Interview "Der Shuttle ist noch immer ein Experimentalflugzeug"


Beschädigungen durch abplatzenden Isolierschaum - bald 30 Jahre sind die Space-Shuttle im Einsatz und noch immer nicht hat die Nasa dieses Problem lösen können. Wie sicher ist der Space-Shuttle?

Interview mit Dr. Volker Sobick vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) zur heiklen "Discovery"-Mission im Jahr 2005. Volker Sobick ist stellvertretender Leiter für bemannte Raumfahrt und ISS-Nutzung.

Die Nasa schien zunächst zuversichtlich, die Schäden am Hitzeschild in den Griff zu bekommen. Doch nun entdeckte man Stellen, wo sich Füllstoff zwischen den Hitzeschutzkacheln abgelöst hat. Wie gefährdet sind die Astronauten?

Sie sind nicht gefährdeter als vorher auch. Es ist ein bekanntes Problem, dass durch die Beanspruchung des Starts Füllstoff nach außen gedrückt wird. Das ist auch der Grund, warum jetzt inspiziert wird. Man wird bis heute Abend entscheiden, ob man diese Stellen möglicherweise repariert.

Die Reparatur ist nicht ganz ohne - ein Astronaut müsste sich an diesen Roboterarm hängen. Außerdem ist die Reparaturtechnik im All noch nicht erprobt worden.

Man hat ja während des ersten All-"Spaziergangs" die Technik getestet, die Astronauten hatten eine Kiste mit "alten" Kacheln und auch mit verstärkten Kohlefaser-Verbundwerkstoffen dabei, die die Flügelvorderkanten schützen. Klar, die Reparaturtechniken wurden auf der Erde noch nicht zur endgültigen Reife gebracht, aber diese Vortests waren recht erfolgreich.

Wie würde die Reparatur im Detail ablaufen? Die Astronauten tragen den abgelösten Füllstoff ab?

Die Astronauten haben speziell zur Reparatur dieser Hitzekacheln einen speziellen Verbundwerkstoff, der hohe Hitzebeständigkeit besitzt und wie eine Spachtelmasse einfach über die Kacheln gestrichen wird, wenn sie reißen.

Erst der defekte Treibstoffsensor, dann das Problem mit dem Isolierschaum... War es verantwortungsvoll von der Nasa den Shuttle überhaupt zu starten?

Ich glaube schon. Man hat all das getan, was man tun musste. Das Problem mit dem Schaumstoff jedoch wurde sicherlich falsch eingeschätzt - wie ja auch Nasa-Chef Michael Griffin eingestanden hat. Man hat gerade diesen Bereich an dem Leitblech, wo der Schaumstoff abgeplatzt ist, nicht entfernt, sondern nur mit einer Ultraschall-Sonde untersucht. Man war sich sicher, dass da nichts mehr passieren kann. Alles andere jedoch hat sehr gut geklappt. Wenn man sich die Auswertungen des "Discovery"-Starts anschaut, dann hat sich bei diesem Start wesentlich weniger Isolierschaum abgelöst als bei früheren Shuttle-Flügen, wo zum Teil weit über 130 Schäden an Kacheln oder anderen Teilen aufgetreten sind. Ich denke, die Nasa war sich des Risikos bewusst und ist mit diesem Risiko gestartet.

Wo sind beim Wiedereintritt in die Atmosphäre besonders heikle Stellen am Shuttle?

Besonders hitzegefährdet sind die Flügelvorderkanten. Die hat man aber in der Überarbeitung des Shuttle extra verstärkt, sodass hier eigentlich keine Probleme zu erwarten sein dürften. Besonders beansprucht ist auch noch der vordere Rumpfbereich, der ebenfalls die vollen Temperaturen abbekommt.

Welche Probleme könnten noch auftreten?

Das Problem mit den Hitzekacheln ist laut Nasa geklärt. Heute wird man noch die restlichen Analysen von den Flügelvorderkanten machen. Ich erwarte dann, dass bis Mittwoch oder Donnerstag das Go für eine Rückkehr des Shuttle gegeben wird. Man will sich nochmal die abgelösten Füllstoffbereiche anschauen, ob da noch repariert werden muss. Aber das sind alles keine Schäden, die die Rückkehr der "Discovery" gefährden könnten.

