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Kopfwelten: Vergripptes Vertrauen

Ein neues Influenzavirus verbreitet sich weltweit, schürt Ängste und weckt Fragen über die Wirksamkeit von Medikamenten oder den Sinn von Schutzimpfungen. Antworten gibt es viele. Doch welchen kann man noch Glauben schenken?

Von Frank Ochmann

Da haben wir also die erste offizielle Grippepandemie dieses Jahrhunderts. Seit dem Frühjahr verbreitet sich das neue Influenza-Virus vom Typ H1N1 über alle Kontinente. Und in den Medien garnieren schon mal Gruselrückblicke auf den Seuchenzug der "Spanischen Grippe" 1918/19 mit vielen Millionen Toten die Berichte über rasant steigende Fallzahlen heute. Aber hat das eine wirklich etwas mit dem anderen zu tun? Bis jetzt jedenfalls sieht das Leben auf den Straßen, bei der Arbeit und zuhause ziemlich genau so aus wie vor Beginn der Pandemie. Oder steht uns das Schlimmste erst noch bevor?

Fast jeder zweite Deutsche hält die Schweinegrippe für eine ernst zu nehmende Gefahr, sagen neuere Umfragen. Besonders Eltern sorgen sich um ihre Kinder, die in diesen Wochen nach und nach aus den Ferien in die Schulen zurückkehren und sich dort mit viralen Souvenirs aus dem Urlaub der anderen anstecken könnten.

Trotz solcher Befürchtungen kommt es allerdings nicht zu Panik. Denn zwei von drei Deutschen sind davon überzeugt, dass die Berichterstattung in den Medien die tatsächliche Gefahr maßlos übertreibt. Wird also alles nur aufgebauscht, um Auflage zu machen und die "Klickzahlen" im Internet zu steigern? So, wie im Fernsehen auf jeden schwereren Wolkenbruch zwischen Süderlügum und Sonthofen inzwischen ein "Extra" oder "Special" folgt, weil das vielleicht noch ein paar Marktanteile im Nachkommabereich zusammenfegt?

Eine gewisse Dauerbesorgnis ist ein Überlebensvorteil

"Only bad news are good news", lautet der altbekannte Merkspruch fürs trommelnde Gewerbe. Tatsächlich schenken Menschen schlechten Nachrichten ganz automatisch mehr Aufmerksamkeit als erfreulichen, wie psychologische Experimente zeigen. Eine gewisse Dauerbesorgnis von Natur aus ist ein echter Überlebensvorteil. Darum reagieren wir auf jedes Alarmzeichen - auch auf blutrot blinkende "breaking news" -, ohne nachdenken zu müssen und ohne nachdenken zu können. Unsere volle Aufmerksamkeit wird unbewusst und unvermeidlich auf das gelenkt, was uns schaden könnte. Die Kehrseite dieser natürlichen Wachsamkeit: Paranoia - die übertriebene oder gar völlig unbegründete Furcht, etwas Schlimmes könnte einem passieren, etwas, das andere absichtlich herbeiführen.

Bereits aus dieser allgemeinen Definition des britischen Paranoia-Spezialisten Daniel Freeman vom Londoner King's College wird schnell klar, dass die Zutaten einer plötzlich ausbrechenden Pandemie reiche Nahrung für solche tiefgreifenden Ängste sind. Und das nicht nur bei denen, die in professionelle Hände gehören. Die Übergänge sind fließend und Gefühle so ansteckend wie ein Grippevirus. Medienleute wissen das. Ein übertriebenes Detail über den womöglich tödlichen Erreger hier, eine vage Vermutung über dubiose Machenschaften da und schon gruselt es Millionen bei jedem Atemzug. Unvermeidlich und wenigstens für ein paar Stunden oder gar Tage.

Nicht nur die Medien stehen allerdings im Verdacht, die Realität dem eigenen Nutzen anzupassen. Auch bei Politikern gilt das gewissermaßen als Berufskrankheit. Und so wundert sich auch kaum jemand, dass es in Sachen Grippe zwischen Bund und Ländern und Gesundheitsämtern und Krankenkassen vor allem darum zu gehen scheint, die Verhältnisse jeweils so darzustellen, dass die jeweils anderen möglichst viel Verantwortung und Kosten bei der Bekämpfung der Grippe aufgebürdet bekommen.

Inzwischen mehren sich sogar Zweifel an der Weltgesundheitsorsganisation (WHO), die Mitte Juni den offiziellen Pandemiestatus festgestellt hatte. Wie die von der WHO denn überhaupt dazu kommen, so viel Wind zu machen, fragen zum Beispiel empörte Feuilletonisten und wechseln sofort ins Grundsätzliche: Stecke dahinter nicht der angeborene Größenwahn des Menschen oder - umgekehrt funktioniert es auch - der Versuch, die quälende Demütigung der eigenen Art durch etwas so Winziges wie ein Virus zu überspielen? Große Oper!

Schon kleine Kinder glauben nicht alles

Und dann die Verschwörungstheorien: Bietet die WHO mit dem Ausrufen der Pandemie den Pharmakonzernen womöglich einen "kostenlosen Großversuch an der Bevölkerung"? Oder vielleicht ist die "Schweinegrippe" überhaupt nur Kern einer Marketingkampagne und gar keine echte Seuche! Was könnte geldgierigen Pillendrehern und Spritzenaufziehern - gerade in einer weltweiten Wirtschaftskrise - Besseres passieren, als dass ein neues Virus wie aus dem Nichts auftaucht? Worauf Berge von Medikamenten gehortet und Impfungen gleich völkerweise vorbereitet werden.

Als ein Durcheinander derartiger Sorgen und Verdächtigungen stellt sich die Gefühlslage vieler Menschen hierzulande dar, während die Zahl bestätigter Fälle der neuen Influenza die Zehntausendermarke knackt. Das klingt durchaus bedrohlich. Doch sind es etliche Millionen, die sich bei jeder normalen winterlichen Grippe (nicht simplen Erkältungen!) anstecken. Das kann natürlich auch bei der neuen Influenza kommen. Doch verläuft sie derzeit in fast allen Fällen so mild, dass sich Panik im Volke einfach nicht breit machen will.

Übrigens glauben schon kleine Kinder nicht treudoof alles, was ihnen als Information angeboten wird. Auch wenn sie nicht gleich eine Absicht der Täuschung bei ihrem Gegenüber vermuten, so gehen sie doch ganz automatisch von der Möglichkeit eines Irrtums auf der anderen Seite aus. Mit vier Jahren spätestens ist das so. Vielleicht ist ja auch das ein Teil unserer natürlichen Wachsamkeit: Misstrauen. Und das scheint derzeit weiter verbreitet zu sein als das neue Grippevirus. Beispiel Impfung: Während die einen noch grübeln, ob der Schutz aus der Spritze überhaupt für alle reichen wird, beschwören andere bereits die Gefahr schwerster Nebenwirkungen, auch wenn die allenfalls bei einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr eins zu einer Million liegt. Nun stehen diesmal aber Schwangere auf der Impfwunschliste der WHO weit oben, da es für sie erste, wenn auch schwache Anzeichen für eine besondere Gefährdung durch das neue H1N1-Virus gibt. Doch zu welchem Preis erkaufen sie sich womöglich den Schutz?

Das Maß des Misstrauens erschreckt

Aufgabe von Wissenschaftlern wäre es in einem solchen Fall, durch verständliche Fakten und vertrauenswürdige Zahlen in die vollkommen legitime öffentliche Debatte einzutreten und Klarheit zu schaffen, wo es nur möglich ist. Doch dann äußert sich einer wie Professor Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg, Mitglied der "Schutzkommission beim Bundesministerium des Innern", in den Medien. Erst erklärt er, alle Impfängste werdender Mütter seien unbegründet. Mit dem nächsten Atemzug aber fügt er an, na gut, er würde sich an ihrer Stelle nicht gleich in die erste Reihe stellen, sondern ein, zwei Wochen abwarten. Wenn bis dahin alles gut gegangen wäre …

Sind damit bei den anstehenden Impfungen zwar nicht die in der zweiten und dritten, aber sehr wohl die in der ersten Reihe die Versuchskaninchen? Muss eine solche Einschränkung nicht heißen, die Gefahr ist eigentlich doch höher, als sie der Herr Professor zugeben möchte? Was stimmt denn nun?

Ohne den medizinischen Ernst einer Pandemie leugnen oder auch nur kleinreden zu wollen, erschreckt bei der "Schweinegrippe" vor allem das Maß des Misstrauens, das sie offenbart. Gegenüber Politikern, gegebenüber Wissenschaftlern, gegenüber den Medien. Wer soll eigentlich noch glaubwürdig Informationen unters Volk bringen, wenn es demnächst einmal richtig rummst, und es sich nicht nur um einen Schuss vor den Bug handelt? Horst Schlämmer vielleicht, der beliebteste Deutsche? Weisse Bescheid?!

Literatur:

Burris. C. T. & Rempel, J. K. 2004: "It's the End of the World as We Know It": Threat and the Spatial-Symbolic Self, Journal of Personality and Social Psychology 86, 19-42
Caron, A. J. 2009: Comprehension of the representational mind in infancy, Developmental Review 29, 69-95
Freeman, D. & Freeman, J. 2008: Paranoia - The Twenty-first century fear, Oxford: Oxford University Press
Jamieson, D. J. et al. 2009: H1N1 2009 influenza virus infection during pregnancy in the USA, Lancet 374, 451-458
Morens, D. M. & Taubenberger, J. K. 2009: Understanding Influenza Backward, JAMA 302, 679-680
Paul-Ehrlich-Institut 2009: Statement zu Impfstoffen gegen die pandemische H1N1-Influenza (Schweinegrippe) vom 6.8., online unter: http://www.pei.de/cln_109/nn_1509734/DE/infos/presse/presse-briefing-statement.html

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