Alltagslärm Wenn laute Nachbarn krank machen


Jeder vierte Jugendliche hat einen Hörschaden. Doch nicht nur hohe Lärmpegel sind eine Gefahr für die Gesundheit: Schon der alltägliche Krach im Mehrfamilienhaus kann Menschen so sehr stressen, dass sie krank werden.
Von Angelika Unger

Draußen donnern LKWs übers Kopfsteinpflaster, im Treppenhaus plärren die Nachbarskinder, das Paar in der Wohnung nebenan hört lautstark Musik und im Bad schleudert die Waschmaschine: ein ganz normaler Tag in deutschen Haushalten. Laut ist es in Deutschland - zu laut, finden viele Menschen.

Berechnungen des Umweltbundesamtes geben ihnen recht: Rund 13 Millionen Deutsche sind mit Lärm in einem Ausmaß konfrontiert, dass ihre Gesundheit gefährdet ist. Der Tinnitus nach dem Rockkonzert ist nur die offensichtliche Folge hoher Schallpegel. Für ein viel bedeutenderes Problem halten Experten jedoch den Alltagslärm, gegen den wir uns meist nicht wehren können: Autos, Flugzeuge, streitende Nachbarn, die Baustelle vorm Haus.

Nicht nur Schwerhörigkeit, sondern auch Stress

"Wenn jemand wegen Lärm chronisch unter Stress leidet, den Lärm als etwas Ärgerliches, Unangenehmes erlebt, dann verändern sich etwa Fettwerte und Blutdruckwerte, Stresshormone werden ausgeschüttet. All das führt letztlich zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko", sagt Stefan Willich, Professor für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité. Für eine Studie zum Thema Umwelt- und Arbeitslärm maß Willichs Team nicht nur Lautstärken, sondern erfragte auch, wie sehr sich Menschen durch Lärm belästigt fühlten.

Denn Forscher glauben, dass Dezibelzahlen allein nicht ausreichen, um die Gesundheitsgefahren zu messen. Es geht eben nicht nur um Schwerhörigkeit, sondern um Stress. "Entscheidend ist letztlich, inwieweit sich eine Person durch den Lärm gestört oder belästigt fühlt", sagt Christian Maschke, Sprecher des interdisziplinären Forschungsverbundes Lärm und Gesundheit.

Jeder Achte massiv genervt vom Krach der Nachbarn

Gemeinsam mit seiner Kollegin Hildegard Niemann beschäftigte sich Maschke mit dem Krach, den die Nachbarn machen. Für die WHO werteten die beiden Forscher Daten aus acht europäischen Großstädten aus. Das Ergebnis: Nachbarschaftslärm nervte die Befragten beinah so sehr wie Verkehrslärm: Jeder Dritte sagte, er fühle sich mäßig belästigt, jeder Achte empfand die Störung sogar als massiv.

Offenbar müssen Nachbarn dazu nicht mal besonders laut sein. "Beim Nachbarschaftslärm ist der Erzeuger des Lärms in der Regel bekannt", erläutert Maschke. Und von Bekannten erwarte man eben mehr als von Fremden, dass sie Rücksicht nehmen. Weil schon geringe Lärmpegel zum Problem werden könnten, lasse sich die Lärmbelästigung in Wohnungen gesetzlich nur schwer regulieren, sagt Maschke: "Wir wollen Wohnungen ja nicht in kleine Friedhöfe verwandeln." Daher empfiehlt er Regelungen für eine bessere Lärmdämmung in Mehrfamilienhäusern.

Umziehen - der Gesundheit wegen?

Pünktlich zum "Tag gegen Lärm" am 25. April hat auch der Elektrogerätehersteller AEG-Electrolux einen Lärmreport veröffentlicht, bei dem 2000 Personen aus zehn europäischen Ländern befragt wurden. Drei Prozent der Befragten gaben an, sie seien im vergangenen Jahr wegen zu lauter Nachbarn umgezogen. Etwas wagemutig rechnet Electrolux diesen Wert auf die Gesamtbevölkerung hoch und folgert: "Zehn Millionen Menschen ziehen wegen lauter Nachbarn um."

Doch auch wenn man Zweifel haben kann an dieser Studie - Stefan Willich hält einen Umzug in einigen Fällen durchaus für sinnvoll: "Wer spürt, dass ihn der Lärm der Nachbarn ärgerlich macht oder stresst, der sollte schon darüber nachdenken, die Wohnung zu wechseln und sich eine ruhigere Perspektive zu schaffen." Dies gelte vor allem dann, wenn der Lärmgeplagte zu einer Risikogruppe gehöre, etwa weil er schon einen Herzinfarkt hinter sich hat.

Risiko für Herzinfarkt und für Bronchitis steigt

Die Ergebnisse von Willichs Studie nämlich legen nahe, das Frauen ein 1,4-fach erhöhtes Herzinfarktrisiko haben, wenn sie regelmäßig Umweltlärm ausgesetzt sind. Christian Maschke und Hildegard Niemann legten speziell für den Lärm der Nachbarn ähnliche Ergebnisse vor. "Die große Hilflosigkeit und der Ärger, weil man die Nachbarschaftsgeräusche nicht abstellen kann, können offenbar bei Erwachsenen zu Herz-Kreislauf-Problemen führen. Bei Kindern haben wir einen statistischen Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und Atembeschwerden und Bronchitis festgestellt", fasst Maschke zusammen.

Vor allem letzteres ist eine Überraschung für die Forscher: Zwar hatten Studien zu Verkehrslärm bereits vergleichbare Ergebnisse erbracht. Bisher hatten Forscher jedoch stets vermutet, die Abgase seien für die Atembeschwerden der Kinder verantwortlich. "Beim Nachbarschaftslärm können wir das jedoch ausschließen."

Dabei kann die Lösung für das häusliche Lärmproblem manchmal ganz einfach sein. Lärmforscher Maschke erzählt von einem Mehrfamilienhaus, in dem sich ein älteres Ehepaar durch die Kinder ein Stockwerk höher gestört fühlte. Die Bewohner sprachen miteinander - das Ergebnis: Die Senioren spendierten der jungen Familie einen Teppich fürs Kinderzimmer.


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