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Archäologie-Skandal in Mecklenburg-Vorpommern: 7000 Jahre alte Steinzeit-Boote verrottet

Ihr Fund wurde als Sensation gefeiert - doch dann hat man die vermutlich ältesten Bootsfunde Europas einfach verrotten lassen. Die 7000 Jahre alten Einbäume sind zerfallen, weil das Landesamt für Kultur und Denkmalspflege keine geeigneten Räume für sie fand.

Die Steinzeit-Boote von Stralsund waren bei ihrer Entdeckung vor sieben Jahren eine wissenschaftliche Sensation: Die zwei 7000 Jahre alten Einbäume aus Lindenholz galten als die ältesten bisher in Europa gefundenen Wasserfahrzeuge. Das dritte Fundstück, ein 6000 Jahre altes und zwölf Meter langes Exemplar, bezeichnen Experten als das längste Boot aus dieser Zeit. Nach dem Fund bei Bauarbeiten wurden sie zur Konservierung ins Landesamt für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern nach Schwerin gebracht.

Doch dort vergammelten die Boote in einem baufälligen Schuppen, in den Frost eindrang und der 2004 schließlich zum Teil einstürzte. Zwei Jahre später waren sie weitestgehend zerstört. Der Fall wurde erst jetzt publik, als sich Stralsund nach dem Stand der Restaurierungsarbeiten erkundigte. Das Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege musste den Verlust mittlerweile einräumen. Der Chef des Kulturhistorischen Museums in Stralsund, Andreas Grüger, sprach von einem "Verlust für Deutschland, wenn nicht sogar für die Welt".

Hilfeschrei einer überforderten Behörde

Wie konnte das passieren? Zu wenig Geld, zu wenige Leute und über lange Jahre kaum Interesse der Politik an der Pflege des Kulturerbes - die Rechtfertigung des Landesamtes vom Mittwoch geriet zum Hilfeschrei einer chronisch überforderten Behörde. Amtsleiter Michael Bednorz sagte: "Die Einbäume sind nur ein Beispiel für unsere Probleme. Sie sind ein besonders drastisches Beispiel dafür, was passiert, wenn das Landesamt seiner Pflicht nicht ordnungsgemäß nachkommen kann." Auch zuvor hatte es schon Schäden gegeben: Im Landeshauptarchiv in Schwerin bauten sich Mäuse mit Fetzen zernagter historischer Dokumente ihre Nester, in einem anderen Notdepot beschädigte ein Wassereinbruch wertvolle Stücke.

Inzwischen sei die Aufmerksamkeit der Politik größer geworden, sagte Bednorz. Seit 2006 wird das Landeshauptarchiv saniert. Insbesondere für die Archäologen sind die Zustände aber nach wie vor schlecht. 2004 stürzte das Gebäude, in dem die drei Steinzeit-Boote von Stralsund lagerten, teilweise ein. Die ehemalige Militär-Garage muss noch immer genutzt werden. Es gab lediglich eine Notsicherung, wie Landesarchäologe Detlef Jantzen sagte. Das Landesamt ist über 17 Standorte verstreut, viele Depots und Werkstätten sind bloße Notbehelfe. "Die Zustände sind beklagenswert", sagte Bednorz. Eine Hoffnung hat er zumindest: 2011 könnte mit einem Neubau für das Landesamt begonnen werden, Gelder seien angemeldet. Auf ein Archäologisches Landesmuseum wartet Mecklenburg-Vorpommern seit 1992. Damals wurde das Museum für Ur- und Frühgeschichte im Schweriner Schloss geschlossen, als der Landtag einzog.

Es gab Geld für die Konservierung

Für die Konservierung der Stralsunder Steinzeit-Boote hatte seinerzeit sogar Geld bereitgestanden. Es wurde Bednorz zufolge nie ausgegeben. Die Suche nach Räumen dauerte zu lange. Bednorz, der seit 2006 dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege vorsteht, will niemanden direkt beschuldigen, für den Verlust verantwortlich zu sein. Das damalige Landesamt für Bodendenkmalpflege und der Landesbetrieb für Liegenschaften hätten "eine Fülle von Besprechungen und eine Fülle von Briefverkehr" gehabt. Schließlich habe es aber doch kein Ergebnis gegeben.

Die Reste der Lindenholz-Einbäume wurden im vergangenen Jahr in die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin gebracht. Studenten sollen dort im Rahmen ihrer Restauratoren-Ausbildung prüfen, was mit welchem Aufwand noch zu retten ist. Von dort gebe es zu Rettungsmöglichkeiten bisher "zurückhaltend optimistische" Aussagen, sagte Bednorz.

Unterdessen prüft der Landesrechnungshof die Umstände der nicht stattgefundenen Konservierung der Einbäume und weiterer Funde, wie die Behörde in Schwerin mitteilte. Die Prüfung soll bis Juni abgeschlossen sein. Dabei soll es um Gelder gehen, die für die Konservierung bereitgestellt worden waren.

DPA / DPA