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Fortpflanzung dank Technik: Babys in einer Zeit ohne Sex

"Like a Virgin" heißt das Buch einer britischen Autorin, das die Grenzen der Fortpflanzungstechnik auslotet. Es geht um die "absoluten Solo-Eltern" und Superbrutkästen - nur nicht um das Vergnügen.

Von Sophie Albers

Sex ist voll in Ordnung", hat die britische Autorin Aarathi Prasad gerade auf ihrem Twitter-Account gepostet - amüsiert, aber auch ein bisschen kokett. Die erfahrene Medienfrau und Wissenschaftsjournalistin hätte sich die Überschrift der Geschichte in der britischen Tageszeitung "The Guardian" denken können: "Warum Sex bald Geschichte sein könnte" macht aufmerksam. Und das Ziel verfolgt auch Prasad mit ihrem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch "Like a Virgin. Wie die Wissenschaft die Regeln des Sexlebens verändert".

Darin spricht Prasad vollmundig über die Zukunft der Reproduktion, zu der es keinen Sex mehr braucht. Es geht darum, dass die Technik den rein biologischen Zweck des Geschlechtsverkehrs übernehmen könnte. Darum, welchen Einfluss diese Entwicklungen auf unser Beziehungs- und Familienleben hätten. Und in dem Gespräch sagt Prasad so verstörende Sätze wie: "Ein Kind außerhalb der Gebärmutter zu bekommen, ist nicht zwangsläufig schlecht für die Mutter-Kind-Bindung."

Papa wird nicht mehr gebraucht

Die Stammzellforschung mache in Zukunft die Existenz sogenannter absoluter Solo-Eltern möglich, sagt Prasad: Eine Frau, egal welchem Alters, könne ihre eigenen Stammzellen und ein künstliches Y-Chromosom benutzen, um gesunde neue Eier und Spermien zu produzieren. Sie könne sich also wortwörtlich selbst befruchten. Diesen Embryo müsste sie dann nicht einmal in der eigenen Gebärmutter austragen, sondern er könne in einer künstlichen Gebärmutter heranwachsen - in einer Art Super-Brutkasten. Diese Technik könne auch homosexuellen Paaren zu Kindern aus dem eigenen Genpool verhelfen. Und auch Männer könnten allein "schwanger gehen".

Die neue Elternschaft mit der künstlichen Gebärmutter werde die gesellschaftliche Stellung der Frau revolutionieren. Schließlich sei damit nicht nur die biologische Uhr außer Kraft gesetzt, das Lebengeben sei dann auch Männersache. Denn "man kann aus dem Knochenmark eines Mannes sowohl Spermium als auch Eier gewinnen". Prasad nennt die Technologie einen "großartigen biologischen und soziologischen Gleichmacher", auch wenn sie natürlich nicht wisse, wann sie tatsächlich zum Einsatz kommen werde. Es sind ja noch ein paar Schritte von der Labormaus zum Menschen. Kaguya ist der Name der Maus, die 2004 in Tokio ohne Vater geboren wurde.

Eingebettet sind die Huxleyschen "Schöne neue Welt"-Visionen von "Flaschengeburten" in historische Anekdoten - von der Jungfrauengeburt bis zu einem Experiment im 16. Jahrhundert, als Samen in einem Reagenzglas in Pferdedung versenkt wurden, in der Hoffnung, dass ein Homunculus daraus werde. Was nicht klappte. Die Idee zum Buch sei ihr übrigens gekommen, als sie über ihren eigenen Kinderwunsch nachgedacht habe, so Prasad weiter. Mit Mitte 20, als sie ihren Doktor in onkologischer Genetik absolvierte, bekam sie eine Tochter, die Beziehung zum Vater zerbrach. Mit 30 habe sie ihren Wunsch nach einer großen Familie schwinden sehen. Schließlich habe ihre Mutter eine frühe Menopause gehabt. "Es gibt Tiere, die ohne männliches Zutun Babys bekommen können, warum können Menschen das nicht", habe sie sich gefragt. "So viele Frauen sind, wie ich, in den 30ern, wir wollen Karriere machen, und wir suchen nachen dem richtigen Partner. Und dann wirst du älter und die Wahrscheinlichkeit schwindet."

Der Körper ist eine Maschine

Ethische Bedenken weichen in Prasads Ausführungen immer wieder der Pragmatik: Sie könne sich ohne weiteres vorstellen, dass die Technologien zur Anwendung kommen. "Sie hören sich vielleicht seltsam an, aber sind sie das wirklich? Die entscheidende Frage ist doch, ob das Baby gesund ist. Wenn die Antwort darauf Ja ist, und die Mutter sich darum kümmern kann, wer sind wir, dass zu verurteilen?"

Wenn Prasad dann von Versuchen mit Labor-Feten berichtet, die wegen der Gesetzeslage nach 14 Tagen abgetötet werden müsste, um Menschenversuche zu verhindern, wird es ein gruselig. Seit Jahren schon wird über die ethische Dimension der Stammzellforschung diskutiert, die immer wieder mit Wirtschafts- und Forschungsinteressen kollidiert. Eines ist jedenfalls sicher: Sie wird weiterhin vorangetrieben. "Diese Idee", dass Natur das einzig Wahre sei, lehne sie ab, sagt Prasad. "Wir können von ihr lernen, wir können uns an ihrem Beispiel verbessern. Es gibt Situationen, in denen es Babys außerhalb der Gebärmutter besser geht." Der Mensch sei so eitel zu glauben, die Krone der Schöpfung zu sein, "das sind wir nicht. Wir passen uns immer noch an." Letzten Endes, so die Publizistin, seien wir Maschinen. "Wir haben all diese ethischen und sozialen Schichten darübergelegt, aber der Körper ist eine Maschine."