Gesetzt den Fall, der "worst case" tritt doch noch ein und eine Rückkehr des Shuttle wäre unverantwortbar. Welche Notfallpläne gibt es?

Es gibt den sogenannten LON-Notfallplan ("Launch on need"), d.h. für die ersten beiden Shuttle-Testflüge, jetzt die "Discovery" und im September eigentlich vorgesehen die "Atlantis", wurden beide Shuttle parallel am Boden vorbereitet. Daher ist nun die "Atlantis" der Notfall-Shuttle für die "Discovery". Der LON-Plan sieht vor, "Atlantis" innerhalb von 28 Tagen starten und zur ISS bringen zu können. Die Astronauten würden also im Notfall die "Discovery" verlassen, auf die ISS überwechseln. Die "Discovery" wird dann in einen Automatikmodus geschaltet, der sie in der Atmosphäre verglühen lässt. Dann würde die "Atlantis" starten, an die ISS andocken und die Astronauten übernehmen. Die "Atlantis" hat für diesen Fall keinerlei Nutzlast an Bord, wird voraussichtlich auch nur mit vier Leuten geflogen. Zudem wurden zusätzliche Sitze eingebaut, damit die sieben Besatzungsmitglieder der "Discovery" und die vier "Atlantis"-Astronauten an Bord der "Atlantis" problemlos zur Erde zurückkehren können.

Aber angesichts des nach wie vor bestehenden Isolierschaum-Problems wurde von der Nasa ein Startstopp für alle Shuttle verfügt. Glauben Sie, dass das Startverbot für eine Rettungsmission ausgesetzt würde?

Ich glaube schon. Wenn es darum geht, Leben zu retten, ist man sich dieses Risikos wohl bewusst. Nasa-Chef Michael Griffin hat ein sogenanntes "Tiger-Team" eingesetzt, das sich ausschließlich dem Isolierschaum-Problem an der bewussten Stelle widmen und genauestens untersuchen. Ich gehe davon aus, dass man sich auch die "Atlantis" hinsichtlich dieses Problems sehr genau anschauen wird. Ich glaube, dass man ein kalkulierbares Risiko eingeht, wenn man die "Atlantis" startet, um die Besatzung der "Discovery" zurückzuholen.

Ist der Shuttle ein Auslaufmodell?

Ja, sicherlich. In den 70er-Jahren war es eine große Idee, ein wiederverwendbares Fahrzeug ins All zu starten und es wieder wie ein Flugzeug landen zu lassen. Der Shuttle hat natürlich einen Riesenvorteil: er kann eine Menge Leute transportieren und zusätzlich noch eine Menge Nutzlast - die er vor allem auch noch wieder zur Erde zurückbringen kann. Wenn der Shuttle ausfällt, haben wir ein Problem mit der Rückführung von Nutzlasten. Dann haben wir nur noch Rückkehrkapseln, zum Beispiel die Sojus-Kapsel, die lediglich zehn Kilogramm Nutzlast zur Erde bringen kann. Das Problem ist nicht so sehr der Personentransport, sondern der Transport von Nutzlast zurück zur Erde.

In Zukunft wird man es allerdings so machen wie die Russen: Personen- und Nutzlasttransport trennen. Das Crew Exploration Vehicle (CEV), welches die Amerikaner entwickelt haben und was den Shuttle zwischen 2010 bis 2014 ersetzen soll, wird vier Personen transportieren können. Es soll aber wieder mit einer Rakete gestartet werden, auf der obendrauf der Shuttle sitzt und nicht mehr seitlich. Dadurch umgeht man das Problem mit sich ablösendem Isolierschaum, der den Shuttle nicht mehr treffen und somit auch nicht mehr beschädigen kann.

Wenn der Shuttle ein Auslaufmodell ist, warum entwickelt dann die Esa nun einen eigenen?

Sie spielen auf "Clipper" an. Den sollen die Russen entwickeln. "Clipper" soll einmal sechs Personen transportieren können - wird aber auch mit einer Rakete gestartet. Und auch hier sitzt der Shuttle nicht an der Seite wie bei den amerikanischen Shuttlen, sondern oben auf der Rakete.

Interview: Jens Lubbadeh


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