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"Wie eine Schildkröte denken": So geht Tierschutz an Amerikas Highways

Viel befahrene Straßen sind ein Problem für Tiere: Wie kommen sie auf die andere Seite? Schutz für Eichhörnchen und Kröten kennt man aus Deutschland - in Nordamerika dreht sich der Einsatz vor allem um Schildkröten und Alligatoren.

Ein toter Alligator in Florida (USA)

So wie dieser Alligator endeten in der Vergangenheit viele am Highway 27 im US-Staat Florida

Long Point am Eriesee gehörte lange Zeit zu einer traurigen Spitzengruppe: Das Unesco-Biosphärenreservat im Südwesten Ontarios (Kanada) belegte Platz 4 auf der Liste der "tödlichsten Schildkrötenstraßen" der Welt. Auf dem 3,6 Kilometer langen Abschnitt einer Dammstraße, die die Halbinsel mit dem Festland Ontarios verbindet, kamen Jahr für Jahr rund 10 000 Tiere ums Leben, darunter zahlreiche gefährdete

Tierschützer starteten deshalb 2006 eine große Schutzaktion - und melden nun, mehr als zehn Jahre später, Erfolg: Ein System aus Zäunen und Tunneln entlang der Straße ermöglicht Fröschen, Reptilien, aber auch Säugetieren endlich eine sichere Passage. Gefährdete Amerikanische Sumpfschildkröten, Landkarten-Höckerschildkröten und vor allem die in verbreitete, bis zu 30 Kilogramm schwere Schnappschildkröte haben nun wieder die Möglichkeit, sicher ihre Eiablagestätten im Big Creek-Sumpf auf der westlichen Straßenseite zu erreichen. 

Schutzmaßnahmen zeigen Wirkung

"Da der größte Teil des Dammes nun eingezäunt ist, hat sich die Zahl der Schildkröten auf der Straße um 89 Prozent verringert, die der Schlangen um 29 Prozent", berichtet die Biologin Chantel Markle (McMaster University). In einer Studie, die vor kurzem im "Wildlife Society Bulletin" veröffentlicht wurde, verglich sie frühere und aktuelle Todesraten der Tiere auf der Straße. Um die bevorzugte Wege der Tiere zu ermitteln, hatten die Forscher unter anderem Schildkröten mit Sendern versehen. 

Eine Schildkröte kriecht zu einem Tunnel, der unter einem Highway in Ontario hindurchführt

Eine Schildkröte kriecht zu einem Tunnel, der unter einem Highway in Ontario hindurchführt

Zuvor experimentierten die Tierschützer über Jahre hinweg mit verschiedenen Materialien für die Zäune und auch mit diversen Tunnelgrößen, mit und ohne Wasser. Längst nicht alles funktionierte. Über manche Begrenzungen kletterten die Tiere einfach hinweg, manche Tunnel wurden verschmäht. "Man muss wie eine Schildkröte denken", beschreibt Naturschützer Rick Levick das Prozedere. Geduld und Beharrlichkeit waren gefragt. 

Kunststofffolie als Zaun

Im Detail, so zeigt die Long Point-Studie, kommt es dabei vor allem auf die Zäune an. An Straßenabschnitten, die komplett mit robuster Kunststofffolie abgeriegelt waren, ging die Zahl der überfahrenen Tiere drastisch zurück - an Stellen, wo etwa private Einfahrten die Zäune unterbrechen, war das nicht der Fall. 

Dies bestätigt auch eine andere Studie, die relativ fragile Schutzzäune in einem anderen Teil Ontarios unter die Lupe nahm. Auch dort nutzten Schildkröten jedes Loch im Zaun, um auf die tödliche Straße zu kommen, während die Tunnel so gut wie ungenutzt blieben. 

Anwohner gegen Geldverschwendung

Die Frage nach der Wirksamkeit ist in Kanada und vor allem den USA jedoch wichtig - denn der Aufschrei bei der Verschwendung öffentlicher Gelder ist dort besonders groß. Die Schutzmaßnahmen in Long Point kosteten 2,7 Millionen Kanadische Dollar (etwa 1,79 Millionen Euro). Dort stoppte anfangs eine Gruppe namens "Freunde der Dammstraße" das Tierschutzprojekt, weil sie keine Steuergelder dafür einsetzen wollte. 

Ein Alligator im US-Staat Florida

Ein Alligator im US-Staat Florida

Ähnlich kämpften Tierschützer am Lake Jackson bei Tallahassee im US-Bundesstaat Florida über Jahre gegen den Steuersparwillen einiger Anwohner an. Der dortige, vielbefahrene Highway US 27, aufgeschüttet quer durch einen Seitenarm des Jackson Sees, war Platz eins auf der Liste der gefährlichsten Straßen für Schildkröten. Jährlich starben dort mehr als 2000 Schildkröten pro Meile (1,6 km). Sogar Alligatoren wurden beim Überqueren der Fahrbahn von Autos überfahren und tot oder verletzt liegengelassen. 

Alligator-Massensterben ist vorbei

Etwa alle zwölf Jahre trocknet der flachere Teil des Sees aus, und die Tiere versuchen in Scharen in den tieferen Seeteil zu wandern. Dann setzte regelmäßig ein wahres Massensterben ein. An manchen Tagen zählte der Biologe Matthew Aresco auf seinen Kontrollgängen Dutzende tote Schildkröten auf dem Highway. Schließlich gab die US-Regierung 3,4 Millionen US-Dollar (rund 3 Millionen Euro) für feste Schutzwände aus Kunststoff und vier Tier-Tunnel frei. "Seit die Öko-Passage 2010 fertig war, haben wir keine einzige tote Schildkröte oder toten Alligator auf diesem Teil des mehr gefunden", sagt Aresco. "Die Wände und die Tunnel funktionieren genau so, wie wir sie geplant haben."


Andrea Barthélémy/jnp/DPA

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