Zwangserkrankungen Leben ohne Ruhe


Sie kontrollieren ständig Türschlösser und Herdplatten, duschen oder putzen Stundenlang, können nichts wegwerfen. Menschen mit zwangserkrankungen verschweigen ihre Qualen meist über Jahre - dabei gibt es hilfreiche Therapien.

Seine Lehre als Automechaniker ist vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt. Jede Schraube, mit der Antonius Mers hantiert, löst bei ihm Zweifel aus. Sitzt die jetzt wirklich richtig fest? Lieber noch mal nachziehen. Hat die Schraube nicht doch noch gewackelt? Der Lehrling stellt sich quälende Fragen: "Was ist, wenn etwas mit dem Auto passiert? Und ich dann schuld bin?" Bis zu 15-mal zieht er jede Schraube nach. Oft macht es "knacks", das Gewinde geht kaputt, und er muss von vorn anfangen.

Stundenlang müht sich Mers mit Problemen ab, die für seine Kollegen Kleinigkeiten wären. Er will alles richtig machen, ist sich seiner aber nie sicher. Er kontrolliert jeden Handgriff und verlässt abends als Letzter die Werkstatt. Äußerlich wirkt er besonders akribisch und zuverlässig, innerlich geht es ihm miserabel. Weil er nicht aufhören kann. Eigentlich weiß er, dass er alles richtig gemacht hat. Aber wenn nun doch nicht? Mers wird immer wieder krank, bekommt Magenschmerzen und Durchfall - und bricht irgendwann die Lehre ab.

Sie müssen ständig waschen, putzen, zählen, kontrollieren

Das Thema absolute Kontrolle lässt Antonius Mers dennoch nicht los. Wenn bei einer Autofahrt sein Wagen ruckelt, wegen eines Schlaglochs etwa, bekommt er Angst. Hat er jemanden angefahren? Im Rückspiegel sieht Mers nichts, aber die Unsicherheit bleibt. "Auf der Autobahn nahm ich die nächste Abfahrt, fuhr wieder zurück und guckte, ob da jemand an der Seite lag", erzählt der heute 37-Jährige. Bis zu 20 Mal muss er umkehren, bis er Ruhe findet. "Ich stieg sogar aus und schaute in den Graben." Sprechen kann er zu jener Zeit über sein Verhalten mit niemandem, zu groß ist die Scham. Die Ärzte behandeln weiter seine körperlichen Beschwerden und Depressionen.

Erst als Antonius Mers 27 Jahre alt ist, rund 20 Jahre nachdem zum ersten Mal seine Symptome auftraten, bekommt er die richtige Diagnose: Er hat eine Zwangserkrankung. Eine Krankheit, bei der der innere Regelkreis von denken, handeln, sich selbst vertrauen und es gut sein lassen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Schätzungsweise 1,5 Millionen Deutsche sind davon betroffen. Sie haben Kontrollzwänge wie Mers, Putzzwänge, Ordnungszwänge, Waschzwänge oder Zählzwänge, sie müssen krankhaft Dinge horten oder sie nach bestimmten Ritualen berühren.

Schon als Kind treten erste Symptome auf

Die Ursachen der früher fälschlich als "Zwangsneurosen" bezeichneten Erkrankungen sind wissenschaftlich noch nicht genau geklärt: Genetische Veranlagung, traumatische Erlebnisse und Störungen der Hirnfunktion werden diskutiert. Oft treten die ersten Zwangssymptome bereits in der Kindheit auf - wie im Fall von Mers, der sich als Kind dauernd die Hände waschen musste.

Die Geschichten der Betroffenen ähneln sich: Sie können kein Ende finden; sie müssen immer wieder von vorn anfangen; sie sind machtlos gegen den inneren Drang; sie wissen, dass ihr Verhalten eigentlich Quatsch ist. Sie fühlen sich ausgelaugt und verzweifelt, kommen nicht mehr aus der Wohnung, können keine Freunde treffen und schaffen es nicht, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen.

Die quälenden Auswüchse des Leidens fallen dagegen sehr unterschiedlich aus: Manche schrubben sich die Haut den halben Tag lang mit Seife ab, weil sie sich vor Bakterien ekeln. Andere überprüfen stundenlang, ob Herd und Kaffeemaschine ausgeschaltet sind, weil sie befürchten, ihre Wohnung könnte abbrennen. Wieder andere rütteln immer wieder am Türschloss - aus Angst vor Einbrechern.

Sie schrubbt Blumentöpfe von innen

Christina Pottebaum musste seit ihrem 18. Lebensjahr wie besessen ordnen und putzen. "Jeder neue Tag war ein Graus", sagt die 39-jährige Mutter von zwei Söhnen. "Denn dann ging der ganze Mist wieder von vorne los."

