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"Die Reise der Störche": Prinzesschen der Lüfte

Sie hat einen Freund, ein Nest und sogar eine eigene Homepage: Prinzesschen, Weißstorch-Dame im besten Alter, reist jedes Jahr von Sachsen-Anhalt ins 10.000 Kilometer entfernte Afrika. Ein TV-Team hat sie begleitet.

Von Jens Lubbadeh

Prinzesschen trägt ihren Namen nicht ohne Grund: Mit ihrem schwarz-weißen Federkleid, ihrer grazilen Statur und ihrem unerschütterlichen Willen bezirzt die 17-jährige Storchendame aus Sachsen-Anhalt die Ornithologen Christoph und Michael Kaatz bereits seit über zehn Jahren.

Seit 1994 ihrem Nest treu

1994, als sie das erste Mal in Deetz, dem Wohnort der beiden Wissenschaftler brütete, verpassten die Kaatzens der Storchendame sofort Ring und Sender. Prinzesschen schien ihnen das nicht übel genommen zu haben - seitdem kehrt sie jedes Jahr von ihrem Afrika-Zug in den kleinen Ort bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt zurück.

"Keiner 'Frau' in meinem Leben bin ich wohl je so hartnäckig hinterhergelaufen", sagt Christoph Kaatz, Jahrgang 1938. Wie der Vater, so der Sohn: Michael, 1970 geboren, ist ebenfalls Ornithologe, Storch- und vor allem Prinzesschen-Fan. Die beiden Vogelkundler entschlossen sich, dieser besonderen Dame in ihrem Leben einen Film zu widmen. Entstanden ist die zweiteilige Dokumentation "Die Reise der Störche", die Prinzesschen auf ihrem langen Zug nach Afrika begleitet.

Eine unberechenbare Hauptdarstellerin

Auf dem Storchenhof begann die über 10.000 Kilometer lange Reise. Fünf Monate lang verfolgte das Team die Weißstörchin mit Autos und Ultraleichtflugzeug über Polen, den Balkan, die Türkei hinüber nach Israel, über den afrikanischen Kontinent bis an den Indischen Ozean.

Wie anstrengend es ist, mit einer unberechenbaren Storchendame als Hauptdarstellerin zu drehen, wurde dem Team ziemlich schnell bewusst. "Wirklich planbar war das Unternehmen nicht", sagt Michael Kaatz. "Wir mussten auf viel Glück vertrauen." Doch Glück hatten sie: Als sich Prinzesschens Sender an einem der ersten Tage abends wie immer nach 16-stündigem Betrieb abgeschaltet hatte und der Vogel aber weiter flog als gewohnt, fanden sie die Weißstörchin nach langer Suche durch puren Zufall. Mitten auf einem Feld in Polen, unter vielen anderen Tieren. Es war die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen gewesen.

Eine gefährliche Tour

Die jährliche Tour der Weißstörche ist nicht ohne: Stromleitungen, Müllkippen mit giftiger Nahrung, Menschen in Südeuropa und Afrika, die sie jagen und essen - all diese Gefahren lauern auf der Reise in das warme Winterquartier. Vor allem junge Störche bleiben auf der Strecke: Zwei Drittel überleben den Vogelzug nicht, weil sie ihre Kräfte noch nicht richtig einschätzen können. Doch Störchen, die diese große Hürde einmal erfolgreich gemeistert haben, winkt ein langes Leben: "Übersteht ein Storch die ersten drei Jahre, kann er sehr alt werden, bis zu 30 Jahre", sagt Michael Kaatz.

Der Lohn für die Mühen des ZDF-Teams: ein Einblick in das Rätsel des Vogelflugs - immer noch eines der großen Naturgeheimnisse - und atemberaubend schöne Aufnahmen. Doch den Kaatzens ging es nicht nur um eindrucksvolle Bilder - sie wollen mit dem Film auch dem Artenschutz dienen. Denn die Zahl der Störche geht zurück: "In Dänemark, früher einmal das Storchenland Europas schlechthin, gibt es kaum noch Störche", sagt Christoph Kaatz. Und in Deutschland ist die Zahl der Storchenpaare von rund 4500 im Jahr 2004 auf 3670 im letzten Jahr gesunken.

Wer nicht kommt zur rechten Zeit...

"Die Reise der Störche" ist auch ein Porträt zweier Wissenschaftler, die sich mit Leib und Seele ihrem Forschungsgebiet verschrieben haben. Und es ist ein sehr persönliches Porträt eines Vaters und seines Sohnes mit der Leidenschaft für ein und dieselbe Frau. Diese Ménage à trois der ganz besonderen Art bietet viele humorvolle Augenblicke.

Prinzesschen ist übrigens nicht mehr Single: Die launische, zuweilen aggressive Storchendame hat mit Erik einen neuen Partner gefunden. Ihr ehemaliger Gefährte Jonas blieb in Spanien auf einer Müllkippe hängen - er war zu faul für den großen Flug nach Afrika. Auf der Müllkippe hatte er es sich mit einer jüngeren Gefährtin bequem gemacht.

Ob Prinzesschen dieses Jahr wieder mit Erik zusammen brütet, wird sich allerdings noch herausstellen. Die lange Reise unternehmen Störche stets getrennt voneinander. Und nur, wenn beide Tiere ungefähr zur gleichen Zeit am Nest ankommen, brüten sie zusammen. Auf unpünktliche Partner wird nicht lange gewartet - Störche sind nämlich nur ihrem Nest treu.