Interview mit Thomas Reiter "Bestimmt keine Tollkühnheit"


2005 hielt die Raumfähre "Discovery" die Welt in Atem: Beim Start beschädigt, wurde das Shuttle spektakulär im All repariert. Nun soll die "Discovery" erneut ins All fliegen. Mit an Bord: der deutsche Astronaut Thomas Reiter.

Die Nasa plant in diesem Jahr drei Shuttle-Flüge. Für die "Discovery" waren verschiedene Starttermine im Gespräch. Was ist der aktuelle Stand?   Der 10. Mai. Wir hoffen alle, dass es an diesem Termin klappt. Falls nicht, wäre das nächste Startfenster im Juli.

[Der Start wurde danach erneut verschoben, auf den 1. Juli, Anm. d. Red.]  

Wie bereiten Sie sich gerade auf Ihren Einsatz vor?

Ich bin zur Zeit im europäischen Astronautenzentrum in Köln. Die letzte Ausbildungsphase in Russland ist abgeschlossen und ab Mitte März geht es in Houston weiter - bis zum Start.

Was genau wird Ihre Aufgabe an Bord der ISS sein? Und wie lange werden Sie bleiben?

Das werden so sechs bis sieben Monate werden. Wenn das im März klappt, werde ich mit der "Discovery" hochfliegen, zwei Tage später dann auf der ISS ankommen. Ich werde mit dem übernächsten Shuttle wahrscheinlich im November zurückkehren.

Meine Aufgaben umfassen mehrere Bereiche: Ich bin als Bordingenieur ausgebildet und werde mit meinen russischen und amerikanischen Kollegen zum Einen für den Betrieb der Bordsysteme sorgen. Bei einem so komplexen System wie der ISS erfordert das einigen Aufwand.

Dann werde ich ein wissenschaftliches Programm absolvieren - bisher waren nur zwei Astronauten an Bord der Raumstation, die nach der letzten Panne auf der Raumstation zu wenig Zeit für die wissenschaftlichen Experimente hatten.

Ein Höhepunkt meines ISS-Aufenthaltes wird für mich ein Außenbordeinsatz sein. Bei solch einer langen Zeit mal rausgehen zu dürfen, ist schon was Tolles! Wir werden am Äußeren der Station einige wissenschaftliche Sensoren installieren und einige Systeme ersetzen.

Die Esa wollte bereits im Jahr 2004 das über 700 Millionen teure Columbus-Labor ins All gebracht haben. Wird es mit Ihrem Discovery-Flug nun soweit sein? Leider noch nicht. Die Esa versucht, den Start des Columbus-Moduls nach vorne zu ziehen und verhandelt zur Zeit mit der Nasa. Ich werde das Labor allerdings während meiner Zeit auf der ISS nicht mehr in Empfang nehmen können. Dieses Jahr wird das nichts mehr. Die Discovery hielt letztes Jahr die Welt in Atem: Beim Start platzte Schaumstoffisolierung von den Treibstofftanks ab und beschädigte die Hitzeschutzkacheln des Shuttle. Der Leiter des Nasa-Shuttle-Programms hat eingeräumt, die Schaumstoffproblematik noch nicht im Griff zu haben. Glauben Sie, dass das Problem überhaupt zu lösen ist, wenn die Raumfähre seitlich an den Treibstofftanks sitzt und somit immer die Gefahr abplatzender Schaumstoffpartikel beim Start gegeben ist? Sie haben Recht - es ist wahrscheinlich auszuschließen, dass man gänzlich verhindern kann, dass sich Schaumstoffpartikel beim Start lösen. Das ist auch gar nicht das Ziel. Man will erreichen, dass die Teile, die sich in den kritischen ersten drei Minuten nach dem Start ablösen, möglichst klein bleiben. Entscheidend ist auch der Ort, wo sie sich ablösen. Der sollte möglichst weit unten liegen, sodass die Flügelvorderkanten nicht von den Partikeln getroffen werden - dann ist das Risiko durchaus akzeptabel. Ich denke, dass man mit den Maßnahmen, die man nach dem letzten Discovery-Flug getroffen hat, diesem Ziel ein wenig näher gekommen ist. Unser Flug wird es zeigen.

Das heißt also, dass man Beschädigungen schon mit einplant - also auch einen nochmaligen spektakulären Reparatureinsatz im All wie im letzten Jahr? Die Shuttle-Besatzung trainiert solche Einsätze immer mit. Es wurden ja auch spezielle Reparaturwerkzeuge entwickelt, mit denen man größere Beschädigungen der Wärmeschutzkacheln beheben kann.

