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60 Jahre Hiroshima: "Die Japaner waren schon geschlagen"

Die Entscheidung Präsident Trumans, die Atombombe einzusetzen, ist bis heute umstritten. Selbst führende Militärs zweifelten an der Notwendigkeit.

"Wir verwenden die Atombomben, um das Leiden des Krieges abzukürzen, um das Leben von Tausenden und Abertausenden junger Amerikaner zu retten", verkündete US-Präsident Harry S. Truman in einer Rede am 11. August 1945 seiner Nation. Die Kapitulation der Japaner drei Tage später schien ihm Recht zu geben. Der Zweite Weltkrieg war endlich vorbei, Japan besiegt, ohne dass amerikanische Truppen das Land erobern mussten.

Dabei wären, behauptete die Regierung in Washington, mindestens 500 000 US-Soldaten getötet oder verwundet worden. Die Militärs in Tokio hatten die japanische Bevölkerung aufgefordert, zur Not mit Bambusspeeren gegen die Amerikaner zu kämpfen und sich niemals zu ergeben. Lieber sollten sie kollektiven Selbstmord begehen. Die Marines bekamen bei der Eroberung der Insel Okinawa einen Vorgeschmack auf den fanatischen Verteidigungswillen der Japaner. Während der wochenlangen Kämpfe starben über 100 000 Japaner und mehr als 12000 US-Soldaten. Deshalb empfanden viele Amerikaner den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki als Segen. Noch Jahre später erklärte Truman, die Bombe hätte ihn nicht um den Schlaf gebracht. Der 6. August 1945 war für ihn bis zu seinem Tod "der größte Tag in der Geschichte."

Doch schon vor 60 Jahren widersprachen führende Militärs ihrem Präsidenten. Dwight D. Eisenhower, damals der Oberkommandierende der US-Truppen in Europa und später Präsident, war ein Gegner des Einsatzes, ebenso General MacArthur, Oberbefehlshaber der Truppen im Pazifik. Amerika hatte den Geheimcode der Japaner geknackt und wusste deshalb, dass der Gegner zu Verhandlungen über eine Kapitulation bereit war.

"Die Japaner waren schon geschlagen und bereit, sich zu ergeben. Der Einsatz dieser barbarischen Waffe gegen Hiroshima und Nagasaki half unseren Kriegsanstrengungen in keiner Weise", schreibt Admiral William D. Leahy in seinen Memoiren. "Durch ihre Erstverwendung haben wir uns den moralischen Standard von Barbaren des finstersten Mittelalters zu Eigen gemacht." Leahy war zur Zeit des Abwurfes Generalstabschef und damit ranghöchster US-Militär.

Der Abwurf der Atombomben war damals mehr eine politische als eine militärische Entscheidung. Es galt den zunehmenden Einfluss der UdSSR zu begrenzen. Die Truman-Regierung sah den Nochverbündeten bereits als zukünftigen Gegner im Kalten Krieg. Die Atombombe sollte die militärische Vormachtstellung der Amerikaner demonstrieren und den Vormarsch Stalins in Asien stoppen. Der hatte Japan am 8. August den Krieg erklärt. Amerika wollte den Krieg nun so schnell wie möglich beenden, damit Russland keine Ansprüche stellen konnte. Aber Präsident Truman hatte auch ein innenpolitisches Motiv. Die Bombe wurde eingesetzt, weil ihre Entwicklung ungeheuer viel Geld verschlungen hatte, mehr als zwei Milliarden US-Dollar, finanziert aus Geheimfonds. Die Ausgaben waren vor dem Kongress verheimlicht worden. Die Regierung konnte es sich nicht leisten, praktisch illegal ein Vermögen auszugeben, ohne am Ende ein überzeugendes Ergebnis vorzuweisen.

Jan-Philipp Sendker / print