HOME

Umfrage zum deutschen Bildungssystem: Steuern rauf für die Bildung!

Die Deutschen geben ihrem Bildungssystem miese Noten. Viele wären jedoch bereit, für bessere Kindergärten, Unis und Schulen mehr zu zahlen, hat eine große Umfrage ergeben.

Von Lea Wolz

Bildungsforscher, Lehrer, Eltern und Schüler: Über das deutsche Bildungssystem klagen viele, nicht erst seit gestern. Eine Reform jagt die nächste, doch wirklich verbessert hat sich nur wenig. Zwar hat sich Deutschland seit dem Pisa-Schock vor über zehn Jahren zumindest ins Mittelfeld der OECD-Staaten vorgearbeitet, doch die Nase vorn hat die Bundesrepublik noch lange nicht. Ein weiteres Problem: Wie erfolgreich jemand in Schule, Uni und Ausbildung ist, hängt noch immer stark von der Herkunft und dem sozialen Status ab. Was also tun gegen den Bildungsnotstand in der Bildungsrepublik?

Nun kommen in einer Umfrage jene zu Wort, die der Schlammassel betrifft: Gemeinsam mit der "Bild"-Zeitung und der türkischen Zeitung "Hürriyet" haben die Bertelsmann-Stiftung und die Unternehmensberatung Roland Berger die Deutschen befragt, wie für sie gute Bildung in Kindergarten, Schule und Uni aussieht.

Eine gute Vier als Note

An der Studie "Zukunft durch Bildung - Deutschland will's wissen" haben fast eine halbe Million Deutsche teilgenommen, allerdings füllten nur 130.000 von ihnen den Fragebogen komplett aus. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, gibt aber trotzdem interessante Einblicke in die Stimmung der Deutschen bezüglich des Bildungssystems. Dabei zeigt sich: Die Bürger sind unzufrieden und stellen der Bildungsrepublik Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus: Im Schnitt bewerteten sie das Bildungssystem mit der Note 3,7.

Die Überraschung, vor allem für die Steuersenkungspartei FDP: Für ein besseres Bildungssystem würden die Deutschen sogar mehr zahlen. 73 Prozent gaben an, für bessere Schulen, Unis und Kindergärten mehr und höhere Steuern zu akzeptieren. Zum Vergleich: Beim Umweltschutz oder im Gesundheitswesen würden sich nur etwas über 40 Prozent engagieren. Doch was kritisieren die Bundesbürger im Einzelnen?

Vor allem in der Schule läuft aus ihrer Sicht viel falsch:

  • In der Kritik stehen die unterschiedlichen Bildungssysteme in den Bundesländern. Neun von zehn Befragten wünschen sich einheitliche Lehrpläne und Abschlussprüfungen in allen 16 Bundesländern.
  • Fast jeder zweite Befragte plädiert für einen Schulübertritt nach dem sechsten Schuljahr, etwa ein Viertel wünscht sich eine Gemeinschaftsschule bis zur 9. oder 10. Klasse. Einen Wechsel nach der vierten Klasse befürworten nur 32 Prozent.
  • Der Hauptschule trauen die Befragten nicht viel zu. 74 Prozent glauben, dass ein Hauptschulabschluss nicht mehr ausreicht, um gut auf das Berufsleben vorbereitet zu sein.
  • Ganztagsunterricht wünscht sich ein Großteil der Befragten, entweder in der Form, dass in der Schule ein freiwilliges Nachmittagsprogramm (38 Prozent) oder ein Pflichtprogramm (43 Prozent) angeboten wird. Nur 19 Prozent sind mit der klassischen Halbtagsschule bis 13 Uhr zufrieden.
  • Politikern trauen die Bürger den großen Wurf nicht zu: Der Wille der Politiker zu grundlegenden Reformen im Bildungssystem sei "gering" oder "sehr gering", glauben 80 Prozent der Befragten. Lehrern trauen immerhin 57 Prozent zu, dass sie etwas bewegen können.

Doch bei der Umfrage ging es auch darum, was ein gutes Bildungssystem aus Sicht der Befragten auszeichnet. Welche Reformen sind sinnvoll? Wie kann Bildung besser und gerechter werden? Immerhin: Die Deutschen sind der Umfrage zufolge zu einem großen Teil für umfassende Reformen bereit. Zudem betrachten knapp zwei Drittel der Befragten eine gute Bildung und Ausbildung als "außerordentlich wichtig".

Die Erwartungen der Befragten:

  • Knapp die Hälfte der Befragten hält es für die zentrale Aufgabe des Bildungssystems, dass sozial Benachteiligte in unserer Gesellschaft aufsteigen können.
  • Fast ein Drittel der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund wünscht sich, dass Einwandererkinder besser gefördert werden.
  • Eine große Mehrheit ist für einen verbindlichen Kita-Besuch. 41 Prozent wünschen sich eine Kita-Pflicht für Kinder ab drei Jahren.
  • 70 Prozent hätten gerne eine Ausbildungsplatzgarantie für alle jungen Menschen.
  • Bildung soll kostenlos bleiben: 87 Prozent fordern das bei Schulen, für kostenlose Kindertagesstätten und Kindergärten stimmten 67 Prozent. Eine knappe Mehrheit (52 Prozent) findet Studiengebühren gut. Die Zahlungsbereitschaft drückt sich also eher über Steuern aus.
  • Keine Verteilung der Gelder "mit der Gießkanne" - dafür sprechen sich etwas mehr als die Hälfte der Befragten aus. Sie würden Schulen in schwierigen Milieus und Problemstadtteilen bevorzugt besser ausstatten.