenseitigem Einvernehmen, schnell Gras drüber. Das ist ein Jammer, denn „alle Dinge unter dem Himmel gehen zu Ende, und wenn zeitliche Begrenztheit einer Sache ihren Wert nähme, dann könnte nichts im Leben wirklich gelingen“.

Updike, nicht Goethe, aber natürlich trotzdem wahr. Was vorbei ist, war mal was. War mal was wert, war mal richtig, war mal gelungen. Und dann halt irgendwann nicht mehr. Was es aber nicht rückwirkend falsch macht oder ungelungen. Das zu verstehen und zu würdigen, das sogar anständig zu feiern, gelingt eigentlich bestenfalls bei Beerdigungen, und selbst da nur in Moll und in Verdruckstheit. Ich plädiere also für mehr jubelnde Abschlusspartys, wann immer etwas zu Ende ist.

Konfetti und Feuerwerk auf das Vergangene

Was bei Olympischen Spielen geht, muss doch auch im Alltag möglich sein: hoch die Tassen auf die Liebe, die wir mal hatten, auf die Jahre, die schön waren, auf die Erfolge und die Niederlagen und die Tatsache, dass wir es zumindest versucht haben. Einen Tusch darauf, dass wir überhaupt angefangen und es so lange hingekriegt haben. (Oder auch kurz, völlig egal.) Konfetti und Feuerwerk auf das Vergangene, es wird ein wichtiger Teil der Zukunft sein. Es kann gern ein bisschen wehmütig werden, warum nicht, aber die helle Freude über das Geschaffte und Erlebte kann uns niemand verderben. Deshalb: Hey, 2014, es war super mit dir. Wirklich. Du warst voller Überraschungen, die meisten davon gut, du warst eine erstklassige Achterbahnfahrt, und du hast im Norden einen der besten Sommer seit Langem hingekriegt. Jetzt haben wir uns zwar auseinandergelebt, du und ich, aber daran ist keiner schuld. Lass uns also unbedingt Freunde bleiben, ich brauche dich weiterhin in meinem Leben, du olles Jahr.

Die Kolumne

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