Ganzkörperscan Totale Transparenz


Ein ganzer Mann in vielen Scheiben: stern-Redakteur Thomas Schumann ließ sich von Deutschlands größtem Kernspintomographen durchleuchten.

Erst nehmen sie dir die Uhr ab. Dann deine Kreditkarten, den Firmenausweis, den Führerschein, den Kugelschreiber. Dein Geld. Sie lassen dich einen Sportdress anziehen (ohne Reißverschluss!), legen dich hin, fixieren Kopf und Beine, hieven Platten auf Schenkel und Brust, stülpen dir eine Art Fahrradhelm auf, stopfen Stöpsel in deine Ohren, lächeln dir ein sedierendes Lächeln zu. Schieben dich ab in die Röhre. Und gucken durch ein Panoramafenster zu, wie du dich so machst da drin. Allein. Ganz allein.

Ist das nicht grauenvoll? Nein. Das ist ein bisschen aufregend und ziemlich spannend. Und im Schauraum bei "Siemens Medical Solutions" tun sie alles, damit du das zwölfminütige Liegen und Schieben in ihrem "Avanto" genießt und dabei die finsteren Assoziationen schnell vergisst. Sie haben den Raum um den tonnenschweren, mittelstürmerhohen Trumm mit der menschenfassenden Bauchhöhle hell und freundlich ausgestrahlt; das Gerät selbst ist weiß mit warmen Blautönen drum herum. So würde man ein neues Kabrio präsentieren oder eine schicke Yacht.

Der Avanto ist das Prestigeobjekt der medizinischen Forschungsabteilung von Siemens in Erlangen. Ein MRT, ein Magnetresonanztomograf, der es ermöglicht, nicht bloß das Knie oder den Schädel, sondern in einem Durchlauf das ganze Innere eines Menschen zu scannen und sichtbar zu machen. Eine Neuentwicklung, die ihre Firmenbotschafter Superlativ-trunken macht ("revolutionär, das effizienteste und patientenfreundlichste ...") und ein paar Blocks weiter auf dem Firmengelände viele Menschen in Brot und Arbeit hält. Da bauen rund 100 Spezialisten den Avanto zusammen und seine kleineren Artgenossen. Unter dem Dach der Werkhalle hängt eine elektronische Anzeigentafel. Sie weist den Auftragsbestand des Monats aus. Und der ist üppig, 21 Bestellungen waren's allein im Juni.

"Die gehen nach Korea und in die USA", sagt Birgit Dusch von der PR-Abteilung des Hauses und zeigt auf verpackungsfertige MRT. Frau Dusch kann warm lächeln im Schauraum und eisig, wenn sie über die Gesundheitspolitik in unserem Lande referiert und das Kassensystem geißelt. Dass das medizinische Spitzenprodukt ihres Hauses, ein deutsches!, sich auf dem Weltmarkt so gut behaupten kann gegen die US-Konkurrenten von General Electric (GE), hierzulande aber erst ein paar Spitzenkliniken bereichert, wurmt sie. Denn ein "Einfach mal den ganzen Körper Angucken" trägt keine Kasse, und so ist die Anschaffung für niedergelassene Ärzte nicht ganz ohne. Immerhin: "Eine Kardiologengemeinschaft aus Frankfurt hat gerade einen Avanto geordert."

Wenn du nun kein Kardiologe aus Frankfurt bist und kalkulieren musst, wie sich 1,5 bis 1,7 Millionen Euro für die Anschaffung rentieren sollen, wenn du nur Probepatient bist, drinliegst und zwölf Minuten zum Nachdenken hast, dann findest du den Apparat schon: irre. Wie die das schaffen, dass du zwar zugedeckt bist und aussiehst wie eine Mumie, aber klaustrophobische Ängste in der Röhre nicht aufkommen. Das liegt unter anderem an den Spiegeln, die am Helm montiert sind, über die du die Menschen hinter der Panoramascheibe siehst, wie sie winken und scherzen, dazu die eigenen Augen und den Haaransatz. Während du überlegst, ob es noch lohnt, zum Friseur zu gehen, oder ob du erst mal die Bilder deiner Innereien anschaust, macht die Maschine Folgendes: Sie "weiß" zunächst, dass sich Wasserstoffkerne (bestehend aus einem positiv geladenen Proton) im menschlichen Körper permanent um sich selbst drehen, wobei ihre Achsen in verschiedene Richtungen zeigen. Der mächtige Magnet Avantos zwingt die Kerne nun, ihre Drehachsen wie Kompassnadeln alle parallel auszurichten. Mit Hilfe von Radiowellen, die von den auf dem Körper liegenden Oberflächenspulen ausgesendet werden, können die nun kontrolliert rotierenden Wasserstoffkerne "angetippt" werden: Die Protonenachsen kippen, die Kerne nehmen dadurch Energie auf - und wenn ihnen der Impuls wieder genommen wird, kippen sie zurück und schicken ihrerseits Radiowellen an die Spulen des MRT. Weil diese Signale je nach "Standort" des Wasserstoffkerns in verschiedenen Gewebearten unterschiedlich ausfallen, kann der MRT sie in räumliche Bilder übersetzen.

