VG-Wort Pixel

Wandel zur Sesshaftigkeit Atacama-Wüste: Die ersten Bauern ermordeten einander für das knappe Ackerland

Diuese Frau wurde schwer gefoltert, bevor sie starb.
Diese Frau wurde schwer gefoltert, bevor sie starb.
© Journal of Anthropological Archaeology / PR
1000 vor Christus bildeten sich die ersten Siedlungen in der Atacama-Wüste. Und sofort setzte eine Welle der Gewalt ein. Man kämpfte um das knappe Wasser und Ackerland – selbst zu Folterungen kam es. Einer Fremden wurde das Gesicht abgezogen.

Der Wandel vom Nomadentum der Jäger und Sammler wird stets als großer Fortschritt der Zivilisation gefeiert. Doch diese sogenannte neolithische Revolution führte zu einem grauenhaften Anstieg von Gewalt. Das legen Funde aus der Atacama-Wüste im heutigen Chile nahe.

Für eine Studie wurden die Überreste von 194 Menschen untersucht, die dort zwischen 1000 vor Christus und 600 nach Christus lebten. Der Beginn der Zeitspanne markiert den Übergang zur sesshaften Landwirtschaft. Es sei wahrscheinlich, dass der Ackerbau den Umgang der Gemeinschaften untereinander völlig veränderte und "soziale Spannungen, Konflikte und Gewalt" auslöste, schreiben die Forscher in ihrer Studie, die im "Journal of Anthropological Archaeology" veröffentlicht wurde.

Streit ums Ackerland 

Die dauerhaften Siedlungen führten zu Gebietsansprüchen, verschärft noch mit Landnot wegen des Bevölkerungswachstums. Dazu bildeten sich feste und ungleiche soziale Strukturen heraus. In dem Tal der Atacama zeigten sich diese allgemeinen Probleme wie unter einem Brennglas, weil das bebaubare Land in der Wüste so begrenzt war. "Bewohnbares Land in diesem Gebiet ist wirklich marginal", so James Watson, Professor für Anthropologie an der Universität von Arizona, der nicht an der Studie beteiligt war. "Man hat dieses schmale Tal, in dem man Landwirtschaft betreiben kann, und man hat einen sehr schmalen Küstenstreifen, an dem man leben und die Ressourcen der Küste nutzen kann. "

Kleiner fruchtbarer Streifen 

Vor dem Ackerbau lebten die Menschen an der Küste der Atacama-Wüste 9000 Jahre lang vom Jagen, Fischen und Sammeln. Doch auch danach entstanden wegen des begrenzten Ackerlandes keine größeren Siedlungen oder gar Städte. Die kleinen "Land-Oasen" waren dafür umso begehrter. "Obwohl dieses Tal klein war, war es eines der reichsten und fruchtbarsten in Nordchile", so die Forscher.

Von 194 untersuchten Toten wiesen 40 Personen Spuren von Gewalteinwirkung auf. Bei den Männern waren 27 von 105 verletzt, bei den Frauen waren es 13 von 89 Toten. Etwa die Hälfte hatte Wunden am Kopf, ein Drittel war nur am Körper verletzt. 15 Prozent trugen Verletzungen an Kopf und Körper davon. Etwa die Hälfte der Wunden führte schnell zum Tod, bei den anderen fanden sich Anzeichen der Verheilung. Vor allem jüngere Personen hatten demnach die Chance einen Angriff zu überleben. Es ist möglich, dass noch mehr Menschen gewaltsam starben. Damit die Verletzungen erfasst werden konnten, mussten sie Spuren hinterlassen. Personen, die an einer Wunde, die das Skelett nicht verletzte, verbluteten, schlüpfen durch das Raster.

Spuren extremer Gewalt

Dazu gab es Tote, die mehrmals in ihrem Leben attackiert wurden. Eine Frau wurde vor dem Tod gefoltert. Als einzige stammte sie nicht aus der Region, sondern kam aus dem heutigen Peru. Ihr wurde das Gesicht abgezogen, als sie noch lebte. Die Haut in ihrem Gesicht wurde so stark gedehnt, dass ihr "Mund" hoch über seine natürliche Position verrutsche. Dies war eine "absichtliche Handlung, die zum Zeitpunkt des Todes geschah und die große Schmerzen verursachte", so die Forscher.

Vermutlich stammten die Verletzungen der Männer von heftigen Schlägereien oder Kämpfen mit Waffen wie Speerschleudern, Schleudern, Keulen, Stöcken und Messern. Bei einem Mann steckte eine Steinspitze in der linken Lunge. Mehrere Personen wurden verstümmelt. Einem Mann wurden die Zehen eines Fußes abgeschnitten. Nicht zu klären ist, ob die Frauen in Zusammenhang mit Auseinandersetzungen unter rivalisierenden Gruppen verletzt wurden, oder ob sie häuslicher Gewalt zum Opfer fielen.

"Es kam wahrscheinlich zu Konflikten und Gewalt zwischen Gruppen von Gartenbauern, die das Tal besiedelten, und Fischern, die an der Küste lebten", so die Forscher. Die Gewalt unter den Bauern war vermutlich eine Folge des "starken Wettbewerbs zwischen den lokalen Gruppen, um den Zugang zu fruchtbarem Land und Quellwasser für die Bewässerung zu sichern." Auch die Klimaschwankungen durch die La-Niña- und El-Niño-Zyklen könnten den Wettbewerb verschärft haben.

Massaker auch in der ersten Stadt 

Ähnliche Funde fanden sich in der "ersten Stadt" Catalhöyük in der heutigen Türkei ("Die ersten Städter brachten sich wegen Übervölkerung systematisch um"). Hier siedelten sich so viele Menschen an, dass es in Siedlung qualvoll eng wurde. Dann fielen Gruppen der Bewohner übereinander her und töteten systematisch Mitglieder anderer Clans.

Im Laufe der Zeit nahm die Häufigkeit der Gewalttaten in der Atacama-Wüste allerdings ab. Die Forscher vermuten, dass sich gewaltfreie Praktiken zur Regulierung von Konflikten im Zusammenhang mit Eigentumsrechten durchgesetzt hatten.

Quelle: Journal of Anthropological Archaeology

Lesen Sie auch:

Am Titicacasee versenkten die Inkas Gaben für die Götter und opferten auch Kinder

Grausiges Ritual: Kinder mit einer Krone aus Schädeln beigesetzt

"Game of Thrones" in Schweden – Mittelalter-Massaker rottete ganzes Dorf aus


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker