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Doping: Auf Pump

Es macht stark, es macht aggressiv - und es macht einen kaputt. Anabolika sind ein Teufelszeug. Trotzdem nehmen Zehntausende Jugendliche die künstlichen Muskelhormone. Der stern begleitete einen einsamen Aufklärer.

Die Wendeltreppe runter in den Keller, links in das Kabuff, wo keine Luft mehr ist. Wo Jungs wütend Hanteln stemmen und mit den Fäusten in den Hosen zum HipHop wippen. An der Anlage ein kräftiger kleiner Kerl, versunken der Blick, Finger fliegen über die Platten, es ist laut, utzutz, und er scratcht, scratcht, scratcht.

Sie atmen Bässe und Schweiß, die Jungs, und manchmal kommt eines der Mädels rein, befühlt Oberarme und schaut schwerlidrig, als wüsste es was damit anzufangen, und die Augen der Burschen leuchten, vielleicht werden sie niemals mehr so leuchten.

Mittendrin Börjesson. Der ihren lautlosen Feind kennt, es ist derselbe, der ihn fast getötet hätte. Mit ruhiger Hand montiert er Eisenscheiben auf Stangen, führt den Jungen die Gewichte. Trainingsabend im Kölner Jugendzentrum "Offene Tür Ostheim", das sie alle nur OT nennen. Es könnte ebenso gut in Berlin oder Leipzig liegen, überall, wo Wohnblocks einander das Licht nehmen. In der Ecke des Kraftraums liegen Börjessons Poster. Als Kunstwerk aus Muskeln zeigt ihn eines. Ein anderes als Patienten mit geschwollenen Brüsten. Wie schlimm es damals um ihn stand, hat er erst gemerkt, als ihn sein kleiner Sohn fragte: Papa, bist du ein Mann oder eine Frau? Vor drei Jahren die Operation. Fast ein halbes Kilo Gewebe schnitten die Ärzte weg.

Mit Eiweißpulver fangen die meisten an

Es ist eine Art Kreuzzug, so sieht das Jörg Börjesson, 39, sein entschlossener, verzweifelter Kampf gegen das, was man bei Profisportlern Doping nennt und bei Jungs im Kraftraum - ja, wie? Zehntausende Teenager in Deutschland, so schätzt Börjesson, nehmen Aufbaumittel. Vor allem Jungen aus sozial schwachen Schichten. Die sich jeden Tag zur Begrüßung die Hand geben, ohne sich in die Augen zu schauen, die immerzu breitbeinig herumstehen, die Schultern entfaltet, als müssten sie ihren Platz markieren. Keiner warnt sie vor Anabolika, diesen künstlichen Hormonen, die dem männlichen Sexualhormon Testosteron nachgebaut sind.

Die meisten Jungs, sagt Börjesson, fangen als Ergänzung zum Training mit harmlosem Eiweißpulver an, das senkt die Hemmschwelle. Und wenn sie ungeduldig werden, weil ihre Muskeln nicht mehr wachsen, probieren sie ihre erste Anabolika-Kur aus. Es heißt wirklich Kur. Dabei machen die den Körper fertig. Anabolika sind Medikamente, verschreibungspflichtig; trotzdem kommt jeder ran, übers Internet etwa. In billigen 24-Stunden-Studios. Bei Ärzten. Auf der Fibo-Messe.

In Ostheim haben die Sozialarbeiter gemerkt, hier gibt's ein paar Kerle, die haben sich binnen kurzer Zeit unglaubliche Pakete zugelegt, das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. In ihrer Ohnmacht riefen sie bei Börjessons Initiative "Dopingfreies Zentrum" an, baten um Hilfe.

Nun ist er hier. Mit nichts als seiner Geschichte. Die meisten Stammgäste der OT sind gekommen, Bodybuilding, das zieht. Ana nennen sie das Mittel, wie ein Mädchen. Ana kennen alle, auch wenn es die wenigsten nehmen - oder vielmehr, die wenigsten es zugeben. Man weiß das nicht so genau, das liegt an Ana, dass es einem die Arme bläht, ohne dass man dafür ackern muss, und wer gibt schon zu, dass er bescheißt, dass er gar nicht wie ein Wilder trainiert, sondern mit Drogen rummacht?

