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Stammzellenforschung: Japan erlaubt Experimente mit Mensch-Tier-Mischwesen

Forschern in Japan ist es nun genehmigt worden, Experimente mit Mensch-Tier-Embryonen durchzuführen – bis zur Geburt solcher Hybriden. Langfristig sollen damit Spenderorgane für Menschen herangezüchtet werden. 

Ein Embryo einer Ratte, circa 15 Tage alt

Ein Embryo einer Ratte, circa 15 Tage alt

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Was wie aus einem Science-Fiction-Film zu stammen scheint, ist in Japan jetzt offiziell erlaubt: Experimente mit Mensch-Tier-Embryonen, also Mischwesen, auch Chimäre genannt, die sogar theoretisch bis zur Geburt herangezüchtet werden dürfen. Dies wäre das erste Mal weltweit, wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" berichtet.

Demnach habe das Wissenschaftsministerium in Tokio solche Experimente genehmigt, allerdings nur bei einem Forschungsprojekt. Ein japanischer Stammzellenforscher ist laut Bericht der erste, der staatliche Unterstützung für die Herstellung tierischer Embryonen bekommen hat, die menschliche Zellen enthalten. Hiromitsu Nakauchi, Leiter von Forschungsteams an der Universität Tokio und der Universität in Stanford in Kalifornien, hat bei diesen Experimenten das Ziel, Tiere mit Organen aus menschlichen Zellen zu züchten, die später dann in Menschen transplantiert werden könnten.

Menschliche Zellen sollen in Tierembryos gepflanzt werden

Bis zum März 2019 war es in Japan noch verboten, Tierembryone mit menschlichen Zellen über 14 Tage hinaus zu züchten oder diese in einen Uterus einzupflanzen. Zuvor mussten solche Embryonen vor dem 14. Tag getötet werden. Das Bildungs- und Wissenschaftsministerium Japans hob damals mehrere Einschränkungen für das Einpflanzen menschlicher Stammzellen in Tiere auf. Außerdem gab das Ministerium neue Richtlinien für diese Art von Forschung heraus. So soll die japanische Regierung laut dem australischen Sender SBS festgelegt haben, dass ein "Embryo mit einem Gehirn, das zu mehr als 30 Prozent aus menschlichen Zellen besteht, zerstört werden muss." Offiziell genehmigt werden die japanischen Versuche wohl erst im August.

Bei den jetzt geplanten Experimenten sollen nach einem Bericht der japanischen Zeitung "Asahi Shimbun" menschliche Bauchspeicheldrüsen gezüchtet werden. Dazu sollen sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) in Embryos von Nagern wie Ratten oder Mäusen eingepflanzt werden. Diese Zellen können jegliche Art menschlichen Gewebes bilden. Die Embryos seien dabei so genetisch manipuliert, dass sie keine eigene Bauchspeicheldrüse haben werden. Man erwarte, dass die heranwachsenden Föten dann eine Bauchspeicheldrüse aus den menschlichen iPS-Zellen bilden wird, so eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Diese Föten sollen demnach auch von Tieren ausgetragen werden. Allerdings, so die Sprecherin, sollen die ausgetragenen Embryos später getötet werden.

Forscher will langsam an die Sache herangehen

Sollten die Experimente erfolgreich sein, könnten sie an größeren Tieren, etwa Schweinen, durchgeführt werden. Diese Hybride sollen jedoch nicht ausgetragen werden. Mit der Züchtung solcher Embryos wolle man lediglich herausfinden, zu wie viel Prozent sie aus den iPS-Zellen bestehen.

Der Forscher Nakauchi sagte, er wolle bei seiner Forschung langsam vorgehen. Er wolle "nicht sofort" Embryonen züchten und diese sollten vorerst auch nicht geboren werden, trotz Erlaubnis. So sollen die hybriden Mäuseembryos erst einmal bis zu vierzehneinhalb Tage, Rattenembryos bis zu fünfzehneinhalb Tage herangezüchtet werden. Die dazu angekündigte Studie könne aber schon in diesem Jahr beginnen.

"Es ist gut, schrittweise vorzugehen, um einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu ermöglichen, die besorgt ist", sagte die wissenschaftspolitische Forscherin Tetsuya Ishii von der Hokkaido-Universität im japanischen Sapporo laut "Nature". Denn es gibt Bedenken: Einige Bioethiker sind besorgt über die Möglichkeit, dass menschliche Zellen über die Entwicklung des Zielorgans hinaus streuen, zum Gehirn des sich entwickelnden Tieres gelangen und möglicherweise dessen Kognition beeinflussen, so "Nature" weiter.

Experimente nicht nur in Japan

Nakauchi sagte, dass diese Bedenken in der Versuchsplanung mitberücksichtigt würden: "Wir versuchen, gezielt Organe zu erzeugen, damit die Zellen nur zur Bauchspeicheldrüse gelangen." Hintergrund dieser Forschung ist die Erforschung eines Weges zur Züchtung von menschlichen Organen zur Transplantation, die momentan in vielen Ländern – auch in Japan – knapp sind.

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Doch ob Nakauchi mit seinen Experimenten Erfolg hat, ist noch offen. Zuvor hatte er mit Kollegen versucht menschliche iPS-Zellen in Schafembryonen zu pflanzen, die so konstruiert waren, dass sie keine Bauchspeicheldrüse bildeten. Die Hybridembryonen, die man 28 Tage gezüchtet hatte, enthielten kaum menschliche Zellen oder etwas, was den Organen ähnelte. Ein Grund sei wahrscheinlich der große genetische Unterschied zwischen Mensch und Schaf, so Nakauchi.

Experimente mit solchen Embryonen fanden auch in anderen Ländern statt, beispielsweise in Großbritannien. Dort hat das Unterhaus in London im Jahr 2008 die Chimären-Forschung mit menschlichen und tierischen Zellen gesetzlich erlaubt. Diese Embryonen müssen aber nach 14 Tagen getötet werden. Etwas, was Japan nun aufgehebt.

Quellen: Nachrichtenagenturen AFP und DPA, "Nature", Deutschlandfunk, "Asahi Shimbun", SBS, "Tech Explorist", spektrum.de, Euro Stem Cell, netzzeitung.de (Artikel von 23.10.2008, abgerufen über web.archive.org)

rw