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"Atlantis"-Außenbordeinsatz: ISS wird ausgebaut

Die US-Astronauten Heidemarie Stefanyshyn-Piper und Joe Tanner nahmen zwei Sonnensegel an der Internationalen Raumstation in Betrieb. Es ist der Beginn eines Ausbaus, der eine größere Besatzung auf der ISS ermöglichen könnte.

Nach fast vierjähriger Wartezeit ist es so weit: Die Internationale Raumstation ISS wird wieder ausgebaut. Zwei US-Astronauten des Shuttle "Atlantis" stiegen am Dienstag ins All aus, um an der Installation von zwei mächtigen Sonnensegeln zu arbeiten. Ihre Hauptaufgabe: die Verkabelung und richtige Befestigung der gewaltigen neuen Ausstattung. Wenn alles auch bei einem zweiten für diesen Mittwoch geplanten Ausstieg klappt, sollen die Segel bereits am Donnerstag entfaltet werden und die ISS dann mit so viel Energie versorgen, wie sie für 30 Haushalte auf der Erde ausreichen würde.

ISS-Besatzung könnte aufgestockt werden

Das wiederum wird bedeuten, dass künftig sechs statt drei Astronauten im Außenposten leben und arbeiten können. "Das ist ein gewaltiger Schritt", kommentierte NASA-Sprecher Pat Ryan am Dienstag. Wie er hatten Weltraumfans rund um den Globus den auf sechseinhalb Stunden angesetzten Außenbordeinsatz des Duos Joe Tanner und Heidemarie Stefanyshyn-Piper in der Bodenzentrale in Houston mit Spannung erwartet und verfolgt. Und sie wurden nicht enttäuscht. Schon zur Halbzeit - etwa drei Stunden nach dem kurz nach 11.00 Uhr MESZ begonnenen Einsatz - hatten die beiden Astronauten mehr von ihrer Arbeit erledigt, als es sich die ohnehin optimistische NASA vorgestellt hatte. "Alles läuft perfekt", schwärmte Ryan, nachdem die "Atlantis"-Crew das am Samstag gestartete Shuttle bereits am Montag mit einem wahren "Bilderbuch-Manöver" an die Station angelegt und damit Jubel ausgelöst hatte.

Auch die beiden Astronauten selbst ließen während ihre Schraubens und Festzurrens erkennen, dass alles wie am Schnürchen verlief. "Super", "sehr gut", sagte Joe Tanner immer wieder und sparte dabei nicht mit Lob für seine Gefährtin Heide: Für sie war es der erste Außeneinsatz, während er in seiner Astronauten-Laufbahn insgesamt schon mehr als 30 Stunden im All gewerkelt hat. "Prima gemacht", bescheinigte er dem "Neuling".

Auch Thomas Reiter half kräftig mit

Von der Bodenstation in Houston (Texas) aus, wurde der Einsatz gesteuert: Sage und schreibe 100 Seiten umfasste das "Choreographie- Handbuch", mit dem die Experten auf der Erde ihre Kollegen in der Schwerelosigkeit durch den Einsatz steuerten.

Die Vorbereitung auf die zuvor von NASA-Flugdirektor Paul Dye als "heikel und äußerst wichtig" beschriebenen Mission hatte schon kurz nach dem Rendezvous zwischen Shuttle und ISS am Montag begonnen. Auch der Deutsche Thomas Reiter, der zur Zeit an Bord des Außenpostens im All lebt, half kräftig mit. Neben dem Umladen von Versorgungs- und Ausrüstungsgütern aus der Raumfähre in die Station galt es zunächst, das 17,5 Tonnen schwere Sonnensegel-Segment mit Hilfe des Shuttle- Roboterarms aus der Ladebucht der "Atlantis" zu hieven. Es wurde dann von einem robusteren Kranarm der ISS aufgegriffen und kurz vor dem Ausstieg der beiden Astronauten in die richtige Position an der Außenwand der ISS gesteuert.

Empfindliche Elektronik

Tanner und Piper verbrachten die Nacht vor dem Einsatz bei verringertem Luftdruck in der Luftschleuse am Ausgang - eine neue Prozedur, mit der bei der Vorbereitung auf den Ausstieg eine Stunde Zeit gespart werden soll. "Camp out" hat die NASA dies getauft. Nach dem per Computer gesteuerten Aufsetzen wurde das Segment automatisch mit Bolzen verschraubt. Tanner und Piper mussten dann die Feinarbeiten vornehmen: Zusätzliche Schrauben eindrehen, die "Gelenke" zur Bewegung der Sonnensegel lockern und vor allem mehr als ein Dutzend Stromkabel verlegen. Denn die empfindliche Elektronik im Segment muss vor Kälte geschützt werden. Dazu sind bis zur vollen Funktionsfähigkeit der Sonnensegel Heizkörper nötig, die von der ISS mit Strom versorgt werden.

An diesem Mittwoch sollen zwei weitere Astronauten, Dan Burbank und Steve MacLean, ins All aussteigen, um die Entfaltung der Sonnensegel vorzubereiten. Ein dritter für Freitag vorgesehener Ausstieg - dann wiederum von Tanner und Piper - gilt der Verbesserung des Kommunikationssystems.

Eigentlich hatte die "Atlantis" die 293 Millionen Euro teuren Sonnensegel schon im Frühjahr 2003 zur ISS bringen sollen. Nach dem Absturz der "Columbia" am 1. Februar des Jahres stoppte die NASA jedoch alle Transportflüge. Damit mussten das europäische Weltraumlabor "Columbus" und ein weiteres japanisches Modul mit dem Namen "Kibo" am Boden bleiben. Sind die Sonnensegel gesetzt und wird damit wie erhofft die Energieversorgung in der ISS verdoppelt, können beide Teile im nächsten Jahr andocken und in Betrieb genommen werden. Es ging also um viel - nicht nur für Tanner und Piper.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA