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Olympiabewerbung 2018: München zittert sich ins Finale

Vier Tage lang hat eine IOC-Kommission die Münchner Olympiabewerbung geprüft. Resultat: München verkauft sich gut, Favorit für die Spiele 2018 bleibt aber ein kleiner Ort in Südkorea.

Von Sebastian Kemnitzer

Die Verantwortlichen waren richtiggehend erleichtert, als alles vorbei war. Kati Witt gab strahlend ein Interview nach dem anderen, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude schwärmte von "seiner Stadt" und IOC-Vize Thomas Bach, eigentlich Typ spröder Funktionär, sprach sogar über Gefühle und philosophierte: "Eine Regel des Lebens ist, dass man nicht ständig neue Horizonte erkunden kann."

Bachs Worte sind nicht einfach so dahergesagt, sondern illustrieren die Strategie der Münchner Olympiaplaner. Sie präsentierten dem IOC eine Bewerbung, die vor allem auf Tradition und olympische Geschichte fußt. Die allermeisten Sportstätten sind bereits vorhanden, außerdem besitzt Bayern eine große Erfahrung mit großen Sportereignissen. Oder, wie Christian Ude stern.de sagte: "München wäre kein gewagtes Abenteuer, sondern sicherer Boden."

So ähnlich klang auch das Fazit der elfköpfigen IOC-Kommission. "Bei München handelt es sich um eine starke Bewerbung", sagte die Chefin der Kommission, Gunilla Lindberg aus Schweden. Lindberg lobte das Engagement der Politiker, lobte das Bewerbungsteam und lobte auf Nachfrage auch die Atmosphäre vor Ort. Einziges Problem: So wirklich euphorisch klang sie nicht.

Pyeongchang ist der große Favorit

Doch Euphorie wäre auch eine kleine Sensation gewesen. Zum einen hält sich eine IOC-Kommission sowieso bedeckt, was ihre Einschätzungen angeht, zum anderen war München von Anfang an so etwas wie der ambitionierte Kandidat in Lauerstellung. Um Olympia 2018 bewerben sich neben München noch Annecy und Pyeonchang. Beide Städte hat die Kommission begutachtet, bevor sie nach München kam.

Obwohl Annecy sich die vergangenen Monate gesteigert hat, ist kein wirklicher Dreikampf zu erwarten. Dazu ist die Bewerbung der Franzosen einfach zu schlecht. Ganz anders schaut es bei Pyeonchang in Südkorea aus. Zum dritten Mal hintereinander bewirbt sich die kleine Stadt mit 50.000 Einwohnern um Olympische Winterspiele. Zweimal ist Pyeonchang knapp gescheitert, bei der Entscheidung im Juli soll es nun endlich klappen.

Die Vorteile liegen auf der Hand, wie fast alle internationale Journalisten berichten. "They simply keep their promises", sagt ein Londoner Sportjournalist stern.de, auf Deutsch: Sie halten ihre Versprechen. Asien sei zudem ein wachsender Markt. Und Pyeongchang stehe - im Gegensatz zu München - für wirklich kurze Wege zwischen den Sportstätten. "It's really compact there", es ist wirklich übersichtlich.

Garmisch rebelliert weiter

München kann zwar den kompakten Olympiapark bieten; der eignet sich aber nur für Wettbewerbe auf dem Eis. Sämtliche Schlittenwettbewerbe sollen - so steht es in den offiziellen Bewerbungsunterlagen - am Königssee im Berchtesgadener Land stattfinden. Das Problem: Autofahrer brauchen für die 160 Kilometer zwei Stunden, Benutzer öffentlicher Verkehrsmitteln müssen sogar drei Stunden einplanen. Diesen Punkt soll die IOC-Kommission kritisch angemerkt haben.

Münchens zweites Problem heißt weiterhin Garmisch-Partenkirchen. Den Olympiaplanern fehlt noch ein zentrales Grundstück auf der Kandahar-Abfahrt, wobei sie sich in dieser Hinsicht optimistisch geben. Viel mehr Kopfzerbrechen bereitet ihnen, dass die Olympiagegner vor zehn Tagen ein Bürgerbegehren im Ort gestartet haben. Bei 1700 gültigen Unterschriften kommt nach rechtlicher Prüfung ein Bürgerentscheid. Nach stern.de-Informationen könnte die Marke von 1700 Unterschriften bereits in wenigen Wochen geknackt sein.

Gegenoffensive der Befürworter

Die Olympiaplaner wissen genau, dass der Streit in Garmisch-Partenkirchen die Bewerbung schwer gefährden kann. Deswegen haben sie, allen voran Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, diese Woche eine Gegenoffensive gestartet und selbst ein Pro-Olympia-Bürgerbegehren initiiert. Damit ist klar, dass die 26.000 Einwohner in Garmisch-Partenkirchen auf jeden Fall im Frühjahr abstimmen werden, ob sie Olympia 2018 wollen. "Darüber sind wir wirklich froh", sagt der grüne Landtagsabgeordnete Ludwig Hartmann, ein Olympiagegner, stern.de.

Die Olympiagegner hatten in der vergangenen Woche bereits ihren Auftritt: 75 Menschen demonstrierten auf dem Münchner Marienplatz. "Ganz ausgezeichnet, wie viele Menschen gegen Olympia sind", urteilte Oberbürgermeister Ude spöttisch. Allerdings trafen auch sechs Olympiagegner Mitglieder der IOC-Kommission. "Die haben interessiert zugehört, als wir über die Grundstücksproblematik und das Bürgerbegehren gesprochen haben", berichtet Aktivist Hartmann. "Wirklich hellhörig sind sie aber geworden, als wir ihnen erzählt haben, dass viele junge Menschen in Bayern Olympia sehr kritisch sehen."

Bericht im Mai, Entscheidung im Juli

Hartmann beruft sich auf eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks im Januar, bei der sich eine Mehrheit der Menschen unter 25 Jahren gegen die Olympiabewerbung ausgesprochen hat. Mittlerweile ist die Zustimmung zwar gestiegen, echte Euphorie herrscht in München aber immer noch nicht. Das verwundert angesichts der Anstrengungen von Seiten der Olympiabewerbungsgesellschaft: Für den Besuch der IOC-Kommission wurde die gesamte Stadt mit Fahnen und großen Olympia-Bannern dekoriert. Die Bemühungen gingen soweit, dass ganze Schulklassen für hübsche Fotos mit der IOC-Kommission herhalten mussten.

Ob es etwas gebracht hat? Im Mai sind Kati Witt und das Bewerbungsteam schlauer. Dann veröffentlicht die Kommission ihren Bericht über den Besuch in München. Nach dem Bericht dauert es dann noch einmal zwei Monate, bevor 103 stimmberechtigte IOC-Mitglieder am 6. Juli in Durban die Entscheidung fällen, ob München die erste Stadt weltweit sein wird, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet.

Eines ist klar: Am Service in der Evaluierungswoche kann es nicht gelegen haben: Die Mitglieder der Kommission schliefen in einem exquisiten Hotel, bekamen täglich Sterne-Küche serviert. Am Donnerstag machte ihnen sogar Angela Merkel bei einem Staatsempfang die Aufwartung. Auf dem roten Teppich sagte die Kanzlerin, dass sie von einem Wintermärchen 2018 träumt. Sie wirkte glaubhaft, aber nicht euphorisch - irgendwie passend zur Münchner Bewerbung.