Um fünf Uhr aufstehen, um vor der Arbeit noch aufzuräumen. In einem Haushalt, der ohnehin schon picobello ist. Also schrubbt sie jahrelang Blumentöpfe von innen aus, sortiert Tassen millimetergenau in den Schrank und faltet Wäsche auf Kante. Und sie putzt Fenster, wenn es draußen noch dunkel ist. Hinter heruntergelassenen Rollläden, damit die Nachbarn nichts mitbekommen.

Und nach der Arbeit muss sie weitermachen, getrieben von sich selbst. Sortieren, polieren, aufräumen. Ausgelaugt fällt sie ins Bett, müde, traurig und hilflos, weil sie weiß, dass der nächste Tag genauso laufen wird. "Es war nie gut, es war nie zu Ende", sagt sie. "Ich konnte mich nicht verabreden, ich konnte kein Buch lesen, bevor ich nicht das Gefühl hatte, es sei alles in Ordnung. Aber für mich war nie alles in Ordnung."

Ihr damaliger Ehemann fühlt sich kontrolliert und gegängelt, ihre Eltern sind überfordert und ratlos. Christina Pottebaum wird wegen ihrer Kopfschmerzen und der Müdigkeit behandelt - aber kein Mediziner erkennt die tiefer liegenden Gründe. Auch, weil die Krankenkassenangestellte den Ärzten lange ihr seltsames Verhalten verschweigt. Erst als sie 30 ist, sucht sie in höchster Not die Nummer eines Gesundheitszentrums aus dem Branchenbuch und schildert offen ihr Problem. Und sie ist erstaunt und erleichtert, als der Psychologe am anderen Ende der Leitung sagt: "Ich weiß, was Sie haben: eine Zwangserkrankung. Ich kann Ihnen helfen."

Christina Pottebaum schluckt Antidepressiva, die den schlimmsten Druck von ihr nehmen. Und sie lernt in Verhaltenstherapien, wie sie mit der Angst umgehen kann, die einsetzt, wenn sie den Zwängen zu widerstehen sucht.

Angst übernimmt die Regie über das Leben

Angst - das ist das immer wiederkehrende Wort dieser Krankheit. Angst, etwas falsch zu machen. Angst, Schuld auf sich zu laden. Angst, von Mikroben verseucht zu werden. Es ist eine Angst, die die Regie über das Leben übernimmt und die Betroffenen durch ihren Alltag scheucht. Eine Angst, die hetzt und befiehlt und deren Stimme lauter wird, je mehr sie verdrängt werden soll.

Ebenso groß ist die Angst, sich zu offenbaren. Zwangserkrankungen sind ein heimliches Leiden. Der Betroffene schämt sich - und schweigt. Wer gibt schon gern zu, Woche für Woche das Desinfektionsmittel gleich kartonweise zu kaufen? Wer offenbart schon gern seine horrenden Strom- und Wasserkosten für endlose Duschgänge?

Die Angehörigen meinen meist, eine Mischung aus Spleen, Starrsinn und Besserwisserei stecke hinter dem seltsamen Verhalten. Dass es eine Krankheit mit solchen Symptomen gibt, wissen die meisten nicht. Viele Eltern, Geschwister oder Partner versuchen, das Problem selbst zu lösen. Sie nehmen dem Zwangskranken die Kontrollgänge durch die Wohnung ab, rütteln selbst an der Tür oder drehen an den Knöpfen des Herdes, damit es schneller geht.

Damit verbessern sie nichts. Im Gegenteil: Sie werden zu Komplizen der Krankheit und lassen sich in das nervenaufreibende Geflecht der Zwangshandlungen hineinziehen. Erst ganz spät nehmen die Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch.

Bis zur Diagnose können Jahrzehnte vergehen

"Die Erkrankten offenbaren sich erst, wenn der Leidensdruck unerträglich wird", sagt Professor Iver Hand, Psychiater und Spezialist für Zwangserkrankungen am Uniklinikum Eppendorf in Hamburg. Wenn etwa der Arbeitsplatz gefährdet ist, weil die Betroffenen es vor lauter Putzen oder Kontrollieren nicht mehr aus dem Haus schaffen. Oder wenn ein Streit in der Familie eskaliert, weil der Erkrankte mit Gewalt aus dem Badezimmer gezerrt werden muss. "Manchmal vergehen 30 Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird", sagt Hand.

Spezialisierte Psychiater und Psychologen arbeiten mit unterschiedlichen Methoden gegen Zwänge. "Medikamente helfen erst einmal, den Druck zu nehmen. Die Wirkung hält aber meist nur so lange, wie die Mittel eingenommen werden. Nach dem Absetzen kommt es in bis zu 90 Prozent zu Rückfällen", sagt Iver Hand. "Von Verhaltenstherapie profitieren 50 bis 70 Prozent der Patienten längerfristig." Oft bliebe allerdings eine Restsymptomatik. "Viele Patienten bekommen immerhin ihr Berufs- und Familienleben wieder geregelt", so Hand.

