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Nach dem Loveparade-Drama: Wie verhalte ich mich im Notfall richtig?

Oktoberfest, Rockkonzert, Fußballspiel - wer Massenveranstaltungen besucht, hat nach dem Loveparade-Drama in Duisburg ein mulmiges Gefühl. Ein Katastrophenforscher erklärt, was Teilnehmer im Vorfeld beachten sollten und gibt Tipps, wie man sich im Notfall am besten verhält.

Herr Voss, viele Menschen gehen nach dieser Katastrophe sicherlich mit einem schlechten Gefühl auf Massenveranstaltungen. Was raten Sie ihnen?
Das schlechte Gefühl sollte man besser zu Hause lassen. Eine übertriebene Wachsamkeit oder Sorge hilft nicht und verunsichert eher. Sie sollten sich also auf solchen Veranstaltungen besser so verhalten wie immer - ganz normal und gelassen.

Nach den Bildern von Duisburg dürfte das schwer fallen.
Ja, das ist nur verständlich. Aber nicht jede Großveranstaltung ist gefährlich, eine grundlegende Angst als Begleiter ist nicht ratsam. Denn diese sorgt für Unsicherheit und erhöht damit sogar das Risiko, im Fall einer Panik zum Opfer zu werden. Sinnvoll ist es allerdings, sich im Vorfeld schon über die Veranstaltung zu informieren.

Woran kann ich denn erkennen, ob eine Veranstaltung gut organisiert ist?
Ein guter Veranstalter klärt im Umfeld auf. Sie werden vielleicht schon bei der Anreise mit Flyern versorgt, die über das Areal informieren. Was gibt es für Eingangs- und Ausgangsmöglichkeiten? Wo sind Fluchtwege? Bei einem feiernden Publikum wie dem der Loveparade wird sich allerdings kaum jemand hinsetzen und diese Flyer ausführlich studieren. Daher müssen auch Schilder und Tafeln auf dem Weg wichtige Informationen enthalten. An solchen Dingen können Sie erkennen, ob sich ein Veranstalter grundlegende Gedanken gemacht hat. Gibt es zum Beispiel nur einen Ein- und Ausgang, sollten Sie skeptisch werden. Achten Sie auch darauf, ob Wege breit angelegt sind. Informieren Sie sich, ob Menschenströme nur kanalisiert und zusammengehalten werden, wie es wohl fatalerweise in Duisburg geschehen ist, oder ob es ein Führungssystem gibt, bei dem man jederzeit seitlich ausweichen kann. Das ist ein Muss, gibt es diese Freiräume nicht, ist das Areal falsch gewählt.

Auf was sollte ich achten, wenn ich bereits auf dem Gelände bin?
Grundsätzlich sollten Sie Ihrem Bauchgefühl folgen. Sie spüren, ob Sie sich in einer Situation wohlfühlen oder nicht. Viele tendieren dann zwar dazu, sich über ihren Instinkt hinwegzusetzen und davon auszugehen, dass schon für die Sicherheit gesorgt wurde. Bei einem Blick auf die Fotos des Tunnels in Duisburg ahnt allerdings jeder schnell, dass das nicht gut gehen konnte. Dort haben sich die Menschen in einen dunklen, lauten, engen und überfüllten Tunnel gedrängt. Die meisten dürften da schon ein mulmiges Gefühl gespürt haben. Allerdings setzt bei vielen in diesem Rauschzustand der Verstand aus. Ihn wieder einzuschalten wäre die höchste Stufe der Vorsicht. Denn der Königsweg ist es natürlich, eine gefährliche Situation im Vorfeld richtig einzuschätzen und sich dann am besten erst gar nicht hinein zu begeben.

Kann ich als Einzelner etwas machen, wenn um mich herum Panik ausbricht?
Wenn Sie mitten im Geschehen sind, wie die Menschen in dem Tunnel in Duisburg, können Sie kaum mehr etwas machen. Dann können Sie nicht mehr handeln. Solange sie allerdings etwas Freiraum haben, sollten Sie den Blick auf sich selbst richten, um so Ruhe und Konzentrationsfähigkeit zu bewahren. Versuchen Sie dann am besten, die Situation zu betrachten und zu verstehen. Wo befinde ich mich? Was passiert um mich herum? Wie weit entfernt bin ich von Ausgängen? Orientieren Sie sich und bewahren Sie möglichst Ruhe und Verstand, was sicherlich in einer panischen Situation nicht einfach ist. Denn die körperlichen Prozesse entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Verstandes.

Was passiert in diesem Fall im Körper?
Bei manchen Menschen wird das Bewusstsein ausgeschaltet oder zumindest stark eingeschränkt, was dazu führt, dass diese Personen nur noch selektiv wahrnehmen, was geschieht. Bei anderen wiederum erweitert sich das Bewusstsein, fast wie unter Drogen. Es gibt Berichte von Menschen, die unter extremem Stress auf einmal Details wahrnehmen, die sie sonst mit bloßem Auge nie gesehen hätten. Wie jemand reagiert, ist aber nicht vorherzusagen.

Welche Reaktionen sind fatal?
Auf keinen Fall sollten Sie noch zusätzlich anfangen, Ihre Nachbarn zu schieben und zu drücken. Denn je mehr Sie diese Aggressionen noch steigern, desto geringer wird die Chance für alle, aus diesem System gesund und lebend herauszukommen. Wenn Sie ohnehin keine Chance haben zu entkommen, sollten Sie besser mit der Menge schwimmen und Ihre Kräfte schonen, statt sich gegen den Strom zu stemmen. Extrem wichtig ist es, dass Sie auf den Beinen bleiben. Passen Sie auf, dass Sie nicht stürzen. Legen Sie sich auch nicht hin, wenn Ihnen schlecht ist. Denn sobald Sie einmal unten sind, kommen sie nicht mehr hoch.

Sind kleinere Veranstaltung mit 50.000 bis 100.000 Teilnehmern generell ungefährlicher als derart riesige Veranstaltungen wie die Loveparade?
Das Gefahrenpotenzial steigt natürlich mit mehr Menschen. Ganz so pauschal kann man das allerdings auch nicht sagen. Tragische Unfälle passieren auf kleinen und großen Veranstaltungen. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Lea Wolz
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