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Sucht-Serie Teil 6: Methodencheck: Das Leben wieder in den Griff bekommen

Es gibt bislang keine evidenzbasierten Therapien für Menschen, die die Kontrolle über ihr Kauf- oder Arbeitsverhalten oder über ihre Sexualität verloren haben. Das heißt: Die Studienlage reicht nicht aus, um sicher zu sagen, welche Behandlungsmethoden helfen. Die Betroffenen können sich nur an ersten Hinweisen der Wissenschaft und an den praktischen Erfahrungen von Therapeuten orientieren.

Von Silke Pfersdorf und Arnd Schweitzer

Nach Beratung mit einem Mediziner oder Psychologen muss jeder selbst ausprobieren, was ihn weiterbringt. Hier ein Überblick über angebotene Verfahren:

"Kaufsucht"

Psychotherapien:

Es liegen Hinweise vor, dass eine kognitive Verhaltenstherapie in Gruppen sinnvoll ist. Darin lernen Betroffene, sich selbst zu beobachten und ihr Verhalten gemeinsam mit dem Psychotherapeuten zu analysieren. Anschließend üben sie, sich selbst zu kontrollieren und Schlüsselreizen für das Kaufen zu widerstehen.

Selbsthilfe:

Ob Selbsthilfegruppen oder Ratgeber-Literatur bei Kaufsucht helfen, ist wissenschaftlich noch nicht untersucht. Viele Therapeuten raten jedoch, den Kontakt zu Leidensgenossen zu suchen. Einige Bücher empfehlen auch Sofortmaßnahmen, die aber möglicherweise nur kurzfristig wirken.

Medikamente:

Es ist nicht klar, ob Tabletten gegen Kaufsucht helfen. Kontrollierte Studien zeigen, dass das Antidepressivum Fluvoxamin nicht besser wirkt als ein Scheinmedikament (Placebo). Studien schlechterer Qualität deuten an, dass bestimmte Antidepressiva oder ein sogenannter Opiat-Antagonist die Symptome verringern könnten. Opiat-Antagonisten sind Medikamente, die im Gehirn die Wirkung von Opiaten aufheben. Sie werden zum Beispiel in der Entwöhnung von Heroinsüchtigen eingesetzt.

"Sexsucht"

Psychotherapien:

Möglicherweise helfen kognitive Verhaltenstherapien und psychodynamische Therapien wie Psychoanalyse oder tiefenpsychologische Verfahren. Auch Gruppen- oder Paartherapien sind eventuell sinnvoll.

Selbsthilfe:

Es gibt keine soliden Daten über ihren Nutzen, womöglich nützen sie dem ein oder anderen trotzdem. Manche Selbsthilfegruppen zielen auf totale Enthaltsamkeit ab - was viele Experten kritisch sehen.

Medikamente:

Amerikanische Ärzte empfehlen ihren Kollegen, auf andere psychische Krankheiten und die stärksten Symptome ihrer Patienten zu achten und dann das passende Medikament zu verschreiben. Für Menschen mit Depressionen oder Angstsymptomen kommen dann am ehesten Antidepressiva infrage, bei Substanz- Abhängigkeit (Alkohol, harte Drogen) möglicherweise Opiat-Antagonisten. Wer neben der Sexsucht noch unter einer manisch-depressiven Störung (bipolare Störung) leidet, profitiert eventuell von Lithium oder bestimmten Mitteln gegen Epilepsie.

"Arbeitssucht"

Da Arbeitssucht nicht klar definiert ist, raten Experten ihren Kollegen, eine Psychotherapie an den individuellen Problemen des Betroffenen auszurichten. Das Ziel: negative Gefühle zu bearbeiten und einen ausgeglichenen Lebensstil zu erreichen. Eingesetzt werden auch Analysen des Arbeitsverhaltens, Schulungen zur besseren Arbeitseinteilung und Familientherapien.

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