Kaffeemaschine an und ab vor die Tür

Eine der größten Herausforderungen für die Erkrankten sind so genannte Reizkonfrontationsübungen. Dabei sollen die Patienten in bestimmten Situationen ihrem Zwang widerstehen und lernen, mit der aufsteigenden Angst und den unangenehmen Gefühlen umzugehen. Holger Müller aus Treuchtlingen beispielsweise musste während einer Klinikbehandlung in der Stationsküche alle elektrischen Geräte anschalten: Kaffeemaschine, Herd und Wasserkocher. Danach sollte er den Raum verlassen und vor der Tür bleiben.

"Ich bekam Schweißausbrüche und Herzrasen, weil ich dachte, dass vielleicht die Geräte durchbrennen oder Feuer ausbricht", sagt der 45-Jährige. "Aber ich merkte auch, dass die Angst allmählich abebbte." Inzwischen kann Müller wieder seine Wohnung verlassen, ohne wie früher eine Stunde lang alle Schalter zu kontrollieren.

Auch Frank Kaspari aus Neuss profitierte von den Übungen. Früher duschte er bis zu sechs Stunden am Tag, weil er sich dauernd schmutzig fühlte. Während einer stationären Therapie lernte er es auszuhalten, sich nur morgens und abends die Hände zu waschen und zwischendurch sogar eine öffentliche Toilette auf dem Klinikgelände zu benutzen.

Zwänge bringen ein Sicherheitsgefühl

Sich von den Zwängen loszusagen - das ist ein langer und anstrengender Prozess. Denn die Zwänge erfüllten über Jahre hinweg bestimmte Funktionen in den jeweiligen Lebensläufen. Iver Hand und seine Kollegin Susanne Fricke haben einen Ratgeber geschrieben, der erklärt, wie man sich von Zwängen befreit. Darin veranschaulichen sie auch, warum die Betroffenen so schwer von der Krankheit loskommen: Sie bringt einen "Nutzen" ein. Zum Beispiel ein Sicherheitsgefühl, weil die Tagesabläufe immer die gleichen sind.

Es gibt keine Langeweile mehr, weil man stundenlang beschäftigt ist. "Zudem muss der Betroffene sich nicht mit tiefer liegenden Problemen auseinander setzen", sagt Iver Hand, "der Zwang füllt das Leben schließlich völlig aus." Dieser Deal funktioniere allerdings irgendwann nicht mehr. Nämlich dann, wenn die negativen Emotionen, die Scham, das schlechte Gewissen und die Kritik der Umwelt immer stärker würden.

Sie riss sich stundenlang Haare aus

Zwang als unbewusste und vordergründige Beruhigung, als Ablenkung von den eigentlichen Problemen - das hat auch Antonia Peters aus Hamburg erkannt. Die 47-Jährige leidet seit der Kindheit an einer speziellen Unterform der Zwangserkrankungen, an der so genannten Trichotillomanie. Das bedeutet: zwanghaftes Haareausreißen. Antonia Peters begann damit, als sie elf war. Damals war sie auf einer Kinderkur und merkte, dass ihr Heimweh durch das Rupfen erträglicher wurde.

Später tat sie es, ohne darüber nachzudenken. Meist eine Stunde pro Tag, manchmal bis zu vier Stunden. "Wenn ich angespannt oder traurig war, wenn ich Ärger im Beruf hatte, dann verschaffte ich mir so Erleichterung", sagt sie. Die aktuellen Konflikte traten in den Hintergrund. Doch nach Jahren war das Leid um ein Vielfaches größer als die kurzzeitige Erleichterung: kahle Stellen, peinliche Fragen, Kopftücher und Perücken. Durch einen Zufall erfuhr Antonia Peters, dass ihre Krankheit einen Namen hat, ließ sich behandeln und leitet heute die Selbsthilfegruppe für Trichotillomanie in Hamburg.

Der Kampf gegen die Zwänge kann zur Lebensaufgabe werden, denn praktisch kein Betroffener behauptet von sich, völlig geheilt zu sein. Doch der Kampf lohnt sich. Frank Kaspari verbringt nicht mehr den halben Tag unter der Dusche. Holger Müller konnte eine Umschulung machen. Antonia Peters Haare sind nachgewachsen.

Christina Pottebaum, die Frau mit dem Putz- und Ordnungszwang, und Antonius Mers, der Mann, der alles kontrollieren musste, erlebten eine ganz besondere Form der Bewältigung: Sie haben sich in einer Selbsthilfegruppe kennen gelernt, ineinander verliebt und sind nun ein Paar. Ein untrügliches Indiz für ihre Genesung hat vier Beine, heißt Leo und darf durch den ehemals klinisch reinen Haushalt tapsen. "Einen Hund zu haben", sagt Christina Pottebaum lachend, "das wäre früher für mich undenkbar gewesen."

Anika Geisler print

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