Anabolika machten Hammo aggressiv

Hammo gibt es zu. Hammo, 21 Jahre alt, hat schon ein paar Kuren hinter sich. Jetzt trainiert er viermal die Woche, in einem Studio, in dem es keine Freaks gibt, wie er sagt, die richtig breiten Leute. Hammo wird bald ins Gefängnis wandern, für drei Jahre, es wird nicht ganz klar, wofür, scheiß drauf, sagt er, war 'n Fehler, aus Fehlern lernt man doch, oder?

Hammo sitzt oben im Spielzimmer der OT, die Haare über den Ohren ausrasiert, im Gesicht eine Menge Grinsen. Die Tür ist geschlossen. Die erste Kur hab ich mit 18 gespritzt, erzählt er, das war 'ne gute Zeit. Da gibt's Fotos von mir, boah. Wenn du Anabolika nimmst, dann wirste breiter, du schwitzt sofort, kriegst aber auch Pickel, wirst aggressiv. Meine Freundin sagt mir, dass ich dann aggressiver bin. Da kannste aber nix gegen machen.

In der Türkei verkaufen sie es in der Apotheke

So erzählt Hammo. Hammo ist Kurde. Aus Kurdistan, wie er sagt. Eine Ausbildung hat er nicht. Die erste Kur kostete ihn 200 Euro, die zweite 170, die dritte hat er geschenkt bekommen, in der Türkei. Er hat danach zehn Kilo Muskeln mehr gewogen. In der Türkei latscht man in die Apotheke und holt sich das Zeug. Kann jeder Depp dort, auch als Tourist.

Ein Kumpel kommt ins Zimmer geschlappt, klopft ihm auf die Schulter. Check it out, man, sagt Hammo. Vorhin saß auch er unten im Keller, mit zwei Dutzend anderen, und versuchte, Börjessons Vortrag zu folgen, wenn er nicht gerade mit dem Handy am Ohr herummarschieren musste. Es gibt in der OT, wie überall, viele weiche Typen und ein paar harte. Die Harten erkennt man daran, dass sie es nicht ertragen, wenn andere im Mittelpunkt stehen.

Geblieben ist der geschundene Körper

In dem Kabuff liegen dünne Matten, dazu Hanteln, Eisenscheiben. Es ist ein schäbiger, herrlicher alter Kraftraum. Alles da, sagt Börjesson, wunderbar.

Er redet nicht wie ein Lehrer. Er erzählt von einem Mädchen, das ihn angerufen habe, sie sei schwanger und total fertig, weil ihr Freund Hormone nehme. Beim nächsten Anruf habe sie nur gesagt, sehr leise: Totgeburt. Börjesson erzählt von seinem ersten Leben als Bodybuilder, das für ihn so weit weg ist, als sei es das von einem anderen gewesen. Geblieben ist nur sein Wissen. Und der zerschundene Körper.

Als Kind kickte er für sein Leben gern, bis das Asthma kam, er kackte ab, bald gehörte er einfach nicht mehr dazu. Nach ein paar Jahren merkte er: Gewichte pumpen, das geht. Und eines Tages lernte er einen Muskelprotz kennen, der ihm sagte, er habe Talent. Börjesson nannte diesen Mann fortan sein Idol.

Was er in Ostheim nicht sagt: Dieses Idol, das ihm in den 80er Jahren Anabolika empfohlen, Anabolika besorgt habe, sei heute ein bekannter Schauspieler.

Börjesson hält vor dem Publikum das erste Poster in die Höhe: ein junger Mann, lächelnd, in weißen Socken und kurzer Hose. Noch nicht sehr kräftig. Das bin ich, sagt er. Als ich nicht mehr weiterkam, habe ich die erste Kur gemacht. Mit 200 Kilo auf dem Rücken Kniebeugen. Das Zeug treibt dich an. Klar denken kannste nicht mehr. Und wenn du die Kur absetzt, pinkelst du alles wieder raus, die Muskeln verpissen sich, und das macht dich so irre, dass du sofort wieder anfängst.

