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Kolumne Winnemuth: Ich mache Punkte in SMS und gelte als komisch – geht’s noch?

Wer seine Textnachrichten mit korrekter Interpunktion abschließt, gilt neuerdings als gestelzt oder gar als "passiv-aggressiv". Hallo?

Ein Mensch hält ein Smartphone, tippt etwas ein

Kolumnistin Meike Winnemuth stellt fest: In Textnachrichten enden Sätze nicht mehr mit einem Punkt. (Symbolfoto eines Smartphones)

Liebe Gemeinde, wir haben uns heute hier versammelt, um das Dahinscheiden eines uns über die Jahrzehnte liebgewordenen Wegbegleiters zu betrauern. Er hat uns stets gute Dienste geleistet, auch wenn wir ihn kaum je gewürdigt haben. Ruhe in Frieden, Punkt. Ja, Punkt. Der Punkt. Dieser da –––>.

Es ist nämlich so: In Textnachrichten enden Sätze nicht mehr mit einem Punkt. Vielmehr hört man einfach auf, nämlich so

Man sendet die Nachricht nach einem Satz

Oder auch nur Satzteil

Sodass der Akt des Absendens die Rolle der Interpunktion übernommen hat

Punkt am Ende "ziemlich oberlehrerhaft"

Setzt man trotzdem einen Punkt am Satzende, gilt man im besten Fall als heillos gestrig, als jemand, der den Schuss nicht gehört hat, eher jedoch als total unsympathisch. Um das Fachmagazin "Wired" zu zitieren: "Auf der Skala der Oberlehrerhaftigkeit steht der Punkt am Ende einer Message ziemlich weit oben. Intuitiv wussten wir schon lange: Wer das tut, ist ein schlechter Mensch. Eine neue Studie hat das jetzt auch offiziell bestätigt."

Dass ich ein schlechter Mensch bin, hatte ich immer schon vermutet (wenngleich aus anderen Gründen), und tatsächlich mache ich unverdrossen und gern Punkte am Ende meiner Textnachrichten. Das ist nicht gut. Denn der Punkt ist „unaufrichtig“ (Studie der Binghamton University, New York) beziehungsweise ein "Indikator für Gestelztheit" (ebenda) oder gar eine "Waffe" , ein Zeichen von Ironie oder Aggression (Linguistikprofessor David Crystal, University of Wales). Es sei ein Unterschied, ob man auf einen Vorschlag mit "Okay" ( = einverstanden) reagiere oder mit "Okay!" (= begeistert) oder "Okay."(= Genervtheit/leichter Widerwille/ keine Lust, weiterzudiskutieren). Der Punkt als Satzzeichen sei emotional aufgeladen und fast zu einer Art Emoticon geworden, sagt Professor Crystal, er wirke je nach Kontext kühl, zornig oder passiv-aggressiv.

Pünktchen wird zum aggressiven Akt

Wie schnell das geht, oder? Wie etwas, das bis vor fünf Minuten noch völlig normal war und so harmlos wie ein Pünktchen, plötzlich als aggressiver Akt verstanden werden kann! Aber okay. Oder besser: okay … (= Resignation/Augenrollen/allgemeine Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Welt im Allgemeinen und Besonderen). Schön, dann halt keinen Punkt mehr, ich bin ja lernfähig. Vielmehr: verlernfähig, denn immer öfter scheint es darum zu gehen, sich einst Gelerntes wieder abzutrainieren (an dieser Stelle denken Sie sich bitte wie immer bei "immer öfter"-Sätzen irgendwas Kulturkritisches).

Denn es geht weiter mit den Forschern aus New York. Bei "Wired" heißt es: "In einer noch unveröffentlichten Nachfolgestudie fand das Team heraus, dass ein Ausrufezeichen das Gesagte glaubwürdiger erscheinen lässt." Nun wird es vollständig irre. Ausrufezeichen, jene Lieblingssatzzeichen von Verschwörungstheoretikern, Demokratiephobikern und anderen Dauerempörten, die so gern auf der "!"-Taste ausrutschen ("!!!!11!!1!!"), sollen plötzlich für Glaubwürdigkeit stehen? Jetzt machen Sie mal einen Punkt!

Lasst mir meinen Punkt

Klar ist, dass sich die klassische Interpunktion seit der Einführung der CVK (Computervermittelte Kommunikation, wie SMS, Whatsapp, Chats etc. geschmeidig zusammengefasst werden) grundlegend wandelt. Oft sind Emoticons die neuen Punkte, Kommata, Semikolons. Und wenn man eine Message nicht mit Zwinker-Smiley, Daumen-hoch- oder Applaus-Emoticon abschickt, gilt man als maulfaul und verstockt. Aber tut mir doch die Liebe, lasst mir meinen Punkt. Meinen schlichten, die Gedanken sortierenden, die Dinge zum Abschluss bringenden Punkt. Ich meine ihn auch nicht böse. Danke!1!!1!

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