Horror in der Luft Der Kampf gegen die Flugangst


Etwa jeder vierte Deutsche leidet unter Flugangst. stern-Redakteurin Alexandra Kraft will die Furcht vorm Fliegen überwinden - und bloggt auf stern.de über ihren Kampf gegen die Furcht vorm Crash.

Am Ende soll ein einfaches Gummibändchen die Rettung bringen. Die Psychologin Darina Augapfel sitzt in der Mitte des grauen Konferenzraums und sagt: "Machen Sie das um ihr Handgelenk und lassen Sie es schnippen, dass es fetzt." Sonntagnachmittag im Sheraton-Hotel am Flughafen in Frankfurt: Darina Augapfel meint es ernst. Erstes Schnalzen ist zu hören. "Autsch, das tut weh", sagt Frank und reibt sich den Arm. "Gut", lobt Augapfel. "Durch den Schmerz durchbrechen Sie Ihre Angst." "Stimmt", sagt Frank. Er ist Teilnehmer des Seminars "Entspanntes Fliegen". 800 Euro haben er und elf andere dafür bezahlt, sich jetzt selbst weh zu tun. Und sie opfern ihr Wochenende um sich erklären zu lassen, warum es eigentlich verrückt ist, Furcht vorm Fliegen zu haben.

Denn ihnen allen hockt die Angst im Nacken. Und weil mir schon beim Gedanken an Flugzeuge die Hände schwitzen, sitze ich neben Frank und lasse mein Gummiband ebenfalls schnalzen. Vor ein paar Jahren gab es für mich kaum etwas Schöneres, als aus dem Fenster eines Flugzeuges zu schauen. Stundenlang zu beobachten, wie sich das Land unten immer und immer wieder veränderte. Die grünen Wiesen und dunklen Seen Schwedens oder Norwegens. Die verschneiten und schroffen Alpengipfel. Oder ein strahlender Sonnenaufgang über den Wolken. Kitschig. Aber furchtbar schön.

"Jetzt wird es unruhig"

Seit fünf Jahren ist das leider vorbei. Damals, auf dem Rückflug von einem Wellness-Wochenende in Südtirol, geriet unsere kleine Canadair-Maschine zwischen München und Hamburg in ein Gewitter. Es wackelte, rumpelte, blitzte und zuckte. Über den Alpen rief der Pilot hektisch ins Bord-Mikrofon: "Jetzt wird es unruhig. Service sofort abbrechen." Aber da war es auch schon zu spät. Die kleine Maschine schien plötzlich im freien Fall. Sackte einige Meter ab. Gefühlt waren es hunderte. Die Stewardess flog mitsamt Servier-Wagen durch den Gang. Gepäckklappen sprangen auf und Taschen fielen heraus. Die Japanerin neben mir begann abwechselnd zu schreien und sich in die Spucktüte zu übergeben. Nach schier unendlichen drei Minuten, glitt die Maschine wieder halbwegs ruhig durch die Luft. Und wenig später erklärte der Pilot, "die Thermik" und "senkrechte Winde" seien schuld gewesen. "Kein Grund zur Sorge", sagte er auch noch. Ich hörte ihn zwar, aber es drang nicht zu mir vor. Ich hatte wichtigeres zu tun: Ich saß in meinem Sitz und fürchtete um mein Leben.

Seit diesem Tag schaue ich nur noch selten aus dem Fenster. Bestehe auf einen Platz am Gang, denn von dort kann ich die Stewardessen am besten beobachten. Hoffe, in ihren Gesichtern ablesen zu können, wenn ein Wackler des Flugzeugs Grund zur Sorge ist. Habe meist meinen MP3-Player auf höchste Lautstärke gestellt, damit ich nicht jedes Motoren-Geräusch hören kann, und dann dahinter Verdächtiges vermute. Und jedes Mal bin ich unendlich dankbar, wenn ich lebend mein Reiseziel erreiche. Dann würde ich am liebsten - wie früher Papst Johannes Paul - den Boden küssen.

"Augen zu und durch"

Die Diagnose ist einfach. Ich leide an "Aviophobie", wie es Experten nennen. Schlicht: Flugangst. Eine Angst-Neurose, die im Zeitalter der Billigflieger inzwischen jeder fünfte Deutsche hat. Sogar Supermodel Heidi Klum oder Reiseveranstalterin Nina Öger plagen sich damit herum. Tröstlich, aber geholfen ist mir damit nicht. Denn leider, und das eint mich mit Klum und Öger, gehört es zu unseren Berufen, häufig fliegen zu müssen. Bisher war meine Methode "Augen zu und durch" und vor jedem Flug die Unfallhäufigkeit der jeweiligen Airline im Internet zu checken. Der Glaube dahinter: Es wird ja nicht ausgerechnet mein Flug sein, der die Statistik versaut.

Vor ein paar Wochen musste ich nach Nürnberg. Wieder ein Canadair-Flieger. Es wackelte wieder. Ziemlich heftig, wie zumindest ich glaube. Als ich bemerkte, dass die Maschine sinkt, war ich minutenlang überzeugt, dass wir abstürzen. Und dachte schon darüber nach, ob ich nicht die Zeit noch nutze solle, um paar letzte Worte für meinen kleinen Sohn auf zu schreiben. Als dann die Durchsage kam, wir seine im Landanflug und hätten unsere Reiseflughöhe verlassen, kam ich mir schrecklich hysterisch vor. Überlegte aber dann, ob es nicht besser wäre, mit dem Zug nach Hause zu fahren.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich etwas tun muss. Aber was ist das Richtige für mich? Was bringt überhaupt etwas? Bücher? Psychotricks? Konfrontation? Seminare? Ich habe es aus probiert. Jetzt fragen Sie sicher: Hat es gewirkt? Da Sie schon genug Stress haben, so viel vorweg: mal mehr, mal weniger. Fortsetzung folgt. Bitte anschnallen. Guten Flug!

Alexandra Kraft

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