HOME

Island: Wo Wellness aus dem Boden quillt

Entspannungskurztrip in den Norden: Auf Island, der verrückten Insel aus Feuer und Eis, wollen die Bewohner bei keinem Wetter aufs Baden verzichten. Wer da war, weiß, warum.

Schweben. Ein bisschen wie im Traum. Umgeben von mollig warmem Wasser und dem Gefühl von Geborgenheit. Ungefähr so muss es im Mutterleib gewesen sein. Nur, dass es dort nicht geregnet hat.

Ich liege auf einer Schaumstoffmatte in einem Becken aus Lavagestein in milchig-blauem Thermalwasser. Kühl tröpfelt es auf mein Gesicht, und von unten steigt heißer Dampf auf, der nach Schwefel riecht. Das ist die wohl abgefahrenste Badewanne der Welt - die Blaue Lagune auf Island.

Kaum ein anderes Land dürfte sich so sehr für eine kleine Flucht aus dem Alltag anbieten, wie diese verrückte Insel aus Feuer und Eis. Wo die Erde macht, was sie will, und das auch auf die Menschen abfärbt. Wo die Energie nur so aus der Erde herausbrodelt und man damit nicht nur viele Bürgersteige Reykjaviks beheizt, sondern auch die kleine künstlich angelegte Bucht Nauthólsvik, zirka zwei Kilometer vom Stadtzentrum. Schließlich sind die Isländer an einen hohen Lebensstandard gewöhnt und wollen auf nichts verzichten. Schon gar nicht aufs Baden - egal, bei welchem Wetter. Deshalb: Neben warmen Klamotten um Himmels willen die Schwimmsachen nicht vergessen!

Man kann die Blaue Lagune auf der Halbinsel Reykjanes schon von weitem sehen, mit ein wenig Glück sogar vom Flieger aus - vorausgesetzt, der trotzige isländische Himmel zeigt sich gnädig. Aus moosbewachsenem Lavageröll quellen weiße Dampfschwaden empor. Sie kommen vor allem von dem geothermischen Kraftwerk unweit der Lagune. Die berühmte Badestelle war zunächst nichts anderes als dessen "Abfallprodukt". Hier fördert man aus 2000 Meter Tiefe etwa 240 Grad Celsius heißes Wasser nach oben, um mit dem Dampf Frischwasser zu erhitzen, Heizwärme und Strom zu produzieren. Hinterher fließt das abgekühlte Wasser aus dem Erdinnern in die Lavafelder, wo sich die warme, bläuliche Brühe sammelt.

Geothermisches Planschbecken

Irgendwann Anfang der 80er Jahre kam ein Werksarbeiter auf die Idee, darin zu baden. Und siehe da - seine Schuppenflechte wurde besser. Dann nahm alles seinen Lauf: Die Lagune wurde zum Heilbecken für Menschen mit Hautkrankheiten und schließlich zur Touristenattraktion. Heute zapft die Blaue Lagune ihr eigenes Thermalwasser, und neben dem großen geothermischen Planschbecken steht ein moderner Bau mit Umkleiden, Restaurant, Shop und Konferenzräumen. Vergangenes Jahr kamen noch zwei Dampfbäder und eine Sauna zum Spa-Bereich dazu. In einem kleinen, separaten Becken gibt es nun Wellness- und Beauty-Anwendungen, von der Kieselerde-Massage bis zur Cellulite-Behandlung.

"Du kannst viel tiefer in die Muskeln hineinmassieren", erklärt Masseur Astgeir Finnsson. "Weil sie durch das Wasser so weich werden und sich entspannen." Ich liege einfach nur da, lasse mich auf meiner Schaumstoffmatte treiben und mir den Rücken sanft durchkneten. Mit schrumpeligen Händen und Füßen verlasse ich irgendwann die Lagune. Zeit, mit glückseligem Grinsen im Gesicht über die Insel zu fahren.

Kulisse für Höllenfantasien

Wer keine Eile hat, sollte nicht den direkten Weg nach Reykjavik einschlagen, sondern nach Grindavik abbiegen und vorbei an Krisuvik am See Kleifarvatn entlangfahren. Dieser Abstecher über eine Schotterstraße bietet neben wunderbaren Ausblicken auf den mystischen See einen Stopp an den brodelnden Schlammquellen von Seltœn. Sie zischen und stinken und sind die perfekte Kulisse für Höllenfantasien. Käme der Teufel um die Ecke, würde es niemanden wundern.

So viel Natur macht den Blick milde für Reykjavik. Schön ist die eigenwillige Ansammlung von Betonbauten und bunten, mit Wellblech verkleideten Holzhäusern nicht. Aber sie wird es, nachdem man die erste aufregende Nacht mit ihr verbracht hat. Hübsch ist das Panorama vom Turm der berühmten Hallgrimskirkja aus, der Betonkirche, die im Stadtzentrum thront: die bunten Dächer der nördlichsten Hauptstadt, der See Tjörnin, die Landzunge auf der sich Reykjavik mit seinen knapp 115 000 Einwohnern erstreckt.

