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Alfred-Wegener-Institut: In der Kälte zu Hause

Die Arbeitsorte der Forscher des Alfred-Wegener-Institutes sind oft wenig gemütlich. Deutschlands renommiertestes Polarforschungsinstitut feiert sein 25-jähriges Bestehen.

"Unser Rekord waren so um die minus 44 Grad", erinnert sich Astrid Richter. Die Physikerin lebte vom Dezember 2003 bis Februar 2005 auf der Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis. Sie betreute dort das Spurenstoffobservatorium, das unter anderem den Gehalt von Kohlendioxid in der Atmosphäre misst und seine Herkunft bestimmt.

Forschungsschiff "Polarstern" ist seit 1982 unterwegs

Am 15. Juli 1980 wurde das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven gegründet. Ein Jahr später entstand die Neumayer-Station - ein Forschungslabor im Ewigen Eis. 1992 ersetzte ein Neubau die langsam im Schnee versinkende Station. Bisher überwinterten dort fast 220 Wissenschaftler - so wie Astrid Richter. Noch viel mehr Forscher arbeiten auf der Station während der antarktischen Sommer. Derzeit ist Neumayer III in Planung.

In der Arktis unterhält das AWI seit 1991 die Koldewey-Station. In beiden Regionen operiert die "Polarstern". Der 1982 in Dienst gestellte Eisbrecher versorgt die Stationen und ist ein schwimmendes Forschungsinstitut. Er ist voll gestopft mit neun Labors, Geräten, Messinstrumenten, Computern und Kühlräumen für Proben. Fast 6800 Wissenschaftler waren bereits auf der "Polarstern" unterwegs.

Klimaforschung ist zentraler Bestandteil

Im Gesamtprogramm aus Meeres-, Küsten- und Polarforschung nehme letztere den größten Raum ein, erläutert Prof. Heinrich Miller vom Direktorium des AWI. Das ergebe sich aus der besonderen Bedeutung der Polarregionen. "Sie steuern unser Klima, sie reagieren andererseits auch auf Änderungen des Klimas - und zwar schneller als die anderen Regionen der Erde. Man kann sie auch als Frühwarnsysteme ansehen."

Als "Erdsystemforschung" bezeichnet Miller die Arbeit des AWI. Es will die komplexen Zusammenhänge zwischen Atmosphäre, Biosphäre, den Meeren und den Polarregionen entschlüsseln. Dabei arbeiten Biologen, Physiker, Ozeanographen und Geologen eng zusammen.

Klimaforschung ist ein zentraler Bereich der Arbeit. Das Eis und die Sedimente des Meeresbodens ermöglichen dafür einen Blick zurück in die Vergangenheit. In der Kohnen-Station, rund 750 Kilometer von der Neumayer-Station entfernt, läuft das europäische Eisbohrprogramm EPICA. "Das älteste Eis, das wir bislang erbohren konnten, ist zirka 900.000 Jahre alt. Das ist schon ganz ordentlich", sagt Miller. "Aber mit Sedimentkernen kommt man viele Millionen Jahre zurück."

Klimaarchiv ewiges Eis

Doch das Eis ist laut Miller ein "ganz besonderes Klimaarchiv". Aus ihm lassen sich neben Temperaturen und Niederschlagsmengen der Vergangenheit auch Veränderungen in der Zusammensetzung der Atmosphäre herauslesen. "Das ist das einzige Archiv, aus dem wir zum Beispiel zweifelsfrei die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre ableiten können."

Was bringt die Forschung, die im laufenden Jahr rund 100 Millionen Euro verschlingt? Miller nennt ein Beispiel: "Man liest immer wieder: Die Klimakatastrophe kommt, die Erde erwärmt sich, die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt um 60 Meter. Durch unsere Arbeit wissen wir aber, dass - selbst bei den stärksten Erwärmungsszenarien, die man heute annimmt - diese Aussage in den nächsten 100 Jahren falsch ist." Diese Erkenntnis räume mit einem gängigen Vorurteil auf und nehme den Menschen vielleicht etwas Angst vor der Zukunft.

Neben neuen Erkenntnissen birgt das Eis auch viel Faszination. So schwärmt die Physikerin Astrid Richter von der unendlichen Weite und den Erlebnissen in der Natur. "Plötzlich kommt ein Pinguin auf dich zu und schaut dich an." Gegen die Kälte hilft eine gute Ausrüstung. Und manchmal ist es ja auch milder. "Wenn es im Sommer so minus 5 Grad hat, wenn es windstill ist und die Sonne schön scheint, dann kann man auch mal im T-Shirt draußen arbeiten. Kein Problem."

Ulrich Steinkohl, DPA