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Amoklauf: Software zur Früherkennung

Nach der schrecklichen Tat in Winnenden taucht neben der Frage nach dem "Warum?" auch die Frage auf, ob sich Amokläufe verhindern lassen. Mit einem von ihm mitentwickelten Instrument zur Früherkennung wäre dies möglich, ist sich der Darmstädter Psychologe Dr. Jens Hoffmann sicher.

Von Lea Wolz

An fünf Schulen in Deutschland ist das Dynamische Risiko Analyse System (Dyrias) schon im Einsatz, zurzeit befindet es sich in der letzten Testphase. "In eine paar Monaten dürfte diese abgeschlossen sein", sagt Hoffmann. Dann könnte es Lehrern, Schulpsychologen und Polizisten zur Verfügung stehen und ihnen helfen, richtig einzuschätzen, wie ernst sie Drohungen oder "Kritzeleien an der Toilettenwand" tatsächlich nehmen müssen.

Für das laut Hoffmann im deutschsprachigen Raum bis jetzt einzigartige Instrument zur Früherkennung von Amokläufern haben Forscher der TU Darmstadt 2002 - nach dem Amoklauf in Erfurt - damit begonnen, deutsche und amerikanische Fälle miteinander zu vergleichen. Als Anstoß für die Forschungsarbeiten dienten amerikanische Studien. "Diese zeigten bereits, dass es ähnliche Verhaltensmuster im Vorfeld und vergleichbare Risikodynamiken bei Amokläufern gibt", sagt Hoffmann. "Und damit auch die Möglichkeit besteht, Gewalt zu verhindern, indem rechtzeitig präventiv eingegriffen wird." Offen war allerdings die Frage, ob sich die Ergebnisse aus den USA auf den deutschsprachigen Raum übertragen lassen. Um das herauszufinden, hat der Gewaltforscher 2002 an der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der TU Darmstadt das Forschungsprojekt ins Leben gerufen. "Finanzielle Unterstützung haben wir nicht bekommen", sagt er.

Für die Studie, die in der Aprilausgabe der Zeitschrift "Kriminalistik" veröffentlicht wird, hat Hoffmann zusammen mit Karoline Roshdi von der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der TU Darmstadt und Dr. Frank Ropertz vom Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie in Berlin Ermittlungsakten und Urteile zu den in Deutschland vollendeten Taten zielgerichteter Gewalt an Schulen ausgewertet. "Dabei handelt es sich um sieben Vorfälle, die zwischen 1999 und 2006 stattfanden", sagt Hoffmann. Neben Erfurt und Emsdetten wurden die Gewalttaten 1999 in Meißen, 2000 in Brannenburg, 2002 in Freising, 2003 in Coburg und 2005 in Rötz untersucht. Zudem seien zwei Vergleichsgruppen herangezogen worden: Sieben deutsche Schüler, die eine zielgerichtete Gewalttat angedroht hatten, bei denen jedoch rechtzeitig eingegriffen wurde, sowie die Informationen zu sechs amerikanischen Amokläufern. Geringe Fallzahlen, doch laut Hoffmann genug, um strukturelle Untersuchungen anzustellen. Zudem wurden wissenschaftliche Publikationen zu Tötungsdelikten, Amokläufen, Schul- und Beziehungsgewalt in die Auswertung mit einbezogen.

Die Ergebnisse: Zwischen amerikanischen und deutschen Amokläufern gibt es viele Parallelen. Verzweiflung und Ausweglosigkeit zu Beginn, Brüche im Leben wie Schulausschluss oder auch die Einweisung in die Psychiatrie ebenso wie das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, darauf folgend Gewaltfantasien und die Idealisierung anderer Gewalttäter, und schließlich die Drohung, Waffen mitzubringen und das Ausarbeiten von konkreten Tatplänen. Auffällig auch: Laut der Darmstädter Studie kamen je rund 80 Prozent der Amokläufer in Amerika und Deutschland aus stabilen Familienverhältnissen. "Es gibt keine Hinweise, dass die Täter häufig aus schwierigen Familienverhältnissen stammen", sagt der Gewaltforscher. Dass sich diese Vorstellung dennoch in der öffentlichen Debatte hält, hat für ihn einen einfachen Grund: "Für solch schwer zu verstehende Taten suchen wir einfach Erklärungen, sobald wir jemanden haben, dem wir den Schwarzen Peter zuschieben können, ist unsere Welt wieder heil."