Durch die Kombination von Magnetfeld und elektromagnetischen Wellen kommt der nach der Protonenrotation auch "Kernspintomograf" genannte MRT anders als sein Vetter, der Computertomograf (CT), ohne Röntgenstrahlung aus. Weil Wasserstoff in allen Geweben des Körpers - allerdings in sehr unterschiedlicher Konzentration und chemischer Bindungsform - vorkommt, kann ein MRT röntgentransparente Weichteile wie die Organe sehr gut sichtbar machen. Und das deutlich besser als ein CT.

Avanto hat 76 Antennenspulen für seine Radioimpulse, verborgen sind sie in der Kopfbedeckung und in den Brust- und Beinplatten, was eine Ganzkörperdarstellung ermöglicht. Das alles in einem einzigen Röhrendurchgang. "Tim" nennen sie das, Total Imaging Matrix.

Die Geräusche, die der Avanto dabei von sich gibt, erinnern an "Lost in Translation", als sich Bill Murray in eine japanische Daddelhalle verirrt. Da herrscht ein Plingen und Plongen, ein entferntes Wummern und Klopfen, was mit etwas gutem Willen als HipHop durchgehen könnte. Nervt ein wenig, aber den Fortschritt mag jeder würdigen, der alte Kernspingeräte kennt, wo selbst ein feister Kopfhörer nicht das Gefühl dämmen konnte, man läge mitten in Ausschachtungsarbeiten für eine neue U-Bahn-Verbindung.

Der Lärm also ist erträglich, aber wie steht's um Nebenwirkungen? In Erlangen heißt es, dass "nach alldem, was man weiß", die Risiken der Magnetprotonenbefeuerung bei null lägen. Zu Vorführungszwecken, etwa bei Verkaufsgesprächen, heuert Siemens Studenten der nahe gelegenen Uni an - und beschränkt deren Liegezeiten pro Woche dann doch: Sicher ist sicher.

Kreditkarten, Führerschein und Bargeld gehören inzwischen wieder dir. Die Magneten hätten die Daten auf den Chips vernichtet, die Münzen wiederum hätten getanzt in der Röhre und ein paar Cent ein paar hunderttausend Euro Schaden am Avanto verursacht. Der wird nun präpariert für eine Abordnung kaufwilliger Kunden aus Korea. Und du wirst gefragt, ob du nicht einen Kick spürst, manch einer sei beschwingt, geradezu euphorisch dem Gerät entstiegen - vielleicht gäbe es ja Ähnlichkeiten mit der Magnetfeldtherapie in der Behandlung von Depressiven Euphorisch? Das dann doch nicht. Schließlich möchtest du schon wissen, was mit dir so los ist, Probe hin, Probe her. Die Schmerzen im Knie, der Druck im Magen, das ewige Kribbeln im kleinen Finger - irgendwo muss das doch herrühren.

Und dann siehst du dich auf dem Bildschirm eines Laptops, siehst Knochen und Sehnen und Knorpel und Nerven und Blutgefäße und Hirn und Lunge und Herz und Blase, du liegst nicht mehr, sondern drehst und spreizt dich im Computer. Und obschon das objektiv vermutlich monstermäßig ausschaut, denkst du, was eine Mutter über ihr Neugeborenes denkt: das schönste Wesen der Welt. Bis jemand sagt: "Diese furchtbar krumme Wirbelsäule, diese ausgeprägte Skoliose -Êdas haben Sie doch vorher gewusst, oder?"

Stimmt, die ist nicht zu übersehen. Der Rest aber bleibt für einen Laien undurchschaubar. Und, so sagen Kritiker, für viele Ärzte ebenso. Der gewaltige Datensatz, den der MRT produziert, die Fülle der Bilder, die dreidimensionalen Eindrücke, ungemein plastisch - zusammen bergen sie die Gefahr, dass sie doch mehr verwirren als klären. Dass harmlose Normabweichungen dramatisiert werden, dass kerngesunde Patienten psychisch belastet, Hypochonder eher bestätigt werden. Außer Frage aber steht, dass der Ganzkörperscan ein großer Fortschritt bei der Analyse von Krebserkrankungen ist. Ein Onkologe wird schneller sehen können, ob und wo sich Metastasen gesetzt haben. Dich sorgen zum Glück nur Schmerzen im Knie und das Kribbeln im Finger. Was ist denn nun damit? Aber selbst wenn sie erkennen könnten, woher und warum, sie dürften's nicht sagen. Die in Erlangen sind Verkäufer, aber keine Mediziner. Du musst eben noch mal zum Arzt. Und was er findet, gehört in seine Akte. Aber nicht in den stern.

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