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stern-Kolumne "Winnemuth": Wahres im Schwein

Kassensturz: Über tausend Zwei-Euro-Münzen sind zusammengekommen, einfach immer in den Schlitz gesteckt. Was für ein Spaß zum Jahresende!

Von Meike Winnemuth

Kleines Glück so ganz nebenbei: ein prall gefülltes Sparschwein

Kleines Glück so ganz nebenbei: ein prall gefülltes Sparschwein

Zu meinen liebsten Jahresendritualen gehört das Leeren meines Sparschweins. Ganz recht: Sparschwein – ein großes goldenes Porzellanvieh und das mit weitem Abstand hässlichste Ding in meiner Wohnung, noch vor dem Sicherungskasten. In das Schwein wandert seit Jahren konsequent jede Zwei-Euro-Münze, die ich als Wechselgeld herausbekomme. (Früher habe ich das mit Fünf-Mark-Münzen gemacht – erinnert sich noch jemand an die Dinger, auf denen die 5 in so einem komischen fernseherähnlichen Feld stand? Was hatten wir bloß für seltsames Geld.) Auf diese Weise kommt ganz hübsch was zusammen, in der Regel um die tausend Euro pro Jahr, ganz nebenbei und ohne mir wehzutun.

Weh tut es eher mal anderen: Der Vorgänger des Goldschweins, ein mit rotem Samt bezogener lachender Buddha mit Münzschlitz im Hinterkopf (was es nicht alles gibt auf der Welt, aber das wäre jetzt eine andere Geschichte), ist gestorben, als ein Freund, nicht ahnend, dass der Buddha gefüllt das Gewicht einer Bowlingkugel hat, ihn sich auf den Fuß fallen ließ, als er mir beim Umziehen half.

Europäische Einheit ist monetär vollzogen

Aber zurück zum Schwein. Es war zum Platzen voll, ich hatte es zwei Jahre nicht geleert; ich richtete mich auf einen langen Sonntagnachmittag ein. Zuerst mal auf die Badezimmerwaage damit: heißa, elf Kilo brutto. Dann auf den Tisch leeren. Was für ein Haufen Geld! Kleine Zehnerstapel bauen und kleine Fünferstapel, denn in das Münzrollpapier aus der Bank passen immer 25 Stück. Beim Aufschichten gemerkt: Mensch, guck mal, die europäische Einheit ist wirklich vollzogen, zumindest monetär.

Da fanden sich neben den Bundesadlermünzen belgische, holländische, österreichische, französische, spanische, italienische, portugiesische, luxemburgische, slowakische, irische und finnische Euros. Richtig hübsch sind die zum Teil: die italienischen mit Dante Alighieri, die finnischen mit Moltebeerenblättern, die slowakischen mit einem Doppelkreuz auf drei Bergen. Meine liebsten sind aber die aus Portugal, mit dem königlichen Siegel von 1144 und Kastellen und Wappenschilden (danke, Wikipedia).

Irgendwann begann ich, jede Münze genau anzuschauen. Beatrix und Albert II., beide inzwischen abgedankt. Juan Carlos, schlecht gelaunt aussehend. Sondermünzen zu 50 Jahren Römischen Verträgen. Dieselbe Sondermünze aus Österreich, darauf aber "Vertrag von Rom" – die Ösis mal wieder. Eine italienische zur Winterolympiade in Turin. Eine deutsche mit Adenauer und de Gaulle. Lauter kleine Kunstwerke.

Geld stinkt doch

Es wurde dunkel, ich stapelte immer noch Zehnertürmchen, meine Finger färbten sich allmählich schwarz. Geld stinkt doch, wenn man sich länger damit beschäftigt. Durch wie viele Hände ist das wohl gegangen, was wurde damit gekauft? Geld ist ja zunehmend virtuell geworden, inzwischen zahlt man jeden Kleinkram mit der EC-Karte. Ich dagegen bin altmodisch: Kreditkarten nur im Notfall, EC ungern. Nur Bares ist Wahres. Ich möchte wissen, wie viel ich ausgebe, ich möchte Scheine und Münzen weggeben, keine Pincodes. Ich mag den Austausch, ich mag was in die Hand geben und in die Hand bekommen. Und ich mag Wechselgeld.

Am Ende waren es unfassbare 2374 Euro und ein Cent, der sich hineingeschummelt hatte. So viel Geld, einfach so! Wer den Glücksrausch kennt, einen vergessenen Fuffi in einer Jackentasche zu finden, weiß, was ich meine. Und ich denke jetzt eine Woche lang genüsslich darüber nach, was ich mit diesem Geldgeschenk anstelle. Diesem Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe, ohne Anstrengung, ganz nebenbei, in zwei Jahren und einem Sonntagnachmittag.

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