HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne "Winnemuth": Nur noch einen einzigen Kartoffelchip

Wenn man erst mal angefangen hat, kann man mit den schönen Dingen des Lebens einfach nicht mehr aufhören. Chips essen, zum Beispiel. Und dann reden wir uns mit Sucht raus, schon klar.

Von Meike Winnemuth

Nie bleibt es bei nur noch einem Chip. Nie!

Nie bleibt es bei nur noch einem Chip. Nie!

Nur noch einen, dann ist Schluss. Nur noch einen einzigen Kartoffelchip. Nur noch einen letzten Drink, einen kleinen. Nur noch eine Folge "House of Cards" gucken oder eine schnelle Runde "Quizduell" spielen. Und dann bleibt es doch nie nur bei der einen. Sondern dann kommt noch eine. Und noch eine.

Man hört nicht auf, man zieht sich noch eine fünfte Episode rein, obwohl die Augen längst brennen und man morgen ganz früh raus muss. Das wird man bedauern, man wird sich dafür hassen, völlig klar. Ach, man hasst sich sogar jetzt schon, und eigentlich macht es überhaupt keinen Spaß mehr, aber trotzdem kann man nicht aufhören. Jetzt ist es eh schon egal, jetzt kommt es auf eine weitere nicht mehr an. Aber danach ist Schluss. Echt jetzt.

Haschischplantage im eigenen Darm

Über das Phänomen, dass man Genuss oft über die Schmerzgrenze hinaus treibt (die Psychoneuroendokrinologen nennen es fein "hedonistische Hyperphagie"), wird seit einiger Zeit wacker geforscht, mit bislang unergiebigen bis widersprüchlichen Theorien. Das Chipstüten-Phänomen etwa wird mal mit beigemischten Geschmacksverstärkern wie Glutamat erklärt, mal mit Inhaltsstoffen, die eine Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn bewirken, mal mit der Ausschüttung von Endocannabinoiden, körpereigenen Drogen (meine Lieblingstheorie, wer hätte gedacht, dass wir eine Haschischplantage im Darm betreiben?), mal mit der Vermutung, dass die Kartoffelchipskrümel besonders effektiv in die Mundschleimhaut piksen und dadurch den Speichelfluss erhöhen, was wiederum nur mit noch mehr Chips aufgefeudelt werden kann - ein schicker kleiner Teufelskreis und Blaupause für jeden Fooddesigner, der im Dienst der Lebensmittelindustrie an nichtaufhörenkönnentauglichen Produkten bastelt.

All das erklärt natürlich nicht im geringsten, warum Daddelspiele, DVD-Boxen und Doppelpacks Mars eine ähnlich addiktive Wirkung haben, in die Mundschleimhaut piksen die jedenfalls bei sachgemäßer Anwendung nicht. Irgendwann im Lauf der Beschäftigung mit so einem Thema fällt dann immer das Wort Sucht. Wer nicht aufhören kann, ist süchtig. Kaufsüchtig, spielsüchtig, schokosüchtig, chatsüchtig. Alles, was man gern hat, also oft und dann auch lange will, ist heute eine Droge: das Internet, der Zucker, der Sex.

Ich kann nichts dafür - ich bin süchtig

Wir sind jedenfalls nicht schuld. Diese Sichtweise ist praktisch, weil sie gleich zwei menschliche Vorlieben bedient: die Lust am Drama und die Bequemlichkeit. Wenn alles, was man nicht im Griff hat, eine Sucht ist, rückt es jeden Gummibärchenesser in existenzielle Nähe jener gequälten Seelen, die man mit einer Nadel im Arm auf dem Badezimmerboden findet - hey, auch mein Leben balanciert am Abgrund entlang, selbst wenn ich nur bis zum Ellenbogen in einer Erdnussflipstüte stecke!

Gleichzeitig ist das Suchtgerede angenehm bequem, denn man tritt jede Verantwortung an eine imaginäre Krankheit ab: Ich kann ja nichts dafür, ich bin süchtig. Etwas ist stärker als ich. Überhaupt, die Zuckerindustrie ist schuld. Oder die Werbung. Oder die Gene. Auf jeden Fall nicht ich. Freier Wille funktioniert nur, wenn es um die Wahl der Chipsmarke geht. Dass wir die meisten Dinge im Leben wider besseres Wissen tun und damit einfach nicht aufhören mögen, ist das eine - das macht uns ja zu diesen unterhaltsamen Kreaturen, über die sich ein hoffentlich humorbegabter Gott kaputtlacht.

Dass wir aber auch nicht aufhören können, uns dafür hanebüchene Ausreden und Rechtfertigungen zurechtzuzimmern, das … Ach komm, nur noch einen Satz, jetzt ist es eh schon egal. Wirklich, nur noch diesen einen! Ach, Mist, die Seite ist voll.

Themen in diesem Artikel