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Megalithen Bauboom von Kultstätten – das letzte Aufbäumen der Steinzeitmenschen

Die Fundstücke wurden vor 50 Jahren geborgen, aber erst jetzt datiert.
Die Fundstücke wurden vor 50 Jahren geborgen, aber erst jetzt datiert.
© University Cardiff / Commons
An den Kultstätten mit ihren Megalithen musste nicht jahrhundertelang gebaut werden. In nur 35 Jahren wurde eine Mega-Anlage fertiggestellt. Forscher glauben, dass die Kultstätten Invasoren und das Ende der Steinzeitkultur aufhalten sollten.

Die Menschen der Jungsteinzeit errichteten riesige Kultplätze aus Megalithen. Das berühmteste ist Stonehenge, von vielen Generationen wurde es für Begräbnisse und Rituale genutzt. Bislang nahm man an, dass an diesen Stätten viele Jahrhunderte lang gebaut wurde. Es erschien plausibler, dass eine Gesellschaft, die nur über geringe freie Ressourcen verfügte, für solche Bauten eine lange Zeit benötigten. Zumal die Bewegung und Bearbeitung der großen Steine mit den damaligen Mitteln an ein Wunder grenzte.

Neue Datierungen

Nun gibt es deutlich Hinweise, dass die Baumeister des Neolithikums sehr viel schneller zu Werke gingen. Eine Studie, die von "Proceedings of the Prehistoric Society" veröffentlicht wurde, nimmt an, dass ein Bauwerk wie die Mount Pleasant Henge in der Nähe von Dorchester in einem Zeitrahmen von nur 35 bis 125 Jahren errichtet wurde. Die Untersuchung stützt sich auf die Radiokohlenstoffdatierung von Fundstücken, die dort schon vor etwa 50 Jahren gefunden wurden, bislang aber nicht exakt datiert wurden.

Der Mount Pleasant Komplex hatte ursprünglich ein Monument aus Holz und Stein im Zentrum, die "Henge" – eine kreisförmige Einfriedung - wurde außen von einer Palisade aus großen gefällten Bäumen geschützt. Tausende von Bäumen mussten dafür gefällt, transportiert und bearbeitet werden. Die Gräben außerhalb der Palisade waren zehn Meter breit und fünf Meter tief. Die Einfriedungen trennten den Kultplatz von der Welt der Menschen. Die Anlage gehört zu den fünf bekannten Mega-Henges, sie ist so groß wie neun Fußballfelder.

Hacken aus Geweihen

Die Arbeiter benutzten Hacken aus Geweihen, um die Gräben auszuheben. Die Reste ihrer Werkzeuge lassen sich mit heutigen Mitteln sehr exakt datieren. Auf der Baustelle muss eine hektische Geschäftigkeit geherrscht haben. Der gesamte Komplex wurde im Wesentlichen in nur 35 Jahren errichtet, insgesamt hat man 125 Jahre dort gearbeitet. "Der Bau von Mount Pleasant hat eine riesige Anzahl von Menschen erfordert, die diese Gräben mit einfachen Werkzeugen wie Geweihhacken ausgehoben haben", so die Hauptautorin Susan Greaney, Archäologin in Cardiff.

Die Konzentration des Baus auf so kurze Zeit hat weitreichende Folgen für das Verständnis der neolithischen Gesellschaft. Diese Anstrengung des Baus kann kaum neben dem sonstigen Leben vollbracht worden sein. Sehr viele Arbeiter müssen an diesem Ort zusammengekommen sein und man muss in der Lage gewesen sein, diese Menschen auf der Baustelle auch zu versorgen.

Das Ende eines langen Zeitalters

Der Bauboom der Mount Pleasant Henge fand an einer Epochenschwelle statt. Es war die letzte Blütezeit der Menschen des Neolithikums, kurz darauf wurden die ursprünglichen Einwohner von Neuankömmlingen verdrängt. "Das ist ganz am Ende des Neolithikums, ganz am Ende der Steinzeit. Was unmittelbar danach kommt, ist die Ankunft von Menschen vom Kontinent", so Greaney. "Sie besitzen die ersten Metalle, die so nach Großbritannien kommen, und haben andere, neue Wege, Dinge zu tun - neue Arten von Töpferwaren, wahrscheinlich neue religiöse Überzeugungen. Sie behandeln ihre Toten auf unterschiedliche Weise. Es gibt eine Verschiebung im ganz großen Ausmaß."

Aufbäumen vor dem Ende

Die Forscher nehmen an, dass im Süden Großbritanniens um 2.500 v. Chr. ein hektisches Bauprogramm im Gange war, kurz bevor Menschen vom Festland auf die Insel kamen. "Das Bild, das wir sehen, ist eine Explosion der Bautätigkeit mit großen und arbeitsintensiven Monumenten, die in ganz Südengland und vielleicht sogar noch weiter entfernt errichtet werden." Für die Menschen der Steinzeitkultur war es eine Zeit der Bedrängnis und der Angst vor dem Kommenden. "Man könnte es als das letzte Aufbäumen der Steinzeit betrachten. Sie sahen die Veränderungen kommen und haben sich entschieden, ihnen zu widerstehen - vielleicht haben sie gedacht: 'Wir brauchen diese Neuerungen nicht. Wir werden größere und bessere Denkmäler für unsere Götter bauen. Wir werden uns an das halten, was wir kennen."

Was auch immer die Steinzeitmenschen sich bei dem Bau der gigantischen Kultstätten erhofft haben, sie haben damit die Invasion der Neuankömmlinge vom Kontinent nicht aufhalten können. Denkbar ist auch, dass ihre Gesellschaft durch die Belastungen des Bauprogramms eher erschöpfter wurde und damit anfälliger für die Bedrohungen von außen.

Quellen: Guardian, Proceedings of the Prehistoric Society

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