Er glaubte, Nebenwirkungen seien ein Mythos

Die meisten halten die Klappe, es ist eine spannende Geschichte. Haste schon mal was genommen?, fragt Börjesson einen Kerl, der seinen Bizeps knetet. Nee, sagt der. Warum haste dann so dicke Arme? Ich trainier viel. Zweimal inner Woche. Wenn du mal Muskeln hast, willste immer mehr, sagt Börjesson. Er hält ein zweites Poster hoch, mit einem Modellathleten darauf, die Haare blond gefärbt. Wer mit Bodybuilding anfängt, fährt er fort, schluckt erst mal Aminosäure. Er zeigt Kapseln rum, groß wie Haselnüsse. Wer hat schon mal so Eiweiß genommen? Fast alle Jungs nicken. Das schmeckt als Drink wie Kleister mit Sägemehl, ekelhaft, sagt er, stimmt's? Einige lachen.

Man gleitet schrittweise hinein, sagt Börjesson. Erst Wachstumshormone. Dann Aufputschmittel und Fettverbrenner. Mein Idol sagte mir: Das mit den Nebenwirkungen ist ein Mythos. Das ist alles gar kein Problem. Ich hab's geglaubt. Er kramt Tabletten hervor, klein und weiß, sie sehen aus wie Aspirin. Die gehen ganz leicht runter, sagt er: Anabolika. Viele sind übel zusammengepanscht.

Einer fragt: Wie heißt 'n das? Börjesson blickt auf. Es ist ein junger Mann mit Kopftuch, Hammo. Dianabol, sagt Börjesson. Das ist eigentlich längst vom Markt. Gibt's aber noch im Original, komisch. Das nächste Poster. Ein aufgeplusterter Bodybuilder.

Das ist ein Tier, ruft einer. Das bin ich, sagt Börjesson. Ich würd Sie nich erkennen. Ich mich auch nich. War das schon nach der ersten Kur?, fragt Hammo. Ja, sagt Börjesson. Kennste dich aus? Hammo lehnt mit dem Rücken an der Wand. Es ist still im Raum. Die Betreuer werden später sagen, so still sei es noch nie gewesen. Hammo lächelt. Die verkaufen dir das überall, sagt er, zack, zack, die Leute, die haben mich angesprochen. Direkt spritzen? Ja, ja. Augen zu und durch, was? Hat einer gemacht, der das konnte. Und haste aufgehört danach? Hab ich mir noch mal gespritzt. Aber mit Tabletten kam ich besser zurecht.

Der Körper fängt an zu kochen

Börjesson wird später sagen, wie selten das sei, dass sich einer so vor den anderen öffne. Meistens kommen sie danach zu ihm, zeigen ihre Narben, reden von der Angst. Oft ist das Misstrauen am Anfang wie eine Mauer. Viele kennen es nicht, das Gefühl, dass sie einer ernst nimmt.

Guckt euch diesen Mutanten an, sagt Börjesson, er zeigt ein Foto herum, ein Profi. Die Muskeln platzen fast, die Adern flötendick, in den Augen Leere. Die Risse in der Haut kommen durch den Aufbau, sagt er, die Haut schafft das nicht mehr, sie platzt auf, bis Blut kommt. Der Körper fängt an zu kochen. Der hat keinen Schwanz!, brüllt einer. Kichern ringsum. Man denkt sowieso nicht an Mädels, sagt Börjesson, nur daran, auch so muskulös werden zu wollen. Aber dann sah ich irgendwann so aus. Hoch das letzte Bild. Die Brüste. Wieder wird es still. Iiih, Titten!, zischt jemand. Wer ist das?, ruft einer. Und ein Flüstern: Sind Sie das?

