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Drogenbericht: UN-Experten schlagen Alarm

Zu wenig wird in vielen Teilen der Erde gegen die grassierende Drogenkriminalität getan, warnt der Internationale Suchtstoffkontrollrat in einem neuen Bericht. Statt die Bosse zu jagen, bringt die Polizei oft kleine Konsumenten hinter Gitter. Große Sorgen macht nach wie vor der Mohnanbau in Afghanistan.

Die UN-Experten des Internationalen Suchtstoffkontrollrats (INCB) schlagen Alarm und kritisieren, dass nicht überall auf der Welt mit Härte gegen den Drogenhandel vorgegangen wird. "Die Erfolge in einigen Ländern werden in anderen wieder geschwächt", sagte INCB-Expertin Carola Lander bei der Präsentation des Berichts am Dienstag in Berlin. Eine weltweite Eskalation gibt es den Experten zufolge zwar nicht - doch zu selten würde die internationale Drogenkriminalität entdeckt und zerschlagen. Zu selten würden die wahren Täter bestraft. "In manchen Ländern werden immer noch die Kleinen gehängt und die Großen laufengelassen", sagt Lander. Die Regierungen müssten endlich auf eine einheitlich effiziente Linie einschwenken. INCB-Präsident Philip Emafo mahnt "geeignete Maßnahmen" an.

Heroin aus Afghanistan

Besonders viel Sorgen bereitet den Experten Afghanistan, wo der illegale Schlafmohnanbau 2007 um 17 Prozent anstieg. 8200 Tonnen Opium wurden in dem Krisenstaat trotz aller internationalen Anstrengungen produziert. Essigsäureanhydrid kommt auf unbekannten Wegen in Massen ins Lande - eine Chemikalie zur Herstellung von Heroin. Heroin für Europas Süchtige kommt fast vollständig aus Afghanistan, meist über die Türkei. "Afghanistan muss mehr tun, um sein eskalierendes Drogenproblem in den Griff zu bekommen", fordert der INCB.

Cannabis erobert Afrika

Das Kontrollorgan soll die Drogenkontrollabkommen der Vereinten Nationen umsetzen und ist von der UN und den Regierungen unabhängig. 2007 loteten seine Experten die Lage aus Geldmangel nur in elf Ländern am Ort aus, rund 20 Besuche sind jährlich geplant. 40 Jahre nach Gründung seiner Organisation scheint Präsident Emafo eine deutliche Mahnung für angebrachter denn je zu halten: "Untätigkeit darf nie eine Option sein." Einen alarmierenden Anstieg beschreibt der Rat für viele Regionen. So wird in Afrika mehr Cannabis konsumiert als je zuvor. In Südamerika ist Kokain auf dem Vormarsch. Heroin und Cannabis wird in Südasien immer mehr missbraucht.

Gewalt ist in Südamerikas Drogenszene an der Tagesordnung

Steigende Drogenkriminalität bedroht die Sicherheit: Vor allem in Mittelamerika untergraben Banden, Mafia und "Maras" genannte Jugendgangs laut Bericht die Rechtsstaatlichkeit. Gewalt und Mord im Drogenmilieu sind in Südamerika an der Tagesordnung. Ganz Nordamerika ist laut INCB Betätigungsfeld mächtiger Organisationen. Aber auch in Deutschland hat der Anbau von Cannabis in illegalen Treibhäusern seit 2002 zugenommen - "in erschreckendem Maß", so Lander. Zudem ist Europa der zweitgrößte Weltmarkt für Kokain und die wichtigste Quelle für Amphetamine. 3,3 Millionen Europäer sind heroinabhängig.

Uneinigkeit über deutsche Drogenkonsumräume

Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) weist die Forderung nach Schließung von Drogenkonsumräumen zurück. 24 solcher Räume gibt es, in denen Abhängige ihre illegalen Drogen sauber einnehmen und sich vielfach nebenher auf schwere Krankheiten testen lassen können. Allein durch die elf Konsumräumen in Nordrhein-Westfalen wurden einer Studie zufolge binnen vier Jahren 330 Drogentote verhindert. "In Drogenkonsumräumen findet nicht nur Konsum statt", beteuert Bätzing. Lander entgegnete: "Das darf nur der allererste Schritt sein, damit die Betroffenen von ihren illegalen Drogen wegkommen."

Basil Wegener/DPA / DPA