Es bleibt ein kalkuliertes Risiko - Sie werden zwar nicht mit diesem Shuttle zurückkehren, aber mit dem übernächsten. Spätestens dann könnte sich das Problem eines beschädigten Hitzeschildes stellen, was einen Wiedereintritt in die Atmosphäre zum Risiko macht. Wird Ihnen da nicht ein wenig mulmig?

Nein - und das ist bestimmt keine Tollkühnheit. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Nasa alles unternommen hat, um das Problem zu beheben. Man darf nicht vergessen, dass es abplatzende Schaumstoffpartikel schon bei allen Flügen vorher gegeben hat. Nur hat sich dummerweise bei diesem letzten Flug ausgerechnet ein Partikelteil von kritischer Größe an einer ganz bestimmten Stelle abgelöst und dann auch noch die Flügelvorderkante an einer sehr empfindlichen Stelle beschädigt. Etwas, was eigentlich nicht sehr wahrscheinlich ist.

Nun sollte man sich bei so etwas nie auf Wahrscheinlichkeiten verlassen, aber vor dem Hintergrund, dass immer noch als letzte Option die Möglichkeit einer Reparatur im Orbit besteht, braucht man meiner Ansicht nach keine Bedenken zu haben, im Shuttle auch wieder sicher zurück zur Erde zu kehren.

Ursprünglich war geplant, Sie nach dem Discovery-Flug letztes Jahr mit der Raumfähre "Atlantis" zur ISS zu fliegen. Dann wurde das Shuttle-Programm erst einmal komplett eingefroren. Haben Sie sich geärgert - oder waren Sie froh?

Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht - das Training im Jahr zuvor war hochintensiv gewesen. Normalerweise bereitet man sich auf solche Langzeitmissionen eineinhalb Jahre lang vor - wir mussten das in nur ein Jahr quetschen. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo man möchte, dass es einfach losgeht.

Aber es hatte auch eine positive Seite: Durch diese Verschiebung des Starts kamen auch neue Aufgaben hinzu: zum Beispiel der Außenbordeinsatz. Darauf freue ich mich ganz besonders, das wird eine super Sache. Zum anderen konnten wir die Zeit nutzen, um unser wissenschaftliches Programm noch zu konsolidieren. Und einen weiteren Vorteil hatte es für mich auch noch: Da ich in den vergangenen eineinhalb Jahren natürlich nicht oft zuhause sein konnte, hatte ich somit Gelegenheit, etwas mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Nach dem Shuttle-Stopp im vergangenen Jahr wurde eine Zeitlang die Möglichkeit diskutiert, Sie mit einer Sojus-Kapsel zur ISS zu bringen. Stattdessen flog aber der Millionär Gregory Olsen, der 20 Millionen Dollar für den Flug gezahlt hatte. War das Geld der ausschlaggebende Faktor gewesen?

Nein, es waren meines Wissens schlicht logistische Überlegungen, die zu dieser Entscheidung führten. Wenn ein drittes Besatzungsmitglied mit an Bord der Raumstation ist, können das die Lebenserhaltungssysteme der ISS für kurze Zeit verkraften. Wäre ich jedoch damals mit der Sojus zur ISS hoch geflogen, wäre ich ja nicht wie Olsen nach 10 Tagen zurückgekehrt, sondern mit der Besatzung für ein halbes Jahr auf der Raumstation geblieben. Es hätten also Versorgungsgüter wie Sauerstoff, Wasser und Nahrung gefehlt. Es wäre ein logistisches Problem gewesen, den Nachschub sicherzustellen. Von meiner Ausbildung her wäre es allerdings kein Problem gewesen: Ich bin für einen Flug mit der Sojus qualifiziert.

Würden Sie lieber mit der Sojus fliegen als mit dem Shuttle?

Wissen Sie - da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite freue ich mich auf einen Flug im Shuttle und möchte diese Erfahrung gerne machen. Andererseits kenne ich mich in der Sojus bestens aus, ich bin sogar als Sojus-Bordingenieur ausgebildet und würde daher auch gerne eine aktivere Rolle dort einnehmen. Aber ich bin zufrieden, wie die Mission jetzt geplant ist. Nun geht es darum, dass sie erfolgreich verläuft.

Interview: Jens Lubbadeh


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