Das Testosteron habe sich bei ihm in Östrogene umgewandelt, sagt Börjesson. Er erzählt von seinem Sohn. Mann oder Frau? Da fällst du in ein ganz tiefes Loch. Dabei ging's vorher schon los, mit Magenschmerzen, einmal schoss 'ne Fontäne Blut aus der Nase. Mein Idol gab mir die Schuld. Ich sollte mit keinem drüber reden. Man ist da ganz schnell ganz schön allein, Leute.

Zettel wandern von Hand zu Hand, darauf die Nebenwirkungen der Anabolika. Etwa Leberkrebs, Wahnvorstellungen, Impotenz, am Ende: der Tod.

Fast alle leugnen es

Börjesson hat Probleme mit Magen und Darm, seine Schultern und Knie sind zerschmirgelt. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, sagt er niemals: gut. Als er die Schmerzen nicht länger ertragen wollte, hat er aufgehört, Mitte der 90er Jahre. Das kranke Brustgewebe ließ er sich erst 2002 wegschneiden. Als er endlich einen Arzt gefunden hatte, der ihm Kredit gab.

Mindestens 200.000 Leute soll es in Deutschland geben, die Anabolika nehmen. Nach einer Studie der Universität Lübeck könnten es auch 350.000 sein, die genaue Zahl kennt niemand. In einer Umfrage des Jugendamts Köln vermutete 2003 jeder fünfte Leiter eines Jugendzentrums, dass bei ihnen Anabolika genommen würden - obwohl einige davon Kraftsport überhaupt nicht anbieten.

Viele Männer wollen nur Arme haben wie ein Gladiator. Anabolika? Fast alle leugnen es, ob Soldat, Manager oder Strandpfau. Die Gesellschaft unterschätze grausam, was sie mit ihrem Körperkult anrichte, sagt Börjesson. Es gebe viele Kraftmeier, die topfit aussähen, deren Organe aber schrottreif seien.

Geschwöre, groß wie Tischtennisbälle

Börjesson tritt auch vor Schulklassen und Sportlehrern auf. Eine Hand voll Mitstreiter bilden seine Task-Force, wie er sie nennt, darunter Experten wie der Kölner Psychologe Werner Hübner. Börjesson macht nichts anderes. Sein Projekt läuft als Ich-AG. Er lebt davon.

Ich komme mit wenig aus, sagt Börjesson, ich muss das einfach machen. Es müsste mehr geben wie mich, die alles selbst miterlebt haben - aber an der Front bin ich der Einzige. Vom Staat und den Krankenkassen kommt nichts. Das will keiner anpacken, sagt er, die Parteien scheinen sich nicht ranzutrauen. Und Polizei und Staatsanwälte seien überfordert. Denn Anabolika für den Eigenbedarf sind bislang leider nicht strafbar - weshalb ertappte Dealer gern behaupten: Das ist alles für mich. Ermittler können das selten widerlegen, wer kennt sich da schon aus? Dabei werde in Deutschland jährlich für geschätzte 50 Millionen Euro gedealt, der Schwarzmarkt soll organisiert sein wie der Drogenhandel.

Börjesson würde am liebsten einen Bus mieten und mit seinen Helfern wie eine Rockband durchs Land fahren. Was in Hamburg oder Dresden los ist, kann man nur vermuten, sagt er, da dringt nichts durch. Er möchte Studiobetreiber überzeugen, mit "drogenfrei" zu werben. Bislang verdrängten die das Problem. Die Eltern müssten Druck machen, sagt er. Aber die meisten ahnen nicht einmal was.

Zum Abschluss in Ostheim hält Börjesson weitere Fotos hoch. Von Andreas Münzer, Sieger der World Games. Ein Berg aus Muskeln. Vor zehn Jahren gestorben. Die Jungs im Kraftraum saugen die Luft ein. Münzer, sagt Börjesson, hat immer erklärt: Bei uns sind Anabolika nicht erlaubt. Nach seinem Tod fand man Geschwüre in seinem Körper, so groß wie Tischtennisbälle. Sie hatten ihn von innen aufgefressen.

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