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Gebärdensprache: Ein Leben in der Hand

Wenn sie redet, halten ihre Hände kaum still - wie auch? Diese Hände mit den markanten rot lackierten Fingernägeln bilden seit 1992 den Mittelpunkt im Leben der Gebärdensprachdolmetscherin Karin Kestner.

Von Jens Lubbadeh

Ein Film kann das Leben eines Menschen verändern. Vor 14 Jahren sah Karin Kestner "Gottes vergessene Kinder", die bewegende Liebesgeschichte zwischen einem hörenden Lehrer und einer ehemaligen gehörlosen Schülerin. Und die gelernte Tiefbautechnikerin und Hausfrau in einem Vorort von Kassel beschloss, dass sie diese faszinierende Sprache lernen wollte. Lernen musste.

"Alles schön und gut, aber DGS war das ja nicht"

Karin Kestner nahm ihr Leben in die Hand - im wahrsten Sinne des Wortes. An der Volkshochschule lernte sie die flinke Sprache der Hände, bei einer tauben Lehrerin. Diese ermunterte sie, aus dem Hobby mehr zu machen und zu dolmetschen. Als Karin ihren ersten Dolmetschauftrag annahm, gab es in Deutschland kaum professionelle Gebärdensprachdolmetscher.

Sprachbeispiel DGS

Es war zugleich Karins erster Kontakt mit einem Gehörlosen außerhalb des Kurses - und die Bewegnung zeigte ihr, wie wenig sie über die komplexe Gehörlosenwelt wusste. Denn der Gehörlose verstand zwar, was sie dolmetschte, "aber danach kam er zu mir und meinte: 'Alles schön und gut, aber DGS war das ja nicht'." Karin hatte an der Volkshochschule nämlich nicht die Deutsche Gebärdensprache gelernt, sondern die so genannten LBG: lautsprachbegleitende Gebärden. Diese sind ein von Pädagogen erdachtes Hilfsmittel, um gehörlosen Kindern Deutsch beizubringen.

Denn die Deutsche Gebärdensprache, abgekürzt DGS, ist völlig eigenständig. Deutsch, geschrieben wie gesprochen, ist für Gehörlose eine Fremdsprache, die sie mühsam lernen müssen. Weil sie keine Rückkopplung über das Ohr haben, können sie sich Deutsch nur über das Lesen aneignen. Wer je versucht hat, Spanisch oder Französisch allein anhand von Büchern und Zeitschriften zu lernen und die Sprache noch nie gesprochen gehört hat, wird sich ausmalen können, wie schwierig das ist.

In Großstädten gibt es oft ein Little-Gehörlosen-Town

Karin Kestner wollte die "wahre" Gebärdensprache lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, die über Bewegungen funktioniert und keine Schriftform kennt? Und vor allem - wo lernt man sie? Ein Land, in dem die Menschen Gebärdensprache als Muttersprache sprechen, gibt es nicht.

Wer Gebärdensprache lernen will, der muss zu den Gehörlosen gehen. Und wo es viele Gehörlose gibt - typischerweise in den Großstädten - da gibt es meist so etwas wie einen "Gehörlosenverein". In Hamburg beispielsweise leben zwei- bis dreitausend Gehörlose. Man könnte sie mit den sprachlichen Minderheiten in US-amerikanischen Großstädten vergleichen - eine Art "Chinatown" oder "Little Italy" der Gehörlosen in der Großstadt. Denn wie bei den Italienern und Chinesen in New York und San Francisco gilt auch bei den Gehörlosengemeinschaften in den Großstädten: Die Sprache verbindet, sie schafft eine eigene Identität und Kultur. Und in ihrer Andersartigkeit im Vergleich zur deutsche Sprache ist die Deutsche Gebärdensprache durchaus vergleichbar dem Chinesischen.

Ihre Grammatik ist dreidimensional

Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrtum, dass es weltweit nur eine einzige Gebärdensprache gibt - jedes Land hat seine eigene. Eines haben jedoch fast alle Gebärdensprachen tatsächlich gemeinsam: die dreidimensionale Grammatik. Mittels ganz spezieller räumlicher Bewegungen der Gebärdenzeichen, genau festgelegter Handformen für Wortgruppen und Objekte, sowie bestimmter Körperbewegungen und Mimik drückt der Gebärdensprachler grammatikalische Zusammenhänge aus.

Karin Kestner musste im Prinzip wieder bei Null anfangen. Denn die Lautsprachbegleitenden Gebärden, die sie an der Volkshochschule gelernt hatte, übersetzen Deutsch einfach eins zu eins in Gebärdenzeichen - ohne die komplexe räumliche Grammatik der Gebärdensprache zu berücksichtigen. LBG ist deshalb genau so wenig Deutsche Gebärdensprache wie ein deutscher Satz, wörtlich in russische Wörter übersetzt, wirkliches Russisch wäre.

Obwohl es nie leicht ist, in geschlossenen Szenen oder Minderheiten Anschluss zu finden, hatte Karin in Kassel Glück: "Die haben mich offen und lieb aufgenommen", sagt sie rückblickend. Schnell merkte sie, dass zwischen LBG und DGS Welten lagen. Und vor allem: wie schwierig es war, Lernmaterial aufzutreiben. "Damals gab es nur das Blaue Buch." Es war eines der ersten Gebärden-Lexika - "im Prinzip ein Wörterbuch, bei dem über jedem Begriff ein Schwarz-Weiß-Foto der Gebärde abgebildet war".