Ähnliche Verhaltensmuster im Vorfeld

Gegen bestimmte Täterprofile sperrt sich der Wissenschaftler daher ebenso wie gegen monokausale Erklärungen. "Was es aber gibt, sind ähnliche Verhaltensmuster im Vorfeld und vergleichbare Risikodynamiken", sagt Hoffmann. "Diese verhaltensorientierten Warnsignale erfasst Dyrias und bewertet, ob ein Weg zur Gewalttat schon eingeschlagen ist und wie viele Schritte bereits gegangen wurden." Verändert sich die Situation, können die Risikofaktoren neu eingegeben und damit ein aktuelles Risikoprofil erstellt werden.

Anhand von 31 Fragen werden mit dem computergestützten Früherkennungssystem Risikofaktoren eingeschätzt. Die Fragen drehen sich dabei um drei Bereiche: die aktuelle Situation, die psychische Verarbeitung der Situation und das Verhalten des Schülers. Abgefragt wird zum Beispiel, ob es Konflikte mit bestimmten Lehrern und Mitschülern gibt, ob die Versetzung gefährdet ist, ob der Schüler oder die Schülerin niedergeschlagen wirkt, sich über das normale Maß hinaus mit gewalttätigen Filmen beschäftigt oder auch bereits über eine Gewalttat gesprochen hat. "Zu jeder Frage gibt es eine Erklärung, warum der Faktor eine Risikoerhöhung darstellt, ein Beispiel aus realen Fällen und Hinweise auf weiterführende Literatur", sagt Hoffmann. "Sind die Fragen beantwortet, erstellt Dyrias einen Risikoreport, der Aufschlüsse darüber gibt, ob der Jugendliche gefährdet ist oder nicht."

Wie verhalten sich aber Lehrer, wenn das computergestützte System ein hohes Risiko für einen Schüler ermittelt? "Dann muss natürlich gehandelt werden", sagt Hoffmann. Daher sei es wichtig, dass an Schulen Krisenteams aufgebaut würden, die mit der Polizei vernetzt sind - "wie zum Beispiel in Hessen und Baden-Württemberg". Für solche Krisenteams bietet das in Aschaffenburg ansässige "Institut für Psychologie und Sicherheit", dem Dr. Jens Hoffmann vorsteht, Schulungen an. "Ich kenne mindestens zwei Fälle von Schülern, die auf dem Weg zu einem Amoklauf waren und durch solche Programme abgefangen wurden", sagt der Psychologe.

Besteht aber bei Dyrias nicht auch die Gefahr, dass Schüler vorverurteilt werden und an der Schule ein Klima des Misstrauens entsteht. "Nein", sagt Hoffmann. "Dyrias ist nicht dazu da, um alle Schüler präventiv zu beurteilen, sondern zu schauen, wie Risikofälle tatsächlich einzuschätzen sind. Ein, zwei Faktoren bedeuten in der Regel gar nichts, kommen aber ein leichter Zugang zu Waffen, Größenphantasien und Suizidgedanken zusammen, wird es gefährlich." Bei der Datenspeicherung sieht er ebenfalls kein Problem. Alle Daten müssten verschlüsselt eingetragen werden, Namen würden nicht vermerkt. "Die Debatte in Deutschland dreht sich immer schnell um die Schuldigen", kritisiert Hoffmann. "Wir sollten uns aber besser überlegen, wie wir früh entgegensteuern und die Risikofaktoren erkennen." Was das Dyrias-Programm und die Schulung darin kosten soll, ist dem Gewaltforscher zufolge noch nicht klar.