Danach geht's in die Skólavördustigur auf einen Kaffee ins niedliche Mokka Kaffi, wo es die erste Espressomaschine Islands gab und die Einrichtung sich seit der Eröffnung 1958 nicht verändert hat. Das dunkle Steingebäude neben der Sparkasse ist übrigens das Stadtgefängnis und ein beliebter Grund zum Spott: Schließlich sieht es dem Parlamentsgebäude ausgesprochen ähnlich. Am Ende der Straße zweigt rechts die Laugavegur ab, Reykjaviks Haupteinkaufsstraße, die tagsüber so unschuldig wirkt.

Die Stadt, die niemals schläft

Freitags und samstags nachts wird sie von Menschenströmen überschwemmt - jung, schön und oft betrunken. Dann staut es sich auf der Straße, weil die Teenies, die noch nicht in die Clubs hineinkommen, mit ihren Autos und aufgedrehter Musik den ganzen Abend lang um den Block fahren. Alle anderen schwirren auf der Straße umher, tanzend, lachend, mit gezückten Handys und immer auf dem Weg in die nächste Bar und zu neuen Drinks - auch wenn die, wie fast alles in Island, sehr teuer sind. Richtig dunkel wird es nicht in diesen Sommernächten, und deshalb - Wellness hin oder her - fällt es auch verdammt schwer, schlafen zu gehen.

Lieber lässt man sich mitreißen. Die Tour durchs Nachtleben führt in die Kultkneipe Kaffibarinn, die Regisseur Baltasar Kormakur gehört, ins Sirkus, wo an der Bar eine Karte aus Kopenhagens Hippie-Viertel Christiania hängt, ins Vegamot oder in die Thorvaldsen Bar. "Im Juni und Juli ist unsere Energie auf dem Höchststand", sagt eine junge Isländerin. "Im Winter arbeiten wir sehr hart und viel. In den Sommermonaten machen wir mehr, was uns gefällt." An einer Straßenecke stehen ein paar Jungs und singen "I wanna wake up in a city that never sleeps".

Die Party in Reykjavik ist selten vor sechs zu Ende, und später am Tag wartet garantiert irgendwo ein Heißer Pott, eines dieser runden Becken mit 37 bis 42 Grad heißem Wasser - des Isländers liebstes Mittel, um den Kater zu vertreiben.

Schwimmen ist Volkssport auf Island. Selbst in den kleinsten Orten findet sich ein Schwimmbad mit Heißen Pötten, 66 Bäder gibt es auf der Insel, bei 290.000 Einwohnern. Im Heißen Pott trifft der Parlamentsabgeordnete auf die Supermarktverkäuferin, hier werden Wetter, Politik und Gerüchte diskutiert und gleichzeitig die Körper fit gehalten. Und kaum zeigen sich ein paar Sonnenstrahlen, sind auch die Liegestühle belegt.

Reykjavik-Beach

Bei gutem Wetter tummeln sich die Reykjaviker sogar an ihrem eigenen Strand, dem Ylströndin, der rund um die künstliche Bucht Nauthólsvik hinterm Stadtflughafen aufgeschüttet ist. Das Meerwasser ist eigentlich zum Baden viel zu kalt, wird aber auf 18 bis 20 Grad erhitzt, der Heiße Pott mittendrin sogar auf 30 bis 35 Grad.

Für alle, die nach der langen Nacht wieder fit sind, bietet sich der Golden Circle an, der Klassiker unter den Tagestouren. Er führt zum Nationalpark Thingvellir, wo einst das erste Parlament Islands tagte und wo die amerikanische und die europäische Erdplatte so weit auseinander driften, dass sich die Erde spaltet, zum Geysir und dem Wasserfall Gullfoss.

Wie ein doppelter Espresso

Wer vom Baden noch nicht genug hat, sollte auf dem Weg zum Geysir einen Stopp am Laugarvatn einlegen. Dort liegt das Gufubadid, eine urige natürliche Dampfsauna. Direkt unter dem gelben, etwas in die Jahre gekommenen Wellblechhaus befindet sich eine natürliche heiße Quelle, die zwei Dampfbäder erhitzt. Eine Herausforderung nicht nur für die Poren, sondern auch für die Nase - die schwefelige Luft riecht leicht nach verfaulten Eiern. Nach dem Bad im kühlen See sind die Lebensgeister wieder wach. Die Isländer verstehen eben etwas vom Wasser. Oder wie Benedikt aus dem Schwimmbad in Reykjavik sagte: "Erst ins Dampfbad, dann in den Heißen Pott - das ist wie doppelter Espresso."

Andrea Walter / print
Themen in diesem Artikel