Sprachbeispiel DGS

In jedes Foto waren Pfeile eingezeichnet, die die Bewegung der Hände darstellten. "Das war nicht besonders komfortabel, weil manche Bewegungen sehr kompliziert sind und man in dem Pfeilgewirr kaum etwas erkennen konnte." Auch Videos mit DGS-Lernmaterial waren Mangelware. Und Unterlagen über die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache gab es gar nicht. Es gab nur ein Buch über die Grammatik der Schweizer Gebärdensprache, die der Deutschen sehr ähnlich ist.

Das erste Computer-Gebärdensprachlexikon: 777 Gebärden auf einer CD

Weder auf Videobändern noch in Büchern jedoch kann man schnell und bequem ein Wort nachschlagen und die dazugehörige Gebärde als Video anschauen.

Sprachbeispiel DGS

1995 kam Karin die Idee: Warum nicht das Können eines Computers für diesen Zweck einsetzen? Sie begann mit der aufwändigen Arbeit, hunderte von Wörtern zu gebärden und mit einer Kamera zu filmen. Bei der Auswahl der Wörter ging sie ganz pragmatisch vor: "Ich habe mich einfach gefragt, was ich brauche, um mich unterhalten zu können." Heraus kam ein Basis-Wortschatz von exakt 777 Gebärden und mehreren Beispielsätzen in DGS, um Grundlagen der Grammatik zu verdeutlichen.

Nach einem Jahr intensiver Arbeit wurde im Herbst 1996 das erste Gebärdensprachlexikon auf CD-Rom veröffentlicht: "777 Gebärden". Aufgrund des Erfolges blieb es bei "777", obwohl die nachfolgenden zwei Teile von "777 Gebärden" und später alle drei Lexika nach kompletter Überarbeitung jeweils rund 900 Gebärden umfassten.

Die Gebärdenlexika waren der Start und zugleich auch der erste Erfolg des "Kestner-Verlags", dessen Programm seitdem um viele weitere Veröffentlichungen gewachsen ist. Dabei hat Karin Kestner vor allem auch hörgeschädigte und gehörlose Kinder im Blick - sowohl von Seiten der Kinder, als auch der Eltern: "Tommys Gebärdenwelt" ist ein Lernprogramm mit einem Wortschatz, der ganz auf Kinder zugeschnitten ist. Geschichten wie "Manuel und Mira" und "Händemeer" sind multimediale Gesamtpakete aus einem Bilderbuch und einer CD-Rom, die die Geschichte in Deutscher Gebärdensprache, in LBG und in Deutsch beinhaltet.

Viele Eltern kommen mit der Gehörlosigkeit ihres Kindes nicht klar

Elternaufklärung ist zu einem wesentlichen Bestandteil von Karins Arbeit geworden. Mittlerweile verbringt sie fast ein Drittel ihrer Zeit damit, zumeist hörenden Eltern gehörloser oder hörgeschädigter Kinder die wichtigsten Fragen zu beantworten, die sie zum Thema Gehörlosigkeit und Gebärdensprache haben.

Sprachbeispiel DGS mit gesprochener Übersetzung

Für die meisten Eltern ist es zunächst ein Schock, wenn sie nach der Geburt ihres Kindes vom Arzt die Bestätigung über eine Hörschädigung bekommen. "Oh Gott, mein Kind ist behindert", ist meist der erste lähmende Gedanke; Verunsicherung, Trauer und im schlimmsten Fall totale Ablehnung des Kindes können schlimme Folgen sein.

Meistens verschärfen mangelnde oder falsche Informationen die Lage: Wer weiß schon, dass Gehörlosigkeit keine Behinderung wie Blindheit oder Querschnittslähmung ist, dass gehörlose Menschen eine eigene Sprache und somit auch eine eigene Kultur und ein eigenes Identitätsgefühl besitzen.

So wichtig ist Karin Kestner die Elternaufklärung im Laufe der Jahre geworden, dass sie vor einiger Zeit zusammen mit Olaf Fritsche ein Buch geschrieben hat. "Diagnose hörgeschädigt" soll betroffenen Eltern alle Fragen beantworten, soll ihnen helfen, mit der Gehörlosigkeit ihrer Kinder umzugehen und sie dabei unterstützen, eine Form der Kommunikation mit ihnen aufzubauen. Im besten Falle, indem sie selbst Gebärdensprache lernen.

Nun feiert der Kestner-Verlag sein 10-jähriges Jubiläum. Viel hat Karin Kestner erreicht in den 14 Jahren, seitdem sie "Gottes vergessene Kinder" sah. Zwei Wünsche hat sie aber noch: "Eine bundesweite, neutrale Beratungsstelle für Eltern gehörloser Kinder wäre mein Traum. Und dass die Lehrer an den Gehörlosenschulen besser und umfassender die Deutsche Gebärdensprachen beherrschen. Denn sonst verstehen die erwachsenen Gehörlosen bald ihre eigene Sprache nicht mehr, wenn ich für sie dolmetsche."