HOME

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Kopfwelten: Warum Katastrophengeschrei keiner glaubt

Ob Grippe-Pandemie oder Klimakollaps - an Katastrophenwarnungen fehlt es nicht. Doch kaum jemanden bringen sie aus der Ruhe. Selbst dann nicht, wenn es womöglich angebracht wäre.

Von Frank Ochmann

Viele werden so eine Situation kennen: Sie laufen durch die Stadt und ein Tourist, mit dem sie keine gemeinsame Sprache finden, fragt sie mit Händen und Füßen nach dem Weg. Sie glauben einigermaßen verstanden zu haben, wo er hin will, und fangen an, in einfachen Worten den Weg dorthin zu beschreiben. Natürlich versteht der verloren gegangene Tourist rein gar nichts von dem, was sie sagen, und starrt Sie hilflos an. Also versuchen Sie es noch einmal. Diesmal allerdings lauter als zuvor. Und vielleicht wiederholt sich das, bis sich andere Passanten fragen, warum Sie den armen Menschen vor sich eigentlich so anschreien.

Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass wir alle dieselbe Sprache sprechen. Und wenn uns trotzdem einer nicht versteht, dann kann es doch nur daran liegen, dass er zu dumm ist oder wir zu leise waren, nicht wahr?

Die Botschaft wird immer lauter verkündet

Diesem verbreiteten kognitiven Fehler in unseren Köpfen scheinen im übertragenen Sinne auch viele von denen zu erliegen, die es mit einer Botschaft auf uns abgesehen haben, von der ihrer Meinung nach nicht weniger als das Wohl oder Wehe der Menschheit oder zumindest größerer Teile abhängt. Ärzte zum Beispiel, die Gefahren durch Viren, Fettleibigkeit oder Bewegungsarmut mit immer drastischeren Drohungen schildern, um ihre für sie unbegreiflich sorglosen Patienten wach zu rütteln. Bei der Schweinegrippe erleben wir es gerade wieder. Im Fernsehen können die überfüllten Hospitäler mit röchelnden Menschen aus der Zeit der Spanischen Grippe im Ersten Weltkrieg noch so oft gezeigt werden, sie scheinen nicht einmal medizinisches Personal davon zu überzeugen, dass eine Impfung heute sinnvoll ist. Und entsprechend wirkungslos verhallen die Rufe auch beim Rest der Bevölkerung. Und je lauter einer seine rettende Botschaft ruft, desto mehr wenden sich von ihm ab.

Eine ähnlich frustrierende Erfahrung machen derzeit Umwelt- und Klimaschützer. Von Klimakonferenz zu Klimakonferenz breiten Sie Ihre Untergangs-Szenarien aus, legen bei der prophezeiten Erwärmung noch ein paar vermutete Grad und beim befürchteten Meeresanstieg ein paar geschätzte Meter drauf, aber kaum einen schockt das so richtig. Die Umfragezahlen sprechen für sich.

So folgt, immer lauter und immer dramatischer, Appell auf Appell, bis ein Wissenschaftszweig wie die Klimaforschung schließlich schon mal den Eindruck erwecken kann, es ginge mehr um eine religiöse Erlösungsbotschaft als um die Frage, wie wir mit Abgasen und Energieressourcen vernünftigerweise umgehen sollten. Doch vielen reicht das nicht. Und wenn auch vielleicht nicht gleich die ganze Welt untergeht, dann könnten es doch immerhin ein paar Inseln in der Südsee oder im Indischen Ozean sein.

Im Kino gibt's ein Happy End

Wer in diesen Tagen ins Kino geht und sich Roland Emmerichs Katastrophenepos "2012" ansieht, kann spätestens beim zweiten Nachdenken begreifen, warum es die allermeisten auf dieser Erde wieder nicht berühren wird, wenn die anstehende Kopenhagener Weltklimakonferenz wie alle andern vor ihr scheitert und außer warmen Worten nichts zu Stande kommt, das zu einer erheblichen Reduktion der Treibhausgase führen könnte.

Emmerich lässt in seinem Kinofilm kein technisches Mittel des Computerzeitalters aus, um archaische Schreckensbilder zu erzeugen, wie sie in dieser Fülle und Brillanz bislang wohl kaum zu sehen waren. Da ruckelt nicht nur der Sankt-Andreas-Graben in Kalifornien, bis einem der Mund offen steht. Supervulkane brechen mit der Gewalt tausender Atombomben aus, und erinnern auch optisch an dieses bis heute präsente, aber doch schon ein bisschen vergessene Vernichtungspotenzial in Bunkern und Waffenkammern weltweit. Was auf der Leinwand geboten wird, ist nicht weniger als der Weltuntergang - wenn man das abzieht, was zu denken menschlicher Geist und Optimismus nicht erlaubt.

Natürlich hat Emmerichs Film ein Happy End. Die Welt ist zwar buchstäblich einmal umgekrempelt worden. Wo Berge waren, wogen Ozeane. Wo sich Ebenen erstrecken, ragen Gebirge in den Himmel. Milliarden von Menschen sind auf schreckliche Weise zu Tode gekommen. Doch auf die Apokalypse folgt ein neuer hoffnungsvoller Anfang. Und es sind genau diese Momente, die uns die Stunden davor erträglich machen. Ja, wir suchen sogar den Thrill, wir suchen Angst und Bedrohung, nur um hinterher sagen und mit stolzgeblähtem Ego fühlen zu können: Sind wir aus diesem Schlamassel nicht wieder wunderbar herausgekommen?

Die Katastrophe übersteigt unsere Vorstellungskraft

Eine totale Katastrophe, ein Ende, das wirklich ein Ende ist, können wir uns so wenig vorstellen wie den eigenen Tod. Natürlich wissen wir theoretisch, dass es ihn gibt, und wir erleben ihn bei anderen. Aber richten wir unser Leben deshalb so ein, als würden wir bald sterben? Wenn Psychologen genau hinsehen, können sie in unserem Verhalten durchaus entdecken, dass es uns nicht kalt lässt, einmal nicht mehr zu sein. Doch bis in unser Bewusstsein dringt davon so gut wie nichts. Und deshalb ist die Sprache derer, die Katastrophen ankündigen, und all jener, die etwas tun sollen, um sie zu verhindern, schlichtweg nicht dieselbe. Und je lauter drohendes oder vermutetes Unheil verkündet wird, desto weniger Eindruck hinterlässt es am Ende.

Bleibt uns also nur, den Kopf in den Sand zu stecken und zu resignieren? Das wird schon deshalb nicht geschehen, weil es immer eine ganze Reihe unter uns geben wird - auch das ist psychologisch kein Rätsel -, die aus verschiedenen Gründen in die Rolle des Mahners in der Wüste schlüpfen. Und sei es nur, um sich selbst die eigene moralische Überlegenheit gegenüber der für sie so dumpfen, vor sich hin trottenden Masse zu beweisen. Deren in Hunderttausenden von Jahren erprobten Optimismus aber werden sie nicht erschüttern können. Selbst dann nicht, wenn kein vernünftiges Argument ihn mehr rechtfertigen könnte.

Literatur:

Andrade, E. B. & Cohen, J. B. 2007: On the Consumption of Negative Feelings. Journal of Consumer Research 34, 283-300
Coates, J. F. 2009: Risks and threats to civilization, humankind, and the earth. Futures 41, 694-705
Krieger, M. H. 1987: The Possibility of Doom. Technology in Society 9, 181-190 Lench, H. C. 2009: Automatic Optimism: The Affective Basis of Judgments About the Likelihood of Future Events. Journal of Experimental Psychology 138, 187-200
McElwee, R. O. & Brittain, L. 2009: Optimism for the World's Future versus the Personal Future: Application to Environmental Attitudes. Current Psychology 28, 133-145
Tamir, M. 2009: What Do People Want to Feel and Why? Pleasure and Utility in Emotion Regulation. Current Directions in Psychological Science 18, 101-105