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Ein Jahr nach Winnenden "Noch immer fehlen Krisenteams"

Mehr Schulpsychologen, eine besser Vernetzung zwischen Polizei und Pädagogen und Krisenteams an jeder Schule - nach Winnenden wurden viele Forderungen laut. Stern.de hat mit dem Darmstädter Psychologen Jens Hoffmann darüber gesprochen, was davon umgesetzt worden ist.

Kurz nach dem Amoklauf in Winnenden gab es viele Forderungen - zum Beispiel die nach mehr Schulpsychologen. Was ist davon realisiert worden?
Das Verhalten im Krisenfall hat sich sehr stark weiterentwickelt. Alarmierungs- und Evakuierungspläne wurden ausgearbeitet oder verbessert. Polizei und Schulen sind seit Winnenden ebenfalls besser vernetzt. Schulen haben nochmal mehr verstanden, dass sie aktiv werden und die Zusammenarbeit mit der Polizei suchen müssen, wenn eine Gefahr besteht. Seit Winnenden sind zwar wieder drei schwere Gewalttaten beziehungsweise Amokläufe passiert - einmal am Albert-Einstein-Gymnasium in St. Augustin bei Bonn, dann in Ansbach in Bayern und im Februar an einer Berufsschule in Ludwigshafen. Andere konnten allerdings durch die bessere Prävention im Vorfeld verhindert werden.

Hat sich die Situation in allen Bundesländern verbessert?
Wir sind viele Schritte vorangekommen, gut gerüstet sind wir allerdings noch lange nicht. Noch immer gibt es nicht an allen Schulen ausgebildete Krisenteams. Das ist fahrlässig. Hätte ich Kinder, würde ich sie nicht an eine solche Schule schicken. In vielen Bundesländern ist man immer noch stolz auf den sogenannten Notfallordner, in dem steht, wie sich Lehrer und Schüler im Krisenfall zu verhalten haben. Das ist zwar ein guter Anfang, reicht aber bei Weitem nicht aus. Wir müssten noch viel mehr Zeit und Geld in die Prävention stecken und zum Beispiel Teams aus Schulen, Polizei und Beratungsstellen aufbauen, um Bedrohungen rechtzeitig zu erkennen und abzufangen. Einige Bundesländer sind da bereits sehr engagiert, Hamburg zum Beispiel. Dort gibt es eine schulische Präventionsstelle, die viele Veranstaltungen anbietet. Auch im Saarland werden Krisenteams systematisch aus- und weitergebildet. Deutschlandweit einmalig ist auch, dass dort die Präventionsabteilungen verschiedener Ministerien zu einer Behörde zusammengelegt wurden, in der Pädagogen und Polizei fachübergreifend zusammenarbeiten. Auch Baden-Württemberg ist sehr engagiert dabei, lokale Netzwerke aufzubauen, damit Gefahren rechtzeitig erkannt und an die Polizei weitergeleitet werden.

Was haben wir mit einem Jahr Abstand aus Winnenden gelernt?
Wir mussten erkennen, dass solche furchtbaren Massenmorde auch in Deutschland passieren können. Und dass wir auch in Zukunft damit rechnen und Vorsorge treffen müssen. Ausschließen können wir es nie, aber das Risiko deutlich verringern.

Sie haben auch zum Profil des Amokläufers geforscht. Gab es nach Winnenden neue Erkenntnisse?
Nein, die Fälle ähneln sich alle. Der Amoklauf war immer der Endpunkt eines Weges, auf dem es Warnsignale gibt. Zum Beispiel waren die zukünftigen Täter verzweifelt und sind langsam aber sicher immer mehr in Fantasiewelten abgetaucht. Wenn wir einen Puzzlestein haben und recherchieren, sind die Chancen groß, Risikopersonen zu erkennen. Das hat der Fall in Winnenden bestätigt.

Nach Winnenden herrschte auch die Befürchtung, dass die Tat zur Nachahmung anregt. Hat man in den folgenden Monaten tatsächlich einen Anstieg an Amoklauf-Drohungen verzeichnet?
Soweit ich weiß sogar einen sehr massiven. Die genauen Zahlen liegen mir allerdings nicht vor.

Auf was ist heute bei der Trauerfeier zu achten?
Heute ist es wichtig, das Leid der Opfer und der Angehörigen in den Mittelpunkt zu stellen. Solange es darum geht, und der Täter nicht zu einer Ikone stilisiert wird, ist es, was Nachahmungstäter betrifft, ungefährlich an die schlimmen Ereignisse zu erinnern.

Lea Wolz

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