HOME

Hirnforschung: Orakel mit Tücken

Der Hippocampus im Gehirn gilt Wissenschaftlern als Multitalent: Neben dem Gedächtnis scheint er auch unsere Vorstellung von der Zukunft zu steuern. Leider neigt die Hirnregion zu gewissen Übertreibungen.

Von Nicole Heißmann, Boston

Das Gedächtnis steckt für die Hirnforscher immer noch voller Rätsel

Das Gedächtnis steckt für die Hirnforscher immer noch voller Rätsel

Omas Kommode hat ausgedient. Vor ein paar Jahrzehnten stellten sich Forscher das menschliche Gedächtnis noch vor wie ein muffiges Möbelstück. Als würden dort Erlebtes und Erlerntes abgelegt wie Socken und bei Bedarf wieder aus der Schublade gezogen. Heute dagegen gilt Erinnern als kreativer Denkprozess, der unsere Vorstellungskraft genauso fordert wie das Ausmalen künftiger Ereignisse in der Fantasie.

"Beim Zurückdenken konstruiert sich das Gehirn aktiv seine eigene Vergangenheit", fasste jetzt der renommierte Hirnforscher Daniel Schacter von der Harvard Universität den Stand der Forschung zusammen. Auf dem Kongress der Amerikanischen Wissenschaftsvereinigung AAAS in Boston verwies er auf Studienergebnisse, die Parallelen zwischen Erinnerung und Vorstellung von der Zukunft nahe legen: "Patienten mit Amnesie können sich in der Regel nur vage vorstellen, welche Situationen sie in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten erleben werden."

Den Sitz des Gedächtnisses vermuten Wissenschaftler seit längerem im Hippocampus, einer Art Knotenpunkt im zentralen Großhirn. Neuere Forschungen belegen, dass diese Schaltstelle aber auch dann hoch aktiv ist, wenn Mensch sich Dinge in ihrer Fantasie ausmalen. Ob der Hippocampus all das allein bewerkstelligt, wird zurzeit unter Forschern noch diskutiert.

Hippocampus als Basisstation

Schacters britische Kollegin Eleanor Maguire vom University College in London präsentierte in Boston ihre Vorstellung vom Hippocampus als einer Basisstation: "Bei Bedarf werden noch andere Bereiche der Großhirnrinde dazu geschaltet und bilden ein aktives Netzwerk für Spezialaufgaben, etwa für das episodische Gedächtnis, dass persönliche Erlebnisse speichert."

Die Verschaltung von gestern und morgen im Gehirn hat wohl den Sinn, die Menschheit vor Fehlern zu bewahren: Schon für unsere frühen Vorfahren war es extrem nützlich, sich schlechte Erfahrungen für die Zukunft zu merken: Wer einmal giftige Beeren gegessen hatte und das überlebte, machte beim nächsten Mal einen Bogen um den Busch, weil er sich lebhaft vorstellen konnte, wie ein zweiter Versuch ausgehen würde.

Gefühle sind schwierig zu schätzen

Allerdings unterlaufen dem Hippocampus als Zukunftsorakel häufig Fehler: Die Hirnregion neigt nämlich zur Übertreibung, erklärte der Verhaltensforscher Daniel Gilbert, ebenfalls von der Harvard Universität, auf dem AAAS-Kongress: Besonders schlecht seien Leute darin, realistisch einzuschätzen, wie sie sich in künftigen Situation fühlen würden: "Jeder glaubt, dass er nach einem Lottogewinn viel glücklicher als vorher sein wird. Befragt man aber wirkliche Gewinner, hält sich das meist sehr in Grenzen." Unterm Strich blieben die realen Befindlichkeiten meist weit hinter den Erwartungen zurück - egal ob Freude oder Ärger.

Gleichzeitig würden die Stimmungs-Prognosen durch äußere Einflüsse verzerrt, erläuterte Gilbert aufgrund eigener Studien: Er und sein Team stellten gesunden Probanden eine einfache Aufgabe: Sie sollten Kartoffelchips essen. Bevor sie zulangen durften, sollten die Teilnehmer aber erst auf einer Skale einschätzen, wie lecker und angenehm der Chipsgenuss für sie sein würde. Dabei saßen die Esser in zwei verschiedenen Räumen: In einem lockte ein Berg Schokoriegel neben ihren Chips, im anderen standen unattraktive Lebensmittel wie schäbige Sardinenbüchsen herum.

Und tatsächlich freuten sich die Esser im Sardinen-Zimmer viel mehr auf die Chips als die Tester im Schokoladen-Raum. Und beide lagen mit ihrer Einschätzung voll daneben: Denn später, im Moment des Knusperns, beschrieben beide Gruppen ihren tatsächlichen Eindruck von den Chips als ähnlich gut - nämlich als mittelmäßig lecker.

Eine Frage der Alternativen

Eigentlich hätten die Teilnehmer wissen können, was sie zu erwarten haben. "Aber anscheinend können wir unser Leben lang Chips essen - und haben trotzdem keinen blassen Schimmer, wie gut sie uns im nächsten Augenblick schmecken werden", sagte Gilbert. "Offensichtlich wird unsere Einschätzung einer Situation massiv davon verzerrt, was uns gerade an Alternativen zur Verfügung steht." Somit sei das Gehirn gerade mit einem vermeintliche Luxus unsere Zeit ständig überfordert: Der Möglichkeit, sich ständig und überall zwischen vielen Produkten und Zeitvertreiben